Mord, Betrug und ein Umzug
28.12.2010 | 19:30 Uhr 2010-12-28T19:30:00+0100Düsseldorf. Gemeinen Mord, brutale Angriffe, dreisten Betrug, aber auch skurrile Geschichten hat das Gericht im Jahr 2010 erlebt.
Ganz prägend war natürlich der Umzug im März. 900 Menschen und zig Kilometer Akten zogen aus der Altstadt nach Oberbilk. Viel verließen mit Wehmut den Altbau, denn der Neubau trifft nicht jedermanns Geschmack. Und seine Macken sorgten noch immer für Ärger: Träge Klimaanlage, übersteuerte Mikrofone, nur manchmal funktionierende Automatik-Türen. Tägliches Ärgernis: Schlangen vor den unterbesetzten Sicherheitsschleusen. Auch Stadtteil und Gericht müssen noch zueinander finden. Aber die Fälle blieben die gleichen.
Noch im alten Gericht fiel das Urteil für den Mord am Breitscheider Kreuz. Die Angeklagte hatte bis zum Schluss geleugnet, doch das Gericht glaubte der selbstbewussten Geschäftsfrau (40) nicht. Sie habe einen Mitarbeiter beauftragt, ihren Freund (49) zu töten. Der Schuss fiel beim Auskundschaften eines Einbruchsziels, Wochen lag die Leiche des Ex-Bankräubers an der Autobahn. Im Januar hieß es für die Frau und den Gehilfen jeweils „lebenslang“.
Lebenslang lautete auch das Urteil für einen 39-Jährigen, der zehn Jahre lang hoffte, davon gekommen zu sein. Er hat 2000 die Millionärin Yuri Röhrig (87) mit einem Kabel erwürgt. Damals reichten die Beweise nicht für eine Anklage, jetzt fand neue Technik eindeutig seine DNA. Das Ge-richt verurteilte ihn trotz aller Kunst seiner Verteidiger nach einem Jahr Prozess am 3. September.
Dem Tod entkam die 23-Jährige, auf die der eigene Ehemann (36) mit einem Beil einhieb. Die Attacke auf der Münsterstraße im November 2009 verletzte sie nur, er ließ das Beil fallen. Weil er damit seine Tötungsabsicht aufgab, wurde er nur wegen gefährlicher Körperverletzung verurteilt. Er litt, weil sie ihn verlassen hatte, er eine Beziehung zu seinem besten Freund vermutete. Das Urteil am 14. August hieß: sechseinhalb Jahre Haft.
Riesenglück hatte auch der 24-Jährige, der aus Angst aus dem Fenster eines Büros im dritten Stock auf die Berliner Allee sprang. Er brach sich zahlreiche Knochen, überlebte aber. Anlass war ein Streit um Geld, das ein Freund von ihm zurückforderte. Beim Druckmachen half dem Profiboxer Kalonga (26), bis der 24-Jährige durchs Fenster ging. Beide kamen vor Gericht, doch der Boxer flüchtete. Das Gericht verurteilte ihn trotzdem zu fünf Jahren Haft. Weil man ihn in Frankreich aufspürte, muss er sie nun absitzen.
Furchtbare Angst empfanden auch einige Frauen, die ein Mann aus der Eifel heimsuchte: Der Familienvater (46) führte ein Doppelleben, kompensierte seinen Minderwertigkeitskomplex, indem er Frauen seinen Willen aufzwang. Viele überredete er nur mit Hilfe seiner Mitleid-Masche als Behinderter, sein Genital anzufassen. Bei einigen aber erschien er nachts maskiert und mit einem Messer, verlangte Sex. Er muss zehn Jahre in Haft und wegen Sex-Sucht in die Psychiatrie.
Ob Minderwertigkeitskomplex oder Selbstüberschätzung: Kai von Bargen, Sprecher des Henkel-Konzerns (43), hatte eine tragende Rolle in einem Betrugskomplott. Eine Event-Agentur verkaufte Geldinstituten gefälschte Forderungen, die sie angeblich an Henkel hatte. Der Sprecher ließ mit Briefpapier und Empfang im Firmengebäude alles echt aussehen. Der Drahtzieher war vorm Prozess verstorben. Von Bargen wurde zu vier Jahren Haft verurteilt.
Eine gute Story und überzeugendes Auftreten nutzte auch Unternehmer Frank Schäfer (56), der mit Kaviar Geld machen wollte. Er warb zahlreiche Investoren, sammelte über 50 Millionen Euro, doch alles ging verloren. Weil er mindestens drei Jahre und 13 Millionen Euro zuvor gewusst habe, dass aus seiner Idee nichts wird, verurteilte ihn das Gericht am 16. Dezember wegen Betrugs zu drei Jahren acht Monaten Haft. Das gelang erst im zweiten Anlauf. Der erste Prozess war geplatzt, weil der Vorsitzende Richter Stefan Drees (48) plötzlich verstarb. Die Nachricht löste im Gericht Bestürzung aus.
Und noch eine Geschichte erwies sich zunächst als Goldgrube: Als Prinzessin aus Ghana gab sich eine attraktive 30-Jährige aus, ihre Familie besitze eine Goldmine. Ein Kaufmann (38) aus Norwegen glaubte nicht nur an ihre Liebe, sondern auch an dieses Gold und investierte 300 000 Euro. Doch alles war Betrug. Weil sie bereute und den Schaden wiedergutmachen will, blieb es bei zwei Jahren auf Bewährung für sie.
Und dann gab es wieder zahlreiche Fälle zum Schmunzeln: Da war der Anwalt, der ein Bärenticket wollte, ohne das nötige Alter von 60 Jahren zu haben. Er muss weiter teurere Tickets nehmen. Gescheitert ist auch die Frau, die Urheberin eines Kunstwerks aus Kaugummi-Streifen sein wollte. Sie hat aber nur auf Anweisung geklebt, daher bleibt Francois Morellet der wahre Künstler.
Der Streit um Papagei Lord B. nahm ein tragisches Ende: Der Vogel verstarb, bevor sich sein langjähriger Besitzer und seine neue Pflegerin einigen konnten, wo er bleibt. Um Tierliebe stritt auch eine Familie mit einer Fluglinie. Die fand den Hund für zu dick für den Schoß der Reisenden, er müsse als Fracht fliegen. Der Kauf einer Reisebox dauerte zu lang, der Flieger hob ab. Jetzt will die Familie Schadenersatz.
Das Interessanteste bei Gericht sind die Ausreden, zum Beispiel angeblich telefonierender Autofahrer: Er habe nur sein Hörgerät eingestellt, sagte ein Rentner. Und eine Frau erklärte: Sie habe lediglich ihre Zahnspange festgedrückt.
Und ein Mann, der einem Fahrer den Stinkefinger gezeigt haben sollte, verteidigte sich, er habe nur mit der Bratwurst in der Hand gestikuliert. Was tatsächlich keinerlei Beleidigung ist.
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