Mit Witz und Melancholie
09.10.2009 | 20:11 Uhr 2009-10-09T20:11:00+0200
Düsseldorf. Seine Tänzerinnen und Tänzer brennen von innen. Genauso wie ihr Choreograf. Martin Schläpfer ist zwar kein Zuchtmeister der alten Schule, aber doch ein Tanzbesessener, der von seiner Kompanie extreme Leistungen verlangt.
Das Feuer des neuen Ballettchefs und der Solisten ist zu spüren bei den Proben zu seinem ersten Düsseldorfer Ballettabend. So kurz und schmerzlos der Titel „b.01”, so gewaltig ist der Kraftaufwand für Kreateur und Darsteller. Denn neben Schläpfers „Marsch, Walzer, Polka” stehen die „Frank Bridge Variations” von Hans van Manen auf dem Programm. Und eine Uraufführung: Für sein Debüt als Chef des Balletts am Rhein choreografiert Schläpfer die dritte Symphonie von Lutoslawski. Am 16. Oktober ist Premiere im Opernhaus.
Das Ensemble muss zusammenwachsen
Klar, dass die Nerven der Künstler unter Hochspannung stehen. Der Erfolgsdruck ist enorm, denn wenn alles nach Plan läuft, wird an diesem Abend eine neue Ballett-Ära beginnen. Das hofft Intendant Christoph Meyer, der Schläpfer an den Rhein engagierte, genauso wie die Ballettfans. Die Rheinoper könnte wieder, wie schon einmal vor 15 Jahren unter Heinz Spoerli, zum Ballettmekka werden.
Von Vorschuss-Lorbeeren hält er wenig - der 50-jährige Schweizer, der in den vergangenen zehn Jahren Mainz in eine Tanzmetropole verwandelte. „Es ist nicht einfach. Ich spüre jetzt erst, was ich in Mainz gehabt habe”, sagt er. Seine Kompanie brachte er zwar mit. Doch die 20 Tänzer müssen zunächst zu einem Ensemble zusammenwachsen, mit den jungen, neu engagierten Kollegen und denjenigen, die Schläpfer von seinem Vorgänger Va´mos übernommen hat. Während der Bühnenproben lassen sich erste Anzeichen erkennen. Und: Die Darsteller sind extrem geschmeidig, bieten Tanz- und Ballett-Technik auf Höchstniveau, Schauspieltalent inklusive.
Die Trauer um die verlorene Zeit
In dem „Marsch, Walzer, Polka”-Stück (von Johann Strauss Sohn und Vater) ziehen sie den Zuschauer in den Bann, vereinen Virtuosität mit Witz und Parodie. Schläpfer beschwört darin keine Alt-Wiener Geselligkeit der K.u.K.-Epoche. Vielmehr jonglieren seine Bewegungs-Artisten mit Walzer-Zitaten und modernem Tanzdrama. Verschränkte Beine und Arme, Knäuel, die sich blitzartig auflösen und in einer Tango-Pose enden. Selbst der kurze Ausschnitt bei der öffentlichen Probe wirkt sinnlich, versprüht aber auch Melancholie.
„Es ist die Trauer über die verlorene Zeit. Wir können nicht mehr so tanzen wie früher, sondern müssen das transportieren, was uns heute beschäftigt”, sagt Schläpfer. Das gilt ebenso für die Lutoslawski-Symphonie von 1983, die mit Zitaten arbeitet. „Die Musik ist so komponiert, dass sie jeden Abend anders klingen wird”, erklärt Kapellmeister Christoph Altstaedt. Der 30-jährige Berliner wird die ersten Abende von „b.01” dirigieren.
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