Leserin berichtet vom Kriegsende in Kaiserswerth und den Tagen danach

Vor 70 Jahren, als die linksrheinischen Stadtteile befreit wurden, finge es für uns erst so richtig an. Am 3. März 1945 begann der Beschuss auf Kaiserswerth. Eines der ersten Opfer war Herr Lindner, der damals das beste Feinkostgeschäft am Markt besaß. Ich war damals 16 Jahre alt und lebte mit meiner Mutter alleine in der Wohnung, die ich auch jetzt noch bewohne. Mein Vater war noch im Herbst 1944 eingezogen worden, zur Gefangenenbewachung in Belgisch-Gladbach; mein jüngerer Bruder war noch in der Kinderlandverschickung in Tirol. Wir hatten seit einem halben Jahr nichts mehr von ihm gehört, weil die Briefe nicht mehr durchkamen. Auch er hatte unser Weihnachtspäckchen nicht bekommen.

Als der Beschuss begann, nahm meine Mutter kurzentschlossen zwei Koffer. In dem einen waren sämtliche Kompositionen meines Vaters, die wir auch immer mit in den Keller schleppten. Damit machten wir uns auf in den nahegelegenden Tiefbunker am Eingang der Altstadt von Kaiserswerth. Wir ahnten damals nicht damit, dass wir nun über sechs Wochen hier verbringen sollten. Unser ganzes Leben spielte sich nun in diesem Bunker ab. Es gab einen Waschraum, eine Krankenstation, auch ein Kind wurde dort geboren. Ja selbst die Ostermesse feierten wir hier im Bunker. Es gab auch zwei Läden in den oberen Etagen, in denen wir auch das Nötigste, was es noch gab, zum Leben kaufen konnten. Ab und zu bekamen wir von den Soldaten etwas aus de Gulaschkanone – das war immer ein Festessen. Sonst ernährten wir uns so recht und schlecht. In den Feuerpausen kochten wir uns etwas zwischen vier Ziegelsteinen auf dem Rasendes heutigen Spielplatzes. Wir schliefen meist im Sitzen auf den Holzbänken; manchmal gab es auch die Möglichkeit sich hinzulegen. Viele meiner Altersgenossinnen nutzten die Feuerpausen um Dinge außerhalb des Bunkers zu erledigen. Sie glaubten nämlich, sich genau auszukennen, was die Feuerpausen betraf. Doch war dies ein folgenschwerer Irrtum, so dass viele von ihnen von Geschossen getroffen wurden und starben.

Etwa zehn Tage vor der Befreiung erkrankte ich an einer Halsentzündung und kam in die Krankenstation. Von dort muss ich wohl die Bakterien mitgebracht haben, denn zwei Tage vor dem Ende erkrankte meine Mutter an Scharlach, da sie diese Krankheit als Kind nicht gehabt hatte und nicht immun war. Vermutlich habe ich sie angesteckt. Sie wurde am 17. März mit dem Krankenwagen in die Uniklinik (damals städtische Krankenanstalten) auf die Isolierstation gebracht. Eine Desinfektion, wie es sonst in solchen Fällen üblich war, fand damals nicht statt – das war ja im Bunker bei all den Menschen nicht möglich.

Nachdem meine Mutter fort war und der Beschuss auch aufgehört hatte, nahm ich die beiden Koffer und ging nach Hause. Das Haus in dem wir wohnten hatte mehrere Treffer abbekommen, die aber kaum Schaden angerichtet hatten. Nur die Fensterscheiben waren fast alle geborsten und fast der gesamte Stuck war von der Decke abgefallen. Nur in der Wohnküche, die man auch heizen konnte, waren die Fenster zum Glück heile. Da ich zu erschöpft war, um den Schutt aufzuräumen, richtete ich mich in der Küche ein. Geschlafen habe ich im Keller, wo wir schon seit längerem zwei Etagenbetten mit Strohsäcken für meinen Bruder und mich hatten.

Übrigens wurden beim Beschuss auch die vier schönen Türme unseres Suitbertus Domes zerschossen- weil nämlich die Nazis von dort aus mit Maschinengewehren geschossen hatte.

