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"Mir fehlen Jahre"

21.12.2007 | 19:45 Uhr

SCHICKSAL. Der Verunglückte Mike Tachlinski (35) ist verbittert. Er macht die Stadt für einen schweren Unfall verantwortlich.

Galgenhumor - mehr ist ihm nicht geblieben. "Am liebsten würde ich meine Jogging-Schuhe anziehen und einen Waldlauf machen", sagt Mike Tachlinski. Dabei weiß er genau, dass er nie mehr auf eigenen Füßen stehen wird. Der 35-Jährige sitzt im Rollstuhl, linksseitig gelähmt, bedroht von Krämpfen, manchmal orientierungslos. Die "Killerkante" auf der Kaiserswerther Straße hat ihn zum Pflegefall gemacht. Vergeblich hatten Polizei und Rheinbahn vor diesem Hindernis zwischen Fahrbahn und Schienen gewarnt. Nach einer Serie von Unfällen wurde die Gefahrenquelle vor 17 Jahren beseitigt. Eine Verantwortung lehnt die Stadt bis heute ab.

"Ich habe nie einen Cent Schmerzensgeld erhalten", sagt Mike Tachlinksi verbittert. Trotzdem gibt er die Hoffnung nicht auf, setzt vielmehr auf eine Wiederaufnahme des Gerichtsverfahrens und appelliert an Zeugen, die sich an seinen schweren Unfall am 14. April 1990 erinnern.

Der Polizeibeamte Bernd Zyveck hatte mehr Glück. Er verunglückte auf einer Dienstfahrt mit dem Motorrad am 12. Januar 1990 an der Aufkantung, zog sich schmerzhafte Prellungen zu. Das Gericht bejahte eine Haftung der Stadt und sprach ihm 1000 D-Mark Schmerzensgeld zu.

Die Stadt reagierte. Aber statt die Gefahr zu beseitigen, verhängte sie nur ein Durchfahrverbot für Zweiräder, Anlieger ausgenommen. In den Amtsstuben des damaligen Oberstadtdirektors Karl Ranz war man immer noch überzeugt, dass die "Killerkante" das beste Mittel sei, die Stadtbahn-Fahrt zur Messe zu beschleunigen. Erst nach einer drastischen Demonstration der Polizei-Motorradstaffel wurden die acht Zentimeter hohen Begrenzungssteine beseitigt - für 239 000 Mark.

Gedächtnis ausgelöscht

Zu spät für den damals 18-jährigen Mike Tachlinski. Der begeisterte Hobby-Fußballer kam von seiner Oma, als er am Karsamstag 1990 mit seiner Vespa an die gefährliche Aufpflasterung geriet, das Gleichgewicht verlor und stürzte. Erinnern kann er sich daran nicht. "Mir fehlen Jahre", sagt er heute. Aus Erzählungen weiß er, dass er als Elektroniker im ersten Lehrjahr war, dass er beim SC Unterbach im Tor gestanden und auf der Anlage am Wilhelm-Heinrich-Weg in Lierenfeld die Freude am Kicken entdeckt hatte. Sein Vater war Platzwart auf der städtischen Sportanlage.

Mike erlitt mehrere Schädelbrüche, Blutungen an den Hirnhäuten, Verletzungen an der Hirnsubstanz. Er schwebte lange in Lebensgefahr, wurde in den Unikliniken in einen künstlichen Tiefschlaf versetzt, ein Teil des Stirnhirns musste entfernt werden. Nach der Reha ging es ihm zunächst besser. Er bekam eine eigene Wohnung, lernte Marina kennen, die heute seine Frau ist. "Als wir geheiratet haben, konnte Mike noch laufen", erzählt sie. Aber die Lähmung schreitet fort, er ist mit seinen 35 Jahren nicht mehr arbeitsfähig, lebt von 500 Euro Erwerbsunfähigkeitsrente.

Mikes Eltern haben die Stadt verklagt. Ihr Anwalt Michael Priebe erkannte eine "eklatante Verletzung der Verkehrssicherungspflicht". Zumindest hätte die Gleiskante durch reflektierende Streifen gekennzeichnet werden müssen. Eine Amtsrichterin sah das genauso. Die Stadt wurde zu 5000 D-Mark Schadenersatz verurteilt.

Aber der Rattenschwanz von Forderungen, mit dem sie jetzt rechnen musste, versetzte die Stadt in Hektik. Sie zog alle juristischen Hebel, um ihrer Verantwortung zu entgehen. Und hatte letztendlich Erfolg. Im Dezember 1993 entschied das Oberlandesgericht rechtskräftig: Jeder Straßenbenutzer habe die Straße so hinzunehmen, wie sie sich ihm darbietet. Mike habe seinen Unfall selbst verschuldet.

Die Familie war fassungslos. Wurde hier mit zweierlei Maß gemessen? Anwalt Priebe in einem Schriftsatz: "Das persönliche Schicksal des Klägers ist der Stadt völlig gleichgültig."

Einen letzten verzweifelten Versuch wagten die Eltern, als sie sich an den Landtag wandten. Aber auch dort gab es eine Absage mit dem Zusatz: "Dem Petitionsausschuss ist es zu seinem Bedauern nicht gelungen, die Stadt Düsseldorf zu einer wenigstens teilweisen freiwilligen Leistung zu bewegen."

URSULA POSNY

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