Pflege, das ist Dauerstress
24.01.2011 | 16:58 Uhr 2011-01-24T16:58:00+0100
Düsseldorf. „Das Schlimmste ist die Angst, was zu übersehen. Oder was zu vergessen“, sagt Regina Landwehr (54), Krankenschwester auf einer Kinderstation des Uniklinikums.
Denn ein Moment der Unaufmerksam kann ein Leben gefährden. Dass Krankenhäuser massive Personalprobleme haben, ist bekannt. Dass Pflegekräfte überlastet sind, auch. Wie aber so ein Alltag am Krankenbett tatsächlich aussieht, berichteten gestern Mitglieder der Gewerkschaft Verdi bei einer Protestaktion vor dem Carschhaus - eine Woche vor Beginn der neuen Tarifrunde. Regina Landwehr: „Jeder von uns kennt das Gefühl, dass es gerade noch mal gut gegangen ist.“
Permanente
Überlastung
Verdi untermauert solche Sätze mit Zahlen: „Vier von fünf Pflegekräften sagen, dass sie wegen permanenter Überlastung Pannen in der Versorgung von Patienten nicht ausschließen.“ Frage an Regina Landwehrs: Was heißt das? „Das kann bedeuten, dass ein Patient ein falsches Medikament bekommt oder eine falsche Dosierung.“ Und ihre Kollegin Annette Ochs von der Frauenklinik ergänzt: „Ich habe bei Schichtbeginn eine Liste von acht, neun Dingen, die ich erledigen muss. Tatsächlich schaffe ich vielleicht eine Sache.“ Da begleite man aus Zeitmangel die Visite eben nicht, und habe deshalb vielleicht irgendeine Anweisung nicht richtig mitbekommen. „Und es passiert immer wieder, dass eine Patientin ein Medikament erst viel später bekommt, als eigentlich angeordnet war.“
Laut Verdi ist das bundesweiter Klinikalltag. Selbst dass Patienten unversorgt auf Krankenhausfluren liegen, wie neulich im Fernsehfilm „2030 - Aufstand der Jungen“ als düstere Zukunftsvision gezeigt, „ist doch längst Realität“, meint Verdi-Sprecher Günter Isemeyer. Allein im Düsseldorfer Klinikum seien rund 300 Pflegestellen (von insgesamt knapp 1600) zurzeit nicht besetzt. Personalrat Martin Koerbel-Landwehr berichtet von Stationen, „wo von 18 Stellen nur 12 besetzt sind.“ Allein auf der Kinder-Intensivstation würden zehn Schwestern fehlen. Auch in der Neurochirurgie, einer breiten Öffentlichkeit bekannt geworden, weil das Unfallopfer der „Wetten, dass...?“-Sendung im Dezember dort behandelt wurde, herrsche akuter Personalmangel. Körbel-Landwehrs: „Der Personalschlüssel sieht vor, dass sich dort eine Pflegekraft um zwei Patienten kümmert, tatsächlich aber muss sie drei bis vier Patienten versorgen.“
Die Situation habe sich auch deshalb so zugespitzt, weil die Klinikleitung an anderen Stellen gespart habe. So hätte es früher rund 80 Versorgungs-Assistentinnen gegeben, die Essen austragen, auf den Stationen aufräumen und somit die Krankenschwestern entlasten. „Nun haben wir nur noch 20.“ Auch Schreibkräfte würden nicht mehr eingestellt, was zur Folge hat, dass jetzt wieder die Ärzte selbst den Schreibkram erledigen. Körbel-Landwehr: „In den letzten Jahren wurden 400 Stellen in diesen Bereichen wegrationalisiert - auch beim Transport, in der Technik, Küche und Wäscherei.
In der Pflege seien zwar keine Stellen gestrichen worden, dort sei der Mangel eher eine Folge von zu wenig Ausbildung: „Vor Jahren wurden in Düsseldorf 500 Pflegekräfte pro Jahr ausgebildet, heute sind es 230.“ Das Ergebnis, nach Einschätzung von Verdi, ist eine bedrohliche Spirale: Die Belastung steigt, immer mehr Pflegekräfte werden krank, der Stress für die übrigen wird noch größer. Auch Regina Landwehrs kennt die Folgen: Bei ihr äußern sie sich durch Magenschmerzen und Schlafstörungen. „Ich kenne viele junge Kolleginnen, die Depressionen haben. Die kennen den Beruf ja gar nicht anders als unter Dauerstress.“
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