Perfekt unperfekt

Wen trifft man eigentlich auf einem Helene Fischer Konzert? Ältere Damen mit ihren Kindern oder doch den typischen Junggesellen im Karohemd?

Als die 30-jährige Schlagersängerin am Dienstag den Tourauftakt im Rather Dome gab, jubelten ihr, in für Fischer-Verhältnisse geradezu intimer Atmosphäre, 8500 Zuschauer zu und waren hellauf begeistert. Vom kleinen Kind mit Mutti, über die Mitglieder des Fanclubs „Helenes Co-Piloten“, den ganz in weiß gekleideten Fans in den ersten Reihen, Damen in Kleidern und Herren im Anzug bis hin zu Mainz 05-Manager Christian Heidel – als Fischer mit Pyroeinlage und einem Meer aus Konfetti-Schmetterlingen die Halle betrat und ihr erstes Lied „Das ist unser Tag“ erklang, waren 8500 Menschen aus dem Häuschen. Unerwähnt bleiben darf allerdings in keinem Fall ein Herr mittleren Alters. Genau 84, 97 Meter entfernt von der derzeit erfolgreichsten deutschen Schlagersängerin, am entlegensten Platz des Domes saß Herribert. Was daran so besonders ist? Herribert bekam einen speziellen Gruß Fischers, samt „Selfie“ vor einer der beiden riesigen Videowände und befand sich danach dermaßen in Ektase, dass er noch des öfteren durch laute „Helene“-Schreie auf sich aufmerksam machen sollte. Diese Kommunikation war womöglich das, was diesen Abend in Düsseldorf so besonders machte. Fischer sprach während des fast dreistündigen Konzerts immer wieder zu den Zuschauern, schwebte von Gummiseilen getragen nur knapp über ihren Köpfen und performte Richtung Ende des Abends auf einer kleinen Bühne im hinteren Teil der Halle, begleitet von Piano, Geige und Gitarre. Die Atmosphäre war also fast schon gemütlich.

Skandale gab’s, wie könnte man sonst auch von einem gelungenen Abend sprechen, natürlich auch. Gleich zwei absolute Eklats der Musikgeschichte enthüllte exklusiv die Rheinische Post: Helene Fischer hat geschwitzt! Zudem unterlief der Schlagersängerin im Akustikteil eine Panne, sie unterbrach sogar ein Lied weil das Zusammenspiel mit dem Pianisten nicht ganz hinhaute. Spitzte man allerdings nach dem Konzert in der Bahn aufmerksam die Ohren, war es gerade die lockere Reaktion der sonst so perfekten Blondine, die die Zuschauer begeisterte. Fischer warf die Haare zurück, lächelte den Pianisten an und legte von vorn los.

Abgesehen von diesen geradezu skandalösen Aussetzern, legte die 30-jährige einen gewohnt perfekten Auftritt hin. Es soll „unser Tag“ werden versprach die Schlagersängerin, die von 20-jährigen und 80-jährigen gleichermaßen geliebt wird. Und sie hielt Wort.

Ausgestattet mit einem selbstsicheren Lächeln, gelbem Outfit das ein wenig an eine römische Legionärskluft erinnerte, traut sich das Show-Multitalent nicht nur alles zu, sondern setzte es letztlich mit riesigem Aufwand auch um. Ihr Repertoire ließ keine Wünsche des Mainstreams offen. Vom Mitklatsch-Schlager, über internationale Popsongs, bis hin zur mitreißenden Ballade gibt’s das volle Programm – stets wohl dosiert und garniert mit einer spektakulären Bühnenshow. Dazu gab’s tolle Tänzerinnen und Tänzer, eine hoch talentierte Geigerin, grandiose Musiker, aber auch einen nervigen Moderator, der bei der Pool-Bespaßung im Robinson-Club besser aufgehoben wäre.

Wem das immer noch nicht reicht, der möge sich an dem mitreißenden Lächeln und den knappen Outfits der Entertainerin erfreuen, die so gar nichts mit dem Schlager-Mainstream, der gemeinhin von Dirndln und bayrischen Berglandschaften geprägt ist, zu tun hat.

Kein deutscher Künstler liefert derzeit eine solche Show ab. Etliche Kostümwechsel, aufwendige Lichttechnik und ein Bühnenbild, das ein wenig an ein aufgehübschtes Mittelerde erinnerte. Dazu immer wieder aufwendige Pyroeinlagen und ein Publikum, dass der Künstlerin vollends zu Füßen lag. So war es ein Abend der perfekt unperfekt war – mit Schweißperlen und kurzem Aussetzer, dafür mit einem Publikum das zum Schluss begeistert seinen Star feierte.