Letztes Geleit für die Tannen

Hamm..  Was könnten diese Bäume erzählen: Von Großonkeln, die zu tief ins Glas geschaut haben oder verbrannten Fingern beim Fondue, von fröhlichen Familien und so gar nicht fröhlichen. Sie könnten schwärmen von engelsgleichen Darbietungen von „Stille Nacht“ und lästern über schrecklich schiefe, vermutlich sind das deutlich mehr. Aber die Bäume schweigen – und jetzt, nach Ferienende und in einem regnerischen Januar, interessiert sich ohnehin niemand mehr für Weihnachten. Auf der Kompostierungsanlage in Hamm gehen die Weihnachtsbäume also stumm ihrem Ende entgegen, zum Auftakt gestern unter anderem die aus Bilk.

Manche der Blaufichten und Nordmanntannen stehen noch gut im Saft, andere sind ziemlich braun. Alle ereilt dasselbe Schicksal, und das ist nicht besinnlich. Der Wagen spuckt sie auf die Deponie, nebenan röhrt schon der Häcksler. Bald werden sie auf einem dampfenden Haufen verrotten – gleich neben den geschredderten Artgenossen, die Orkan Ela erledigt hat.

Nach und nach werden sich die Weihnachtsbäume aus dem Rest der Stadt dazugesellen. Bis zum kommenden Freitag sammelt die Awista sie ein. Damit die Bäume in Hamm landen, müssen die Mitarbeiter des Abfallunternehmens ganz schön plocken. Zehn Fahrzeuge sind im Einsatz, die Mitarbeiter machen Überstunden.

Fahrer Pierre und die Träger Bastian und Fabian fahren mit ihrem Presswagen durch Bilk, suchen in Karolinger Straße, Dianastraße oder Germaniastraße. Viele Tannen, die in der Presse landen, stecken in Töpfen, hätten also auch 2015 den Dienst verrichten können – sollen sie aber offenbar nicht. Der Trupp ist zügig unterwegs, die Träger joggen neben dem Fahrzeug, das die Awista für die Abfuhr in Köln geliehen hat – das „K“ auf dem Nummernschild hat bei den Mitarbeitern schon zu einigen Beschwerden geführt.

Was diesen Einsatz noch von anderen unterscheidet: die Nadeln. Wenn die Müllwerker die Bäume hochwuchten, werden sie gelegentlich mit Tannennadeln geduscht, am Ende finden sie welche im Nacken und in den Schuhen, manchmal auch in der Hose. Die Bäume sammelt der Trupp nicht nur vom Bürgersteig, sondern auch aus Hecken und Böschungen oder in Hinterhöfen. Hin und wieder muss die Awista auch mal einen aus der Düssel fischen. Das ist nur einer der Gründe, warum die Müllwerker manchmal an den Düsseldorfern fast verzweifeln. Entsorgung könnte so einfach sein, wenn die Menschen nicht so schwierig wären. Zu deren Schwächen gehört auch, dass die Lektüre des Abfallkalenders nicht zu ihren liebsten Zeitvertreiben gehört. Die Erfahrung sagt: Viele denken erst an die Entsorgung ihres Baumes, wenn sie sehen, dass die anderen ihren rausgestellt haben. Dann ist aber der Kehrtermin oft schon vorbei.

Also fährt die Awista manche Ehrenrunde. 2014 war nach dem ersten Eindruck ein Weihnachtsfest mit relativ wenigen Bäumen. Aber für genaue Prognosen ist es noch zu früh. Insgesamt kommen pro Jahr jedes Mal rund 100 000 zusammen, das sind knapp 400 Tonnen. Die treuesten Baumanhänger leben nach den Erfahrungen der Awista im Düsseldorfer Süden. In Garath, Hassels oder Reisholz türmen sich Berge am Straßenrand. Das hat damit zu tun, dass die Häuser dort höher sind. Aber nicht nur, meint ein erfahrener Mitarbeiter: In sozial schwachen Gegenden wird auffallend treu ein Weihnachtsbaum gekauft. Ein paar Bäume sind den Mitarbeitern der Awista im Laufe der Jahre in Erinnerung geblieben. Zum Beispiel der, der schon am ersten Weihnachtstag am Straßenrand lag. Was wohl am Heiligabend vorgefallen ist? Man weiß es nicht. Oder die Phantom-Tanne.

Für die ist die Awista drei Mal ausgerückt. Immer wieder hatten sich Bürger beschwert, dass ein Baum vergessen worden sei. Aber vor Ort war er nicht zu finden. Erst fuhr der Fahrer eine weitere Runde, dann kam der Disponent mit. Am Ende stellte sich heraus, dass der Baum mit dem Stamm in den Boden gerammt worden war – und sich nun als Straßenbaum tarnte. Er ist genauso im Häcksler gelandet wie alle anderen. Auch wenn die Bäume nicht mehr Mittelpunkt des Wohnzimmers sind, tun sie den Menschen übrigens noch etwas Gutes.

Den Kompost kann man in Hamm in kleinen Mengen kostenlos abholen. Und auf dem benachbarten Awista-Betriebshof freut man sich, dass bisweilen eine Brise Tannenduft herüberzieht – eine schöne Abwechslung zu den Aromen der Kläranlage.