„Papier ist geduldig, ein Schlaganfall nicht“

Wer einen Schlaganfall erleidet, kommt meist auf eine Überwachungseinheit, eine so genannte Stroke Unit. Ein neues Düsseldorfer Notfallkonzept schreibt vor, dass Patienten bevorzugt dorthin gefahren werden müssen. Allerdings ist die Behandlung eines Schlaganfalls hier nicht beendet. Wichtig ist, dass sich rasch eine Reha anschließt, weiß Professor Steinke, Leiter der Stroke Unit am Marien Hospital Düsseldorf. Administrative Hürden und altes Kurklinik-Denken verhindern, dass die Reha-Kliniken diese Patienten möglichst nahtlos sehen, meint Professor Dr. Stefan Knecht, Neurologe und Ärztlicher Direktor der St. Mauritius Therapieklinik in Meerbusch. Beide Ärzte kooperieren in dieser Frage eng und stellen im NRZ-Interview Lösungsansätze vor. Anlass für dieses Interveiw ist der morgige bundesweite „Tag gegen den Schlaganfall“.


NRZ: Herr Professor Steinke, Schlaganfall-Patienten werden in Düsseldorf gezielt in Stroke Units gefahren. Wird der Bedarf hier in absehbarer Zeit steigen, u.a. durch die demografische Entwicklung?

Steinke: Davon gehe ich aus.Mit steigendem Alter wächst das Risiko, einen Schlaganfall zu erleiden. In Düsseldorf sind wir mit drei Behandlungszentren gut darauf vorbereitet.Wir können hierdie Patienten in kürzester Zeit diagnostizieren, behandelnund unter Überwachung stabilisieren - und verhelfen ihnen damit zu einer guten Prognose. Um für die Lebensqualität des Patienten noch mehr zu erreichen, müsste sich eine Rehanahtlos anschließen. Das beantragen wir schon mit der Aufnahme des Patienten den Reha-Platz.


Immer wieder hören wir aus Patientenkreisen Klagen über Verzögerungen bei diesem Übergang.Herr Prof. Knecht, wie beurteilen Sie als Reha-Spezialist diese Kritik, ist sie berechtigt?

Knecht: Die Kritik ist völlig berechtigt.Nehmen Sie zum Beispiel den Verbund Katholischer Kliniken Düsseldorf, zu dem auch die St. Mauritius Therapieklinik in Meerbusch zählt. Hier haben unsere Patienten den Vorteil, dass sie von allen Experten medizinisch begutachtet werden können. Dennoch verhindern bürokratische Hürden eine problemlose Verlegung aus der Akutklinik in die Reha. Stellen Sie sich vor, es fährt ein Rettungswagen im Krankenhaus vor und an der Schranke säße eine Person, die zunächst ein Formular auszufüllen hätte. Genau das passiert beim Übergang zur Reha.


Worin liegen Ihrer Meinung nach die Ursachen dieses Dilemmas?

Knecht: Das sind formale Überbleibsel aus der Vergangenheit. Früher blieb ein Patient im Krankenhaus, bis er wieder gehen konnte. Dann nahm er seinen Koffer und fuhr in die Berge, um sich bei guter Luft zu „kurieren“. Über diese Kuren mussten die Kassen verständlicherweise die Kostenkontrolle behalten. Doch diese alte Vorstellung vom „Kur-Modus“ greift heute nicht mehr. In den Akut-Kliniken haben sich die Liegezeiten verkürzt, es herrscht Kostendruck. Die Reha-Kliniken sindlängst darauf eingestellt. Ihre Aufgabe ist es, den Patienten direkt nach der Notfallversorgung aufzurichten und zu mobilisieren. Je schneller das passiert, desto effektiver für den Patienten.


Warum kann das nicht auch das Krankenhaus leisten?

Steinke: Medizinisch-pflegerisch ist unser Team auf die Behandlungsabläufe des Notfalls eingestellt. Das leisten wir mit der Spezialstation hier auf hohem Niveau. Sobald ein Patient die Akuttherapie verlässt, sollte ein Team aus Sprach-, Ergo- und Physiotherapeuten der Reha die Behandlung übernehmen. Wir decken im Akutkrankenhaus in dieser Hinsicht nur eine Basistherapie ab. Von daher dient eine schnelle Verlegung dem Wohl des Patienten. In der Reha erhält er dann auch ein umfangreiches Therapieprogramm.


Was schlagen Sie demnach vor?

Knecht: Die Lösung besteht darin, in einer Reha-Klinik vom „Kur-Modus“ in einen„Krankenhaus-Modus“ zu schalten. Kur-Modus bedeutet: eine Kasse entscheidet, ob jemand an einen „Luftkurort“ kommt. Im Krankenhaus-Modus entscheidet der Arzt, wann eine Maßnahme medizinisch notwendig ist. Wenn wir diesen Maßstab für den Wechsel zur Reha anlegen, könnte die Kasse anschließend immer noch prüfen, ob die Kosten gerechtfertigt waren. Das geschähe zum Wohl des Patienten.

Steinke: Auch wir sehen das auf Krankenhaus-Seite so. Wenn die behandelnden Neurologen hier sagen: dieser Patient braucht eine Rehabilitation, dann sollte vorab nicht noch erst geprüft werden müssen, ob dem so ist. Denn eine verzugsfreie Überleitung trägt doch gerade dazu bei, den Patienten u.a. vor Einschränkungen in der Lebensqualität oder gar vor Pflegebedürftigkeit zu bewahren.


Das bedeutet, es ist schon aus medizinischer Notwendigkeit dringend geboten, den Übergang zur Reha unkomplizierter zu gestalten?

Knecht: Das wäre nicht nur der humanere Weg, er ist sogar effizienter und wirkt sich volkswirtschaftlich als Kostendämpfer aus. Wir verhindern künftige Pflegefälle. Im Gegenzug kostet jede Verzögerung den Patienten Lebensqualität.Zukünftig sollte die Krankenkasse das Wunsch- und Wahlrecht der Versicherteten beachten, vergleichbar mit der freien Arztwahl.Das ist ein erster Schritt in die richtige Richtung.