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Stadtplanung

Reich, aber provinziell?

09.04.2008 | 16:22 Uhr

Auf seinem spannendsten Grundstück, dem Jan-Wellem-Platz, plant Düsseldorf Büroklötze. Wird's der Bürgerentscheid verhindern?

Die Düsseldorfer Fangemeinde der Frankfurter Allgemeinen Zeitung sitzt im Wirtschaftsressort - bestimmt nicht im Feuilleton. Dort lästern sie gern über die „leichtsinnige Schöne am Rhein”. Reich, aber manchmal ein bisschen provinziell, ist oft ihr Fazit. Das darf man ungerecht finden, wie man das Ergebnis einer aktuellen Städteuntersuchung in der Sonntags-FAZ bizarr finden muss, in dem sich die Landeshauptstadt in der Beliebtheitsskala hinter Mannheim findet, der grauesten deutschen Maus mit Stadtrechten. Doch man kann sich ausmalen, wie die Reaktion in den Zeitungen sein wird, wenn Düsseldorf ein Stück Stadtplanung im Zentrum des Zentrums realisiert, die ein Bürgerentscheid an diesem Sonntag kippen will.

Die Stadt will den Jan-Wellem-Platz, am Rande von Königsallee und Hofgarten, mit zwei 26 Meter hohen Bürogebäuden auf einer Grundfläche von 9300 Quadratmetern bebauen und den Auto-, teilweise auch den Straßenbahnverkehr ringsherum mit mehreren Tunneln unter die Erde zwingen. Die Hochstraße „Tausendfüßler” soll abgerissen werden. Die steht noch unter Denkmalschutz, aber diese Hürde fürchtet man in Düsseldorf nicht.

Das Projekt heißt „Kö-Bogen”, weil die Bauten die Königsallee in einem Bogen zum Hofgarten verlängern und wird nach jetzigen Berechnungen 221 Millionen Euro verschlingen. Der Jan-Wellem-Platz soll etwa 40 Millionen bringen, weitere Baufelder werden frei, wenn der Tausendfüßler gefallen ist. Auch auf diesen Flächen sind Häuser geplant. Sie würden die Sicht auf das architektonisch anspruchsvolle Schauspielhaus und die schmucke Johanneskirche verstellen.

 Die Verkehrsplanung im komplizierten Tunnelgeflecht und in einer nach Norden abgeriegelten Königsallee gibt mehr Fragen auf, als dass sie welche beantwortet, und Sätze wie „der Verkehr wird sich seinen Weg schon suchen” klingen hilflos. Dass die Stadtplanung moderner Metropolen das Auto längst wieder an der Oberfläche sieht, weil Verkehr ein Stück Urbanität bedeutet, es hat sich bis Düsseldorf nicht herumgesprochen. Mit der 650 Millionen Euro teuren Wehrhahnlinie, deren Baustellen bis 2014 die Innenstadt durchziehen, wird auch noch die Bahn ins Unterirdische verfrachtet.

Gleichwohl verströmt die Idee des Kö Bogen Charme, die 2003 auf der Immobilienmesse „Mipim” in Cannes aus der Taufe gehoben wurde. Kö und Hofgarten werden nicht mehr durch eine Straße getrennt, der Jan-Wellem-Platz, seit Jahren eine hässliche Fläche, von Straßenbahnschienen-Salat durchzogen, soll mit einer Bebauung aufgewertet, der angrenzende Hofgarten vergrößert werden.

 Gerade um die Bauten aber ist der Streit ausgebrochen. Zu groß, zu nah am Park, zu langweilig die Architektur, zu uninteressant die vorgesehene Nutzung: Büros auf 42 000 Quadratmetern, für die bereits die Trinkaus-Bank Interesse angemeldet hat. Zudem seien die Bürger nur mit Alibiveranstaltungen abgespeist worden - eine zutreffende Beschreibung der städtischen Öffentlichkeitsarbeit, die sich eher als Geheimniskrämerei entpuppte.

