Gewalt
Polizei steht nach Derby-Krawallen in der Kritik
09.02.2010 | 09:53 Uhr 2010-02-09T09:53:00+0100Düsseldorf. Fortuna-Anhänger warfen Steine, Mülleimer und Flaschen auf die Straßenbahnen, in denen Fans des MSV Duisburg und der Fortuna saßen. Die Polizei hat nach den Derby-Randalen am Sonntag 19 Ermittlungverfahren eingeleitet - und steht selbst wegen ihrer Taktik in der Kritik.
Die Randale nach dem Derby Fortuna gegen MSV Duisburg rund um den Freiligrathplatz werden strafrechtliche und politische Konsequenzen nach sich ziehen.
Wie berichtet, wurden am Sonntag drei Stadtbahnen und ein Bus von Hooligans angegriffen und beschädigt. Die Täter warfen Steine und Flaschen gegen die Züge, berichtet die Rheinbahn. Großes Glück hatte ein Bahn-Fahrer. Ein Stein flog gegen seine Scheibe. Er blieb unverletzt. Einen von 800 Fortuna-Fans besetzten Bahnsteig musste die Polizei räumen. Rund um den Freiligrathplatz hatten sich zeitweise tausend Menschen versammelt. Viele waren Schaulustige, unter die sich eine unbekannte Zahl von Fußballrowdies mischte, die auf Radau aus waren.
Ein Polizist und ein Fortuna-Fan verletzt
Die bisherige Bilanz: Eine Polizistin und ein Fortuna-Fan wurden verletzt. Die Dunkelziffer liegt möglicherweise weitaus höher. Die Polizei nahm zehn Randalierer fest und leitete 19 Ermittlungsverfahren wegen Sachbeschädigung, Körperverletzung und möglicherweise wegen „gefährlichen Eingriffs in den Schienenverkehr” ein.
Auch die Rheinbahn stellte jetzt Strafanzeige. Und sie fordert, dass die Politik handelt. Sprecher Georg Schumacher zeigt sich verärgert: „Wir müssen einfach feststellen, dass das nicht gut gelaufen ist und dass es so nicht weiter gehen kann. Wir werden und wollen uns nicht daran gewöhnen, dass zu jedem Fußballspiel demolierte Bahnen gehören.”
"Mama, kommen wir nie mehr raus?"
Von dieser Linie wird Rheinbahn-Chef Dirk Biesenbach keinen Stück abrücken, wenn er jetzt Stadt, Polizei und Bundespolizei zu einem Gespräch einlädt, um über die Folgen zu beraten. Tenor: Die Angriffe von Rowdies auf Bahnen und Fahrgäste müssen aufhören!
Wie dramatisch die Situation am Sonntag am Freiligrathplatz war, schildert Stefanie Witte, die sich mit drei erwachsenen Begleitern und zwei Kindern (vier und fünf Jahre) nach dem Spiel auf dem Heimweg machte. „Wir stiegen mit circa 20 weiteren Fortuna-Fans in eine fast leere Bahn. Am Freiligrathplatz stiegen 30 bis 40 Duisburger ein. Eine Station weiter kam in Sekundenschnelle eine wahnsinnige Unruhe auf. Die Duisburger schrien: Macht die Fenster zu! Haltet die Türen zu! Sie kommen! Meine Tochter schrie: Mama kommen wir nie mehr raus? Wir legten uns schützend über die Kinder.”
"Von den eigenen Leuten eingekesselt"
Wie Stefanie Witte weiter berichtet, stürmten im nächsten Moment bis zu 40 Fortuna-Anhängern auf die Bahn zu und „beschmissen sie mit Steinen, Mülleimern und Flaschen.” Es kam zu Prügeleien. Die Mutter, selbst Fortuna-Fan: „Die Angst war so groß, das Hämmern gegen die Scheibe so laut. Von den eigenen Leuten eingekesselt!”
Frau Witte schreibt, dass die Duisburger Fans im Zug ihr und die Kinder dabei halfen, sich in Sicherheit zu bringen. „Wir liefen unter Schock zitternd weiter. Das hat doch nichts mit Fußball zu tun. Es muss eine Konsequenz geben”, fordert sie.
Kritik an der Polizei und Hunden ohne Maulkorb
Eine andere Augenzeugin kritisiert das Verhalten der Polizei bei der Räumung des Bahnsteiges der U 79-Haltestelle Freiligrathplatz. Die Polizei habe, so die Düsseldorferin Nora Hunger sofort mit dem Einsatz von Diensthunden gedroht. „Wir hatten kaum eine Ausweichmöglichkeit, da direkt hinter dem Bahnsteig ein Zaun war. Reden konnte man mit den Polizisten zu diesem Zeitpunkt nicht mehr. Auf dem Bahnsteig waren auch viele kleine Kinder. Friedliche Fans wollten einfach nur nach Hause fahren und die Polizei hat mal wieder gezeigt, wie überzogen sie reagieren kann.”
Der Einsatzleiter Hans-Joachim Kensbock-Rieso betont, dass er keine Alternative hatte. „Wir mussten räumen.” Die Gefahr weiterer Schlägereien zwischen den gegnerischen Fans war zu groß. Und an der Haltestelle wurde es zu eng, konnte kein Zug mehr fahren. „Wir werden den gesamten Einsatz noch einmal genau analysieren”, versicherte Kensbock-Rieso. „Und ich werde die beiden Leserbrief-Schreiber zum Gespräch einladen.”
Günter Karen-Jungen (Grüne) kritisiert, dass die Polizeihunde keinen Maulkorb trugen. „Das war unverhältnismäßig”. Drei Fans hätten Bisswunden erlitten.
Kein Defekt: Fans hatten die Notbremse gezogen
Der Kriminalpräventive Rat wird sich im März mit den Krawallen beschäftigen. Geschäftsführer Michael Klein erklärt, dass es darauf ankomme, die Fans nach den Spielen möglichst schnell nach Hause zu bekommen. „Da sind wir für jede Idee offen.” Fortuna-Präsident Peter Frymuth hebt hervor, dass der „reibungslose Abtransport” besonders wichtig sei.”
Die Situation sei deshalb so schwierig geworden, weil ein Zug angeblich wegen technischer Probleme stecken blieb. Die Rheinbahn weiß es inzwischen besser: Es war kein technischer Defekt. Fußball-Fans hatte die Notbremse gezogen und die Türen aufgerissen, vermutlich um die Strecke zu blockieren. Wie so oft zuvor.
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