Muslime in Düsseldorf fordern Reformen im Islam

Was wir bereits wissen
"Der Islam ist tot" - junge Muslime veranstalten in Düsseldorf einen Trauermarsch für ihre Religion. In einem Video haben sie ihre Aktion festgehalten.

Düsseldorf.. Ein Sarg - mitten in der Düsseldorfer Innenstadt. Mit einem schwarzen Tuch überzogen tragen ihn vier Männer vom Heinrich-Heine-Platz bis zum Düsseldorfer Rathaus. Hassan Geuad schreitet voran. Es ist ein Trauermarsch. Dabei ist unter den Mitlaufenden keine Trauer, sondern Wut zu spüren. Und die Beerdigung ist kein Ende, sondern ein Anfang. Zumindest wenn es nach Hassan Geuad geht. Im Sarg liegt kein Mensch, er ist nur ein Symbol. Trotzdem gibt es laut den jungen Männern einen Toten: "Der Islam wurde ermordet" steht in fetten Buchstaben auf dem Sarg.

Es sind junge Männer, die Anfang Februar mit dieser ungewöhnlichen Aktion durch Düsseldorf ziehen. Ihr Name: "12thMemoRise". "Wir wollen die Leute emotional erreichen. So ein Sarg zieht die Aufmerksamkeit an. Da schaut man dann schon zwei oder drei Mal hin. Und die Überraschung ist gelungen", erklärt Hassan Geuad, ein Mitglied der Gruppe.

Modernisierung des Islams gefordert

Muslime erklären ihre eigene Religion für tot - und gehen für sie trotzdem auf die Straße. Warum? "Der Islam wie er bisher interpretiert wurde, ist für uns gestorben. Wir brauchen einen neuen, einen reformierten Islam", fordert der 24-Jährige. Die Gruppe bestehe aus jungen Menschen im Alter von 18 bis 26 Jahren. Zu ihrem Kern würden etwa zehn Leute zählen, die in Dortmund, Essen, Düsseldorf, Gelsenkirchen und Braunschweig leben. Schon im Oktober gab es eine Aktion in Essen.

Man mag es Performance, Inszenierung oder Schauspiel nennen, was die jungen Menschen dort in Düsseldorf veranstalten. Dabei soll es mehr sein als nur eine Show. Sie wollen ernst genommen werden. Und deshalb gehen sie noch weiter: In einem inszenierten Prozess vor dem Düsseldorfer Rathaus wollen sie den Mörder ausfindig machen. Auf der Anklagebank: Politiker, Medien und Salafisten. Sie macht die Gruppe dafür verantwortlich, dass der Islam in ihren Augen nun tot ist.

Kritik an Politik und Medien

Hassan Geuad kritisiert, dass Deutschland Waffen in den Nahen Osten liefere und damit Gewalt unterstütze. "Es ist falsch, eine Beziehung zu Saudi-Arabien zu führen. Das passiert alles aus wirtschaftlichen Gründen", sagt er. "Man ist hier allgemein gegen den Terror und exportiert dann Waffen. Das ist widersprüchlich."

Dass es letztlich nur um Profit gehe, wirft er auch den Medien vor. "Es wird nur berichtet, was Aufmerksamkeit bringt. Und das sind alles Gräueltaten: von Verbrennungen bis zu Enthauptungen durch ISIS." Jede Berichterstattung sei ein Erfolg für die radikale Szene, er fordert daher mehr Zurückhaltung seitens der Medien, um diese Plattform nicht zu geben. Es stört ihn außerdem, dass Islam und Terror häufig gleichgesetzt werde. "Das erzeugt ein falsches Bild."

Nicht immer positive Resonanz

Und zuletzt sind es die Salafisten, die die Gruppe auf die Anklagebank setzt. "Das sind alles schlafende Zellen, die nur darauf warten zuschlagen zu können, so wie es in Paris schon geschehen ist." Hussan Geuad sieht sich in der Pflicht, angehende Salafisten zu bekehren.

Aber kann er die mit solchen Aktionen wie in Düsseldorf auch erreichen? Er schätzt, dass ungefähr 200 Leute vorbeigeschaut hätten. Mal für längere Zeit, mal nur kurz. Manche seien stehen geblieben und hätten gefilmt. "Leider mussten wir uns aber viele islamfeindliche Parolen anhören", sagt Geuad, der in Düsseldorf Germanistik und Medienwissenschaften studiert.

Wissenschaftler hält Aktion für mutig

Manche hätten Sprüche wie "Jackpot: Der Islam ist tot" oder "Raus aus Deutschland" gehört. Erstaunt sei darüber aber niemand aus der Gruppe gewesen. "Ich kenne solche Anfeindungen. Von Salafisten habe ich auch schon Morddrohungen bekommen." Macht ihm das keine Angst? Er könne zwar verstehen, wenn sich andere deshalb zurückziehen. Er selbst sei aber bereit weiterzumachen."Man muss mal Tacheles reden. Ich hab Prinzipien, für die ich weit gehe. Wenn wir schweigen, dann gewinnen Leute, die im Unrecht sind."

Von ihre Aktion hat "12thMemoRise" jetzt ein Video im Internet hochgeladen. Dr. Klaus Spenlen hat sich das Video angeschaut. Er forscht an der Heinrich-Heine-Düsseldorf zu den Themen Integration des Islam sowie Migration und Bildung. Er finde es gut, dass sie gegen Gewalt in ihrer Religion Flagge zeigen würden. Genauso wie die jungen Menschen fordert er eine Modernisierung des Islams. "Er muss auch im 21. Jahrhundert sozial vertretbar und lebbar sein. Ich halte es aber für falsch, auch Medien und Politik mit den Salafisten in eine Schublade zu stecken."

Kontakt mit Anti-Pegida-Anhängern

Er bezweifelt, dass die Gruppe die von ihnen erhoffte Reichweite mit der Aktion erzielen kann. "Die Botschaft ist nicht so leicht zu verstehen, wenn man sich diese Performance nicht komplett anhört. Dann kann der Schuss nach hinten losgehen." Wer nicht sofort verstehe, dass es sich um eine Inszenierung handelt, können Vorurteile bekommen - zum Beispiel dadurch, dass hier einer in die Rolle eines Salafisten springt und diese auch äußerlich einnimmt.

Wie geht es jetzt weiter mit der Gruppe? Sind weitere solcher Aktionen geplant? Ein Teilnehmer von Pegida in Leipzig habe ihn Anfang des Jahres kontaktiert und wollte die Gruppe dabei haben. "Die wollten uns nur als Alibi, damit sie nicht als rechts bezeichnet werden", glaubt Hassan Geuad. Eine Teilnahme könne er aber mit seinen Werten nicht vereinbaren. Ganz im Gegenteil: Er könne sich vorstellen, mit Anti-Pegida-Anhängern zusammen zu arbeiten. "Ich alleine habe schon eine Veranstaltung besucht. Das sind friedliche Leute und die sind nicht politisch aktiv."

Künftig will die Gruppe einen Verein gründen. Konkret sagen, wie der "neue Islam" aussehen soll, will er noch nicht. Nur so viel: "Wir wollen für Diskussion sorgen. Dann werden unsere Botschaften stärker", betont Hassan Geuad. (jb)