Mutter, Vater, Pflegekind?

Der Altersabstand zwischen Adoptivkindern und -eltern sollte nicht mehr als 40 Jahre betragen. So wird es bisher in aller Regel gehandhabt. Die Bundesarbeitsgemeinschaft der Jugendämter hat empfohlen, diese Regelung flexibler zu fassen. Nunmehr heißt es in den Empfehlungen, das Alter der Adoptiveltern sollte „im Verhältnis zu den Kindern einem natürlichen Altersabstand entsprechen“. Starre Altersgrenzen werden als „nur bedingt geeignet“ bezeichnet, den Erfolg einer Vermittlung sicherzustellen.

„Diese Flexibilisierung wird von uns ausdrücklich begrüßt“, sagt Jugend- und Sozialdezernent Burkhard Hintzsche. Die Experten der Landeshauptstadt weisen jedoch darauf hin, dass in der praktischen Arbeit der Adoptionsvermittlungsstelle die bisherigen Empfehlungen immer nur als ein Kriterium neben vielen anderen im Bewerberverfahren gesehen und nicht starr ausgelegt wurden. „Ältere Bewerber, die sich etwa für eine Auslandsadoption interessierten, wurden ins Verfahren hineingenommen“, sagt Andreas Sahnen, der im Jugendamt das Sachgebiet für Adoptionen und Pflegefamilien leitet.

Adoption meist attraktiver

Auffällig ist das Missverhältnis zwischen Adoptions- und den Fällen, in denen Kinder in Pflegefamilien untergebracht werden sollen. Während pro Jahr in der Landeshauptstadt acht bis zehn Kinder zur Adoption freigegeben werden, wollen 35 bis 40 Paare ein Kind adoptieren. „Im vorigen Jahr waren es 42 Paare“, berichtet Sahnen. Die meisten Paare seien 35 bis 40 Jahre alt, es habe aber auch einen Fall gegeben, bei dem der Mann 47 und seine Partnerin 38 Jahre alt war. „Ein solcher Altersunterschied des etwaigen Vaters zum Kind stellt für uns keinen Verhinderungsgrund dar“, sagt der Diplom-Sozialarbeiter. Sahnen treibt eher um, dass das Verhältnis von 1:4 bei den Pflegefamilien genau andersherum liegt. Für 30 bis 40 Kinder wird jährlich in der Landeshauptstadt eine neue Familie gesucht, da sie in ihrer leiblichen nicht weiter bleiben können. Eine Herausforderung für die Aufnahmefamilien, denn die Kinder sind meist belastet.

So nötig die Unterbringung dieser Kinder ist, Eltern mit Kinderwunsch sehen eine Adoption meist als attraktiver an. Sahnen kann das nachvollziehen, „weil die rechtliche Situation für die aufnehmenden Eltern unsicher ist“. Wie lange bleibt das Kind in der Familie? Wird es, wenn sich alles eingespielt hat und man eine intensive Bindung zu ihm aufgenommen hat, plötzlich wieder von den leiblichen Eltern beansprucht? Das ist keinesfalls auszuschließen, und Sahnen setzt auf eine Diskussion, die gerade auf Bundesebene geführt wird.

„Es geht darum, ein Blockaderecht einzuführen, wenn das Kind lieber in der Pflegefamilie verbleiben will. Die Bindungen, die das Kind in der neuen Familie aufgenommen hat, sind in unseren Augen zu schützen, das Recht der leiblichen Eltern muss dahinter zurücktreten.“ Sahnen würde es „sehr begrüßen“, wenn man langfristige Perspektiven für die Kinder erarbeiten könnte.

Langwieriger Prozess

Gerade erst hat die Stadtverwaltung eine Kampagne für mehr Pflegefamilien durchgeführt. Dass dies eine gute Alternative zur Adoption sein kann, davon ist Sahnen überzeugt. Tatsächlich informiert das Jugendamt Eltern, die sich für beide Varianten interessieren, auch gemeinsam. Das Adoptionsverfahren ist ein langwieriger Prozess mit mehreren Modulen. Interessenten müssen unter anderem ein Führungszeugnis und ein amtsärztliches Gesundheitszeugnis sowie einen Lebensbericht vorlegen, in dem sie ihre Motivation darlegen. Im Bewerberseminar folgen sechs Informationsabende zu unterschiedlichen Themen, unter anderem schließt sich ein Hausbesuch an. Nicht alle Paare halten bis zum Schluss durch.

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