Marokkanerin in Düsseldorf: "Ich schäme mich für mein Volk"

Fatima hat früher gerne gesagt, dass sie aus Marokko stammt, inzwischen verschweigt sie ihre Herkunft lieber.
Fatima hat früher gerne gesagt, dass sie aus Marokko stammt, inzwischen verschweigt sie ihre Herkunft lieber.
Foto: Christine Holthoff
Was wir bereits wissen
  • Bei einer Razzia im  „Maghreb-Viertel“ Düssseldorfs wurden 40 Personen festgenommen
  • Händler und Anwohner sind wütend über die Kleinkriminellen, die das Viertel in Verruf bringen
  • Marokkaner und Tunesier nutzen die Flüchtlingswelle aus Syrien, um illegal einzureisen.

Düsseldorf.. Sein Blick zeugt von Ratlosigkeit, der Kopf liegt aufgestützt auf der linken Hand, über ihm schimmert golden die Verzierung eines, so scheint es, arabischen Torbogens. Der Affe auf dem Graffiti an der S-Bahn-Unterführung der Ellerstraße grübelt dort schon länger, doch die Frage, die er sich stellt und die in weißen Buchstaben neben ihn auf die Mauer gesprüht ist, treibt in diesen Tagen viele Menschen im „Maghreb-Viertel“ um: „Was tun?“

40 Männer hat die Düsseldorfer Polizei am Samstagabend bei einer Großrazzia rund um den Hauptbahnhof festgenommen, dabei insgesamt 18 Cafés, Spielcasinos und Shisha-Bars kontrolliert. In den Lokalen sollen sich nach Ergebnissen der Ermittlergruppe „Casablanca“ Taschen- und Gepäckdiebe, Straßenräuber und Drogendealer treffen. Die Verdächtigen stammen vorwiegend aus Nordafrika. Doch was nützen solche Aktionen, fragen sich alteingesessene Bewohner, wenn die Männer kurze Zeit später wieder auf freiem Fuß sind?

Schon Ende Januar 2015 hatte die Düsseldorfer Polizei bei einer Großrazzia in Bahnhofsnähe mit 200 Beamten 15 Nordafrikaner festgenommen, die sich illegal in Deutschland aufhielten. Die Düsseldorfer Polizei rief deshalb das Projekt „Casablanca“ ins Leben, um herauszufinden, was sich in der Szene abspielt. Die Bilanz: 2244 Verdächtigen aus Nordafrika, die Mehrheit von ihnen aus Marokko.

50 Prozent weniger Umsatz

„Die Dealer stehen meist hier an der Ecke“, sagt Mustafa Akcay, kommt hinter seiner Theke mit Fladenbrot hervor und zeigt zum Café gegenüber. „Mit Kindern und Frauen trauen wir uns schon seit Jahren nicht mehr auf die Straße.“ Akcay hat seine Wurzeln in der Türkei, wohnt aber seit 25 Jahren in Oberbilk. Er sagt: „Seit die Dealer da sind, sind viele der alten Nachbarn weggezogen.“ Auch die Kunden blieben fern, der Umsatz sei um 50 Prozent zurückgegangen. „Bis 19 Uhr kommen noch ein paar Leute, danach können Sie die Straße vergessen.“ Umziehen sei für ihn aber keine Option. „Ich habe eine Eigentumswohnung. An wen soll ich die denn vermieten?“

Auch Fatima ist sauer. Die 20-jährige Deutsch-Marokkanerin arbeitet ein paar Häuser weiter in einer Patisserie und schimpft: „All die Jahre haben die Geschäfte hier versucht, Marokko schön darzustellen und jetzt kommen so ein paar 08/15-Leute und machen all das, was wir uns aufgebaut haben, in Nullkommanichts wieder kaputt.“ Früher hätte sie gerne gesagt, dass sie Marokkanerin ist, „aber heute schäme ich mich für mein eigenes Volk. Wie die sich benehmen, geht einfach gar nicht, das ist ein No-Go.“

Warum schnelles Abschieben schwierig ist

Erst am Vortag seien zwei Nachbarn zu ihr gekommen und hätten gesagt, wie leid es ihnen für sie tue. „Das ist eine Katastrophe!“, so Fatima, denen die Neuankömmlinge auch auf der Straße unangenehm auffallen. „Die gaffen einen halt an, das ist normal“, erzählt sie: „Und wenn man dann reagiert, machen sie noch mehr. Deshalb ignoriere ich sie immer.“ Die Razzia hält Fatima für gut. „Ich hoffe, dass sie die Richtigen herauspicken und zurückschicken.“ Doch sie weiß auch um die Probleme: „Wer keinen marokkanischen Ausweis hat, zählt nicht mehr als Marokkaner.“ Schnelles Abschieben sei also gar nicht möglich.