Weil Bürgerentscheide laut Gesetz nicht in die Bauleitplanung eingreifen dürfen, setzt eine Initiative den Hebel beim Verkauf des Platzes an - soll er in städtischer Hand bleiben, lautet ihre Sonntagsfrage. Und stimmen 91 588 Düsseldorfer, ein Fünftel der Wahlberechtigten, mit „Ja”, müsste die Stadt zwei Jahre mit dem Verkauf warten. Ringsherum buddeln darf sie indes, und OB Joachim Erwin (CDU) hat angekündigt, dass alle verkehrspolitischen Beschlüsse umgesetzt würden.

 Die Initiative, von SPD und Grünen unterstützt, hofft darauf, dass in einer zweijährigen Denkpause ein städtebaulicher Wettbewerb originellere Ideen zutage fördert als Büroklötze, die das Ergebnis einer falschen Reihenfolge in der Städteplanung wären. Wenn das oberste Ziel lautet, mit dem Grundstückserlös das Tunnelstück zwischen Königsallee und Hofgarten zu finanzieren, muss man einem Investor eine bestimmte Baumasse gewähren, damit er bereit ist, die gewünschte Summe zu bezahlen.

Eine Verknüpfung, über die Architekten und Planungsexperten den Kopf schütteln. Die Stadt müsse sagen, was sie wolle und dürfe sich nicht fremdbestimmen lassen. Noch dazu auf einem Grundstück, von dem Makler ohne Lokalpatriotismus behaupten, es gehöre zu den attraktivsten, die in Europa auf dem Markt seien.

 Jochen Kuhn, der einst bei Schneider-Esleben das legendäre „Mannesmannhaus” am Rheinufer plante, fordert stellvertretend für viele einen architektonischen Hingucker an dieser Stelle und erinnert an die Gehry Bauten, aber auch an Historisches wie das Wilhelm-Marx-Haus, Deutschlands ers-tes Hochhaus oder das Dreischeibenhaus hinter dem Jan-Wellem-Platz. „Hamburg baut die Elbphilharmonie, darüber redet man in Europa”, erinnert Hartmut Miksch, Präsident der Architektenkammer, „und wir wollen so einen Zweckbau?”

Das kann in der Tat niemand wollen. Außer den Lästermäulern des FAZ-Feuilletons.

Frank Preuss

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Kommentare
10.04.2008
17:57
Reich, aber provinziell?
von PeterPeisert | #16

@Städtebaulich interessanter wäre ein Pendant zum Dreischeibenhaus. - aber keine Kopie - anders gestaltet und deutlich höher oder niedriger.

Übrigens: Warum bekümmert keine Bürgerinitiative, dass man Hochhäuser in Düsseldorf nur voll verglast baut - während man in Frankfurt recht schöne Entwürfe hinkriegt? Z.B. das neue Haus an der Frankfurter Oper, sehr elegant - da werden sogar Hochhausgegner weich...

10.04.2008
17:51
Reich, aber provinziell?
von M. Schwarz | #15

Sicherlich, der Platz bedarf einer Neugestaltung. Aber bitte nicht diese bisher präsentierten Kästen! Langweilig und klotzig. Städtebaulich interessanter wäre ein Pendant zum Dreischeibenhaus. Dadurch würden sich der Flächenbedarf verringern und Sichtachsen erhalten bleiben.

10.04.2008
17:06
Reich, aber provinziell?
von PeterPeisert | #14

Diversifizierte Fassaden, wollte ich schreiben. Es gibt auch in Düsseldorf mehrere Beispiele, wo für ein Bauprojekt MEHRERE unterschiedliche Fassaden entworfen werden - und nicht so ein Einheitsbrei.

10.04.2008
17:04
Reich, aber provinziell?
von PeterPeisert | #13

Wie am Anfang bemerkt - die Beispiele der Hingucker sind allesamt Hochhäuser. Ja, ein Hochhaus näher der Berliner Allee könnte entstehen, dann hat HSBC darin und im niedrigeren Teil (der auch difersifizierte Fassaden haben kann) diese 40.000 qm. Den zweiten Straßenblock kann man anders nutzen (Mietbüros, Wohnungen, Hotel) - und natürlich kleinteilig gestalten.

