Sahra Wagenknecht über Peer Steinbrück und die soziale Schere in Düsseldorf

Die Bundestagsabgeordnete Sahra Wagenknecht im Interview: Ihre Partei setzt im Wahlkampf auf Themen, weniger auf sie als Vorzeige-Linke.
Die Bundestagsabgeordnete Sahra Wagenknecht im Interview: Ihre Partei setzt im Wahlkampf auf Themen, weniger auf sie als Vorzeige-Linke.
Foto: WAZ FotoPool
Was wir bereits wissen
Die Düsseldorfer Bundestagsabgeordnete Sahra Wagenknecht (43) plaudert über Privates und Politisches: über die SPD und Peer Steinbrück, über Düsseldorf als Wohnort und Stadt der Kontraste, über die Offenheit der Düsseldorfer und die eigenen Chancen in ihrem Wahlkreis im Stadtsüden.

Düsseldorf.. Die Düsseldorfer Bundestagsabgeordnete Sahra Wagenknecht (43) plaudert über Privates und Politisches. Und sie verteilt Seitenhiebe gegen die SPD und ihren Kanzlerkandidaten.

Im Sommer wird sie 44 und was man ihrem Sternzeichen Krebs zuordnet, das könnte auch in manchen Punkten auf die profilierteste Frau aus den Reihen Die Linke, Sahra Wagenknecht, zutreffen. Auch wenn sie ganz sicher in diesem Wahlkampf streitbare Themen gerade mit SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück („Wer wirklich möchte, dass sich in diesem Land etwas zum Guten bewegt, der kann nicht Steinbrück wählen“) findet, ist sie – zumindest vom Sternzeichen her – ein friedfertiger Mensch. Beim Landesparteitag der Linke am Samstag in Essen ist die Düsseldorfer Bundestagsabgeordnete auf Platz 1 der NRW-Landesliste für die Bundestagswahl am 22. September gewählt worden.

Bereits im September 2009 kandidierte sie für den Düsseldorfer Süden und sicherte sich mit 9,7 Prozent ihr Ticket nach Berlin. Derzeit liegt Die Linke im Bundestrend bei acht Prozent. Sahra Wagenknecht hofft auch 2013, „das Wählerherz möge für mich und links schlagen“. Vorher stellte sich die Politikerin den Fragen der Düsseldorfer NRZ-Redaktion, plauderte über Politisches und Privates.


Ihr Wohnort

„Bis vor sechs Monaten hatte ich eine Wohnung in Oberbilk. Jetzt wohne ich vor allem im Saarland, und habe in Berlin noch eine kleine Abgeordneten-Wohnung.“ Die Wohnung in Düsseldorf hat sie deswegen aufgegeben: „Drei Wohnsitze sind einfach zu viel. Man schafft es nicht, die in Schuss zu halten, geschweige denn die Pflanzen zu versorgen. Aber mein Büro ist natürlich weiterhin in Düsseldorf.“


Die Düsseldorfer

„Ich mag die Düsseldorfer, sie sind offen, herzlich und direkt, selbst wenn sie meine Politik nicht teilen. Auch wenn ihnen etwas nicht passt, kommen sie auf einen zu und sagen es, aber freundlich. Das ist in Berlin nicht immer so.“ Wenn sie in Düsseldorf unterwegs ist, wird sie oft auf der Straße angesprochen: „Das ist kein Problem, denn so hat man direkte und unverfälschte Reaktionen der Menschen. Es wäre ja Quatsch als Politiker mit Sonnenbrille und Hut rumzulaufen um sich vor den Menschen zu verstecken. Das sind unsere Wähler und für die muss man sich Zeit nehmen.“

Als sie ihren Hauptwohnsitz noch in Oberbilk hatte, ist Wagenknecht oft angesprochen worden. „Auch in der Bäckerei nebenan hatte ich mit die unverfälschtesten Gespräche, da haben mir die Menschen oft ihre halbe Lebensgeschichte erzählt“, sagt die 43-Jährige, die die Düsseldorfer gerade wegen ihrer freundlichen Art schätzt. „Hier bin ich noch nie beschimpft worden, ich mag die Offenherzigkeit und Direktheit der Menschen.“

Sahra Wagenknecht über Düsseldorf, Stadt der sozialen Gegensätze

Düsseldorf ist für Sahra Wagenknecht eine Stadt der unglaublichen Kontraste. Düsseldorf steht für sie „sehr konzentriert für das, was in dieser Gesellschaft abgeht“. Das reiche Oberkassel und die glitzernde Kö, demgegenüber stehen auch die Wohnblöcke in Garath – „das sind Lebenswelten, die kaum etwas miteinander zu tun haben.“

Düsseldorf zeigt für sie auch das allgemeine Bild der auseinanderdriftenden Gesellschaft. Für die einen ist mehr als genug da, die anderen können sich kaum mehr etwas leisten. Das sei auch eine Frage der Mieten, die in Düsseldorf so exorbitant hoch sind (Preise von zehn Euro pro Quadratmeter gelten als normal) „dass da bei einem normalen Durchschnittseinkommen kaum mehr etwas übrig bleiben kann.“

Wohnen Sie selbst habe bei ihrer Wohnungssuche in Oberbilk „verkommene Löcher“ gesehen, für die geradezu unverschämte Preise verlangt wurden und bei denen „man nur noch den Kopf schütteln konnte“. Auch hier sei die kommunale Politik gefragt, aber die Rathausmehrheit in Düsseldorf „lässt es laufen“, kritisiert Sahra Wagenknecht – wenige Reiche, viele Arme, auf deren Kreuzchen setzt die 43-Jährige.