Auch Mustafa Akcay wertet die Polizeiaktion als positives Zeichen, glaubt aber nicht an einen langfristigen Erfolg. Dafür müsse man in den Herkunftsländern selbst für Besserung sorgen, findet er: „Die Jungs haben ihre Wohnungen verloren, ihre Familien, dort muss man sich kümmern!“

Nordafrikaner mischen sich offenbar unter Flüchtlinge

Die, die bereits hier sind, beobachtet Nathalie mit Sorge. Sie führt einen Kiosk an der Ecke Industrie-/Lessingstraße. „Die jungen Leute, die vor der Tür stehen, kaufen bei mir Zigaretten. Hypernervös sind die, man sieht ihnen an, dass sie unter Drogen stehen. Das ist nicht meine Vorstellung davon, wie man hier ein neues Leben beginnt.“

Nathalie spricht Französisch, ist in Lyon zur Schule gegangen, ihre beste Freundin damals war Algerierin. „Durch die Sprache kriege ich natürlich mit, dass seit Beginn der Flüchtlingswelle auch unheimlich viele Tunesier und Marokkaner hergekommen sind, die eigentlich gar nicht dazugehören.“

Frage nach langfristigem Effekt der Razzia

Ein älterer Herr kommt herein, greift sich eine Zeitung. Die Titelseite berichtet von der Razzia. „Da war ja gut was los. Überall standen sie ohne Ende“, sagt er. Nathalie ist nicht sicher, ob der Großeinsatz so viel bringt. „Es ist ja schön, dass die Polizei Präsenz zeigt, aber was hilft es, wenn die Richter keine Handhabe gegen die Verdächtigen haben?“

Was also tun?

Diese Razzia war ein gutes Zeichen - ein Kommentar von Götz Middeldorf

Die Großrazzia von Samstag sorgte bundesweit für Schlagzeilen, Medien verbreiteten Samstagabend Eilmeldungen. Doch warum diese Aufmerksamkeit? Wahrscheinlich, weil die Polizei viel zu lange dem Treiben krimineller Ausländer zugeschaut hat und endlich durchgreift. Das war überfällig und bisher nicht selbstverständlich.

Dass dies nun endlich passiert ist, ist ein gutes Zeichen:

Für die Bevölkerung in unserer Stadt, egal ob deutschstämmig oder anderer Herkunft, der damit bewiesen wird, dass die Polizei eben nicht machtlos ist und nicht tatenlos dem kriminellen Treiben zuschaut.

Razzia trägt dazu bei, dass positive Stimmung gegenüber Geflüchteten nicht kippt

Für die kriminellen Ausländer, denen damit deutlich klar gemacht wird: Bei uns in Deutschland ist jeder willkommen, der Hilfe benötigt und in Anspruch nehmen möchte. Aber: Wer unsere Gastfreundschaft, Hilfe und Gutmütigkeit missbraucht muss knallhart mit rechtlichen Konsequenzen rechnen.

Die Razzia, die hoffentlich nach den schrecklichen Silvester-Zwischenfällen nicht als Schnellschuss eine einmalige Aktion gewesen ist, trägt dazu bei, dass die immer noch stark ausgeprägte positive Stimmung gegenüber Geflüchteten, die Willkommenskultur und Hilfsbereitschaft in unserer Stadt nicht kippt. Das ist wichtig, denn viele Menschen aus den Bürgerkriegsländern brauchen unsere Hilfe dringender denn je.

Aber dazu können und müssen die Behörden durch derartige Aktionen beitragen – damit der Rücken frei gehalten wird für die Menschen, die hilfesuchend, voller Not und in friedlicher Absicht bei uns Zuflucht suchen. Und für die vielen Düsseldorfer, die diesen Menschen ehrenamtlich und mit viel Engagement helfen.