Rockend
03.09.2011 | 14:00 Uhr 2011-09-03T14:00:00+0200
Düsseldorf.Zur Rockermähne reicht das schüttere Haar von Adi Altjohann nicht mehr, aber die Stimme ist noch voll da. Der quirlige 77-Jährige ist der Frontsänger der Rentnerband „66 Herz“, die sich am Freitag in der Tanzschule Fern auf den Auftritt beim Schadow-Straßenfest vorbereitete. Am 11. September stehen die über 20 Senioren zum ersten Mal vor Publikum auf der Bühne.
Einige von ihnen sind schon bei der Generalprobe aufgeregt wie kleine Kinder. Schauspielerin Jenny Jürgens, die die Senioren-Organisation „Herzwerk“ vor zwei Jahren ins Leben gerufen hat, muss zur Ruhe mahnen. „Das ist so ein wilder Haufen“, lacht sie. Chorleiter Stephan Kievel gibt das Signal für den ersten Song. „Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an...“ tönt es inbrünstig aus den Kehlen der Laiensänger. Und man glaubt ihnen jedes Wort. Das Durchschnittsalter der Band, die vor wenigen Wochen in einem von „Herzwerk“ organisierten Casting zusammengestellt wurde, liegt weit über 66 - müde oder leise aber ist da niemand. Mit hochroten Köpfen treiben sich die Musiker gegenseitig durch ihre Darbietung.
Als René Dörnenburg diese Begeisterung beim Seniorencasting spürte, wollte er niemanden einfach nach Hause schicken. Und so habe man neben der Band, die unter anderem aus Bassisten, Gitarristen und Schlagzeuger besteht, eben einen großen Chor gegründet, erklärt der Projektmanager, der die Idee zur Rentnerband hatte.
Zu Tränen gerührt
„Da sind wirklich richtige Granaten dabei“, schmunzelt Jenny Jürgens. Die Schauspielerin ist stolz auf ihre Rentner. Und zu Tränen gerührt, als die ihre lang vorbereitete Überraschung präsentieren: Ein eigenes Lied für die Organisation „Herzwerk“. Als eine weißhaarige Sängerin die Tränen in Jürgens’ Augen sieht, fängt sie selbst an zu weinen.
Das Projekt erhebt keinen Anspruch auf große Kunst oder musikalische Perfektion. Das ist Chorleiter Stephan Kievel ebenso bewusst wie den Musikern aus Leidenschaft. „Es sind diese magischen Momente, die uns antreiben“, sagt der Theaterpädagoge, der für den Auftritt auf dem Schadow-Fest zum ersten Mal mit Senioren zusammenarbeitet. Er sei sehr behutsam an die Arbeit mit ihnen herangegangen. „Ich habe mir immer bewusst gemacht, dass jeder von ihnen eine Persönlichkeit ist, die schon lange im Leben steht“, sagt Kievel.
Etwas problematisch sei es gewesen, dass den -Musikern während der vierwöchigen Probephase immer wieder der Mut abhanden gekommen sei - auch wenn das nach dem vor Energie strotzenden Auftritt bei der Generalprobe schwer zu glauben ist. „Die Hälfte der Arbeit bestand eigentlich im Motivieren“, erinnert sich der Chorleiter.
Treibende Kraft mit 85
Irmingard Waldhorst (85) macht nicht den Eindruck, als hätte sie motiviert werden müssen. Vielmehr scheint die Band-Älteste eine treibende Kraft der „66 Herz“ zu sein. Die schlanke Frau hat sich für den Probe-Auftritt sorgfältig geschminkt, an einer Halskette blitzt ein Bernstein. „Als ich in der Zeitung von dem Senioren-Casting gelesen habe, habe ich keine Sekunde darüber nachdenken müssen - ich bin sofort hin“, erzählt sie und fügt hinzu: „Gut, dass sich die Proben nicht mit meinen Sportstunden überschnitten haben“. Viele seien am Anfang etwas nervös gewesen, sagt Waldhorst. „Ich glaube, weil wir alle Laien sind, dachte Herr Dörnenburg erst, dass wir uns fürchterlich blamieren würden“ - das glaube aber jetzt niemand mehr. Damit an dieser Aussage auch wirklich kein Zweifel aufkommt, fängt die alte Dame gut gelaunt an zu singen: „Get your kicks on Route 66“.
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