Ihre Fortbewegungs-Mittel

„Ich fahre gerne ICE, vor allem von Berlin nach Düsseldorf. Die Fahrtzeit nutze ich zum Arbeiten. Beim Fliegen ist das nicht so einfach.“ Auch mit dem Auto ist die Politikerin quer durch Deutschland unterwegs, vor allem zu Orten, zu denen es keine gute Zuganbindung gibt. Dafür stellen ihr Fraktion und Partei einen Fahrer, denn einen Führerschein hat sie nicht. Noch nicht: „Ich will den aber jetzt machen.“

Den hatte sie bisher bei dem guten öffentlichen Personennahverkehr in Berlin und Düsseldorf nicht benötigt. Im ländlich geprägten Saarland ist der Führerschein vor allem im Winter sinnvoll. Sahra Wagenknecht will den noch vor der Bundestagswahl machen. Unwohl wird ihr bei dem Gedanken, möglicherweise durchzufallen und dass das dann in bestimmten Medien hochgekocht wird. In ihrer Freizeit ist sie oft mit dem Fahrrad unterwegs. Vor allem daheim im Saarland. Aber auch Düsseldorf und die Umgebung hat sie schon erradelt: „Ich hatte mir extra einen Fahrradatlas gekauft.“

Peer Steinbrück "nicht glaubwürdig als Anwalt der einfachen Leute"


Ihr Wahlkreis im Düsseldorfs Süden

„Es ist kaum zu erwarten, dass ich den Wahlkreis direkt gewinne“, sagt Sahra Wagenknecht, die gegen SPD-Chef Andreas Rimkus und CDU-Ratsfrau Sylvia Pantel antritt. „Wir setzen daher auf eine Zweitstimmen-Kampagne.“ Denn die Zweitstimmen sind wichtiger für kleine Parteien, mit den Erststimmen werden die Direktkandidaten gewählt – in der Regel sind das die SPD- oder CDU-Kandidaten.

Rät sie den Wählern, die Erststimmen dem SPD-Kandidaten zu geben? „Nein, denn ich halte nichts von der aktuellen SPD-Politik. Die SPD muss spüren, dass ihr Kanzlerkandidat nicht die Interessen der Wähler vertritt. Daher freue ich mich auch über Erststimmen für mich.“


Die SPD

„Sie vertritt mit ihrer Agenda-Politik nicht die Interessen der Wähler. Und sie hat mit Peer Steinbrück einen Kanzlerkandidaten, der überhaupt keinen Bezug zu klassisch sozialdemokratischen Inhalten hat. Ich kenne viele Sozialdemokraten, die todunglücklich sind mit diesem Kandidaten. Nach den Entscheidungen, die er in seiner Zeit in NRW und danach als Bundesminister getroffen hat, ist er einfach nicht glaubwürdig als Anwalt der einfachen Leute. Statt dessen steht er für eine Politik, die sich den starken Wirtschaftsinteressen unterwirft.“

An eine rot-grüne Koalition nach der Bundestagswahl im September glaubt Sahra Wagenknecht nicht: „Ich frage mich, ob die SPD überhaupt den Kanzler stellen will. Alleine mit den Grünen ist das nicht zu machen. Ich rechne daher mit einer Neuauflage der großen Koalition, denn eine rot-rot-grüne Zusammenarbeit hat Steinbrück kategorisch ausgeschlossen.“ Sie zweifelt nicht daran, dass die Links-Partei, die traditionell in Ostdeutschland stark ist, trotz der letzten Landtagsschlappen in Nordrhein-Westfalen, Schleswig-Holstein und Niedersachsen wieder in den Bundestag einzieht.


Der Wahlkampf

Trotz des bundesweiten Bekanntheitsgrades setzt die Partei nicht auf ihrer Vorzeige-Linken sondern auf Themen wie Mindestlohn, Einführung der Vermögenssteuer oder Verbot von Leiharbeit. „Einen personalisierten Wahlkampf ohne Inhalte, wie die CDU es mit Frau Merkel machen wird, gibt es mit uns nicht.“ Überhaupt sei es Aufgabe von ihr und ihrer Partei, diejenigen zur Wahl zu bewegen, die völlig frustriert von den anderen Parteien sind: „Sie müssen wir motivieren, wählen zu gehen, um sich so Gehör zu verschaffen.“

Warum Die Linke Vermögenssteuer und Mindestlohn fordert


Die Vermögenssteuer

„Die Linke ist für die Einführung der Vermögensteuer. Das wird den ein oder anderen Düsseldorfer nicht freuen. Irrtümlich wird immer gedacht, dass bei der Vermögenssteuer der Mittelstand herangezogen wird, aber das stimmt nicht. Uns geht es um die richtig Reichen mit mehr als einer Million Euro Vermögen. Es gibt unter den vermögenden Deutschen übrigens auch einige, die gar nichts gegen eine solche Steuer haben, weil sie nämlich nicht wollen, dass unsere Gesellschaft noch weiter auseinander driftet.“


Der Mindestlohn

„Wir sind für einen Mindestlohn von 10 Euro. Es darf nicht sein, dass Menschen voll arbeiten, von ihrem Lohn aber nicht leben können und sich bei den Ämtern noch Geld holen müssen. Die Streiks beim Sicherheitspersonal haben dies gerade wieder eindrucksvoll gezeigt.“