Eine gemeinsame Fassade für beide Blöcke - das ist KEIN echtes Interesse des Investors (eher Faulheit der bisher beteiligten Architekten).

Handel/Gastronomie in den EGs der Straßenblöcke setze ich selbstredend voraus.

10.04.2008
16:50
Reich, aber provinziell?
von Meinungsfreiheit | #12

@ Hr. Peisert bezügl. Interessen der Investoren. Zitat Andreas Schmitz, Vorstandssprecher des Bankhauses HSBC Trinkaus & Burkhardt am 4.4.08 = „Die zwei Gebäude auf dem Jan-Wellem-Platz wolle man – bis auf einige hundert Quadratmeter für Einzelhandel – komplett selbst nutzen“ HSBC möchte die auf 6 Standort in Düsseldorf untergebrachten Mitarbeiter in dem neuen Gebäude zusammen legen. Momentan hat die Bank 2000 Mitarbeiter, nach Aussage von Hrn. Schmitz benötigt HSBC für die Zusammenlegung 40.000 m2 Bürofläche

10.04.2008
16:39
Reich, aber provinziell?
von PeterPeisert | #11

@Interessen der Investoren - Die betreffen eigentlich nur ein bestimmtes Minimum der Nutzfläche - es gibt kein konkretes Interesse, dass dieser etwas so ödes wie eine DDR-Plattenbausiedlung als Einheitsfassade vorgesetzt werden soll.

10.04.2008
16:37
Reich, aber provinziell?
von PeterPeisert | #10

@Braun: Wenn sogar Architekten, die eher Bausünden als was schönes begehen, die Dinger kritisieren, dann sind die geplanten wirklich grottenschlecht. Die Einstellung grottenschlechte Planung wird 1:1 so gebaut halte ich für genauso doof wie nix wird gebaut.

BTW: Es gibt auch gleich mehrere Threads zum Thema im WAZ-Forum.

10.04.2008
16:16
Reich, aber provinziell?
von Meinungsfreiheit | #9

HuHu mir graust so fürchterlich, Düsseldorf bevölkert von „verbitterte Greisen“ und „Ansammlungen von Ich-bin-gegen-alles-aber-vor-allem-gegen-Erwin“- Aufrührern. Na mal gut, das wir da noch den wackeren Hubert haben. Trotzdem wähle ich am 13.4 mit JA. JA weil diese CDU/FDP Stadtplanung einfach nur grottenschlecht ist. JA weil die vorhandene Planung gegen Denkmalschutz (das betrifft neben dem Tausenfüssler auch den Hofgarten) verstößt. JA weil die vorhandene Planung nicht zu einer Verbesserung für die D’ dorfer führt, sondern sich nur an die Interessen der Investoren richtet.

10.04.2008
15:51
Reich, aber provinziell?
von Ubik | #8

Stimmt - Lassen wir den Braun in Zukunft Rechts liegen und sehen uns gleich in der Stadt.

10.04.2008
14:34
Reich, aber provinziell?
von Erwin Schwarz | #7

Wollen wir keinen Nebenschauplatz eröffnen. Wenn die Argumente fehlen, wird auf die Anti-Erwin-Strategie verwiesen. Und das Geld für den Bürgerentscheid, das hätte die Stadt auch längst für einen echten Wettbewerb bei Einbeziehung der Bürger ausgeben können.
Für den Schlamassel sind nicht die Bürger verantwortlich zu machen, die sich der städtischen Fehlplanung in den Weg stellen.

Ich bin auf die Ideen der Studenten gespannt, die schon an Alternativvorschlägen arbeiten. Hätte so etwas nicht schon längst stattfiniden können? Hatte man in der Stadtspitze Angst vor zuviel Kreativität?

Überschätzen wir nicht die Bremswirkung eines Herrn Braun... aber das JA am Sonntag bleibt wichtig, um den bereits begonnenen Prozess zu beschleunigen.

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