Schläpfers poetische Rätsel

Was wir bereits wissen
„Verwundert seyn – zu sehen“: Der Ballettabend „b.22“ von gut drei Stunden ist keine leichte Kost für die Düsseldorfer Kulturfreunde.

Düsseldorf..  Ein junger Künstler sitzt, springt oder irrt durch eine geheimnisvolle, dunkle Welt, die von einem kreisenden Mond beleuchtet wird. Er, Marcos Menha, trifft auf faszinierende, aber seltsame Wesen, ringt mit einem kraftvollen Athleten, oder lässt sich von einer Ballerina betören, die in hoher Danse d’Ecole über die Bühne schwebt. Am Ende bleibt er allein und wundert sich, dass das Leben so schnell vorüber gezogen ist. „Verwundert seyn – zu sehen“ so nennt Martin Schläpfer seine neue Kreation, mit der der neue Ballettabend „b.22“ in Duisburg beginnt.

Keine leichte Kost verabreicht der gefeierte Choreograph seiner Gemeinde, die ihn, trotz Verstörung, nach der Premiere ritualgemäß feierte. Aber so viel ist klar: Auch auf das Düsseldorfer Publikum, das dieses Stück im Mai sehen wird, kommt etwas zu: Als Ballett-Philosoph gibt Schläpfer poetische Rätsel auf, bereits mit dem Titel, den Schläpfer der Schopenhauerschen Schriftensammlung ‚Parerga und Paralipomena’ (Beiwerke und Nachträge) entnahm.

Mond-Objekt im dunklen Raum

Der abgedunkelte Raum, über dem ein Mond-Objekt schwebt und später Planeten in verschiedenen Sternbildern aufleuchten, stammt von Ausstatter Keso Dekker. Dessen minimalistische Strenge steht hier im Widerspruch zu den emotionalen, ausgreifenden Schrittfolgen, angetrieben von Skrjabin-Sonaten und Liszts „Grande Valse di bravura“ (Pianist: Denys Proshayev). Und zu der Geisterwelt, in die sich der Träumer Marcos flüchtet.

Immer wieder tauchen eine seltsam gewandete Stammeskönigin und sechs Frauen auf, ziehen den jungen Mann in ihren Bann und verschwinden wieder. Menha brilliert mit athletischer Technik, genauso wie mit ausdruckstarken Spiel-Sequenzen. In manchen Phasen der knapp 60 Minuten kommt die Choreographie zum Stehen, gleitet ab in Finsternis. Nicht zufällig widmete Schläpfer dieses Opus Bogdan Nicula – einem Tänzer, der mit ihm seit 15 Jahren arbeitet und seit einiger Zeit schwer erkrankt ist.

Nicht weniger anstrengend und irritierend, wenn auch brillant getanzt, wirkt „Ein Wald, ein See“, ein Schläpfer-Stück von 2006. Hier führen er und Allround-Musiker Paul Pavey in eine archaische Natur-Welt. Es trommelt, klappert und säuselt, Winde heulen und pfeifen, dann rattern Perkussions-Instrumente. Naturklänge, Jazz-Anlehnungen, archaische Folklore vereinen sich. In einem Dickicht aus silbrig gewellten Metallrohren (Bühne: Thomas Ziegler) dominieren Gruppenformationen in fließenden oder rhythmisch betonten Bewegungen. Nur selten lösen sich in dieser Schauerromantik Individuen von der Gruppe, kriechen, schlagen Flügel, schmiegen aneinander. Klischee-Bewegungen, die an freie Wildbahn erinnern, vereinen sich mit athletisch betonter Ästhetik à la Schläpfer.

Aus der düsteren Atmosphäre befreit, für kurze Zeit, das Stück „Moves“ von Jerome Robbins, ein Neoklassiker von 1959. Ohne Musik vollführt die exquisit trainierte Kompanie Tanz pur. Fazit: ein anstrengender Tanzabend voller Rätsel von gut drei Stunden.