Die Nachbarn im Haus waren alle dort geblieben und hatten die meiste Zeit im Luftschutzkeller verbracht. Eine ältere Nachbarin erzählte mir, dass sie mehrfach durch marodierende Soldaten, die sich wohl von der Treppe abgesetzt hatten, belästigt worden waren. Zum Glück gab es aber einen Hund im Haus und wenn der bellte zogen die Soldaten weiter. Sie erzählte mir auch, dass der Wittlaerer Bauer morgens um sechs Vollmilch abgäbe, weil er sie anders im Moment gar nicht los wurd. Ich stand am nächsten Morgen also früh auf und machte mich auf den Weg nach Wittlaer zu diesem Bauern. Dort bekam ich einen ganzen Liter frischer Vollmilch. Das war ein Fest! Voller Freude machte ich mich auf den Rückweg. Als ich in die Arnheimer Straße, wo ich wohnte, einbog, erschrak ich: Die ganze Straße war voller amerikanischer Panzer, einer hinter dem anderen. Aus ihnen saßen junge Soldaten, die mit ihren Maschinengewehren auf mich zielten und mich grimmig oder misstrauisch anguckten. Ich hatte schreckliche Angst und ging zitternd an ihnen vorbei. Sicher hatten die Soldaten eben so viel Angst vor mir; ich hätte ja ein Heckenschütze sein können. Doch vielleicht hat mir geholfen, dass ich noch wie ein Kind aussah.

Zuhause erfuhr ich dann, dass die Amerikaner einmarschiert waren und uns befreit hatten. Im Stadtkern hatten sie Plakate verteilt, auf denen die Ausgangszeiten geregelt waren. Danach hatte ich mich zur Sperrstunde draußen befunden und daher auch das Misstrauen der Soldaten. Ich konnte aber davon nichts wissen. Nun konnte man also während der kurzen Ausgangszeiten wieder in die Stadt und einkaufen, soweit es überhaupt noch etwas gab. Am nächsten Tag kamen zwei Kanadier, riesige Kerle, die den Keller durchsuchten und dort einen Stahlhelm fanden. Sie machten großes Theater, weil sie versteckte Soldaten vermuteten, aber niemand verstand sie. Daher holten sie mich, da ich Englisch ziemlich gut konnte, um mit den Kanadiern zu verhandeln. Ich konnte ihnen klar machen, dass es sich um ein Relikt eines Gefallenen handelte und sie nichts zu befürchten hätten. Danach wurden sie ganz höflich und verabschiedeten sich.

In den ersten Tagen ernährte ich mich nur von Erbsensuppe aus gelben Käfererbsen. Dazu brauchte es eine Vorbereitungszeit von drei Stunden! Sie hießen nämlich so, weil mindestens in jeder zweiten Erbse ein Käfer war. Man musste nach dem Einweichen also jede einzelne Erbse kontrollieren und den Käfer gegebenenfalls entfernen – eine grässliche Arbeit.

An einem, als ich noch mit meinem Buch in der Küche saß, klingelte es. Damals musste man noch die Treppe runtergehen, um nachzusehen und zu öffnen. Ich hatte ziemlich Sorge, wer das wohl sein könnte. Doch als ich durch die Scheibe sah, stand da mein Vater mit zwei Kammeraden! Das war eine Freude!

Nun war ich nicht mehr alleine. Er war natürlich sehr bekümmert, dass meine Mutter mit Scharlach im Krankenhaus war. Sie waren am gleichen Tag wie ich befreit worden und hatten sich dann mit einer Karre, auf der sie lauter Köstlichkeiten, die sie bei der Plünderung eines Silos „organisiert“ hatten, mitgebracht, zu Fuß von Bergisch-Gladbach auf den Weg gemacht. Abwechselnd hatten sie die Karre gezogen. Als mein Vater wieder einmal an der Reihe war, raste ein Nazibonze auf der Flucht mit seinem Wagen an ihnen vorbei und gegen die Karre. Die Deichsel fuhr meinem Vater in die Kniekehlen und verletzte ihn stark. Sie hattet gerade den halben Weg zurückgelegt. Von nun an musste mein Vater humpeln. Die beiden Kameraden wohnten linksrheinisch und wollten bei uns übernachten, um am nächsten morgen zu versuchen, über den Rhein nach hause zu kommen. Erst einmal machten wir uns über alle guten Sachen her. So gut war es vor allem mir schon lange nicht mehr gegangen. Dann machten sich die beiden tatkräftig ans Werk, beseitigten den ganzen Schutt und putzten auch noch die Böden.

Am nächsten Morgen begleiteten wir die beiden bis zum Rhein. Von dort brachte mein Vater dicke angeschwemmte Balken als Brennholz für den Ofen mit. Zu seiner Überraschung merkte er, dass der Schmerz im Knie nachließ, wenn er sich ein paar dicke Balken auf die Schulter lud. Er ging also zu unserem Hausarzt, nachdem ich ihm das Knie schon mehrmals gekühlt hatte, um ihm die Verletzung zu zeigen. Der meinte nach kurzer Untersuchung: „Es könnte ja auch beginnende Altersschwäche sein“! Mit 56 Jahren! Nachdem mein Vater bis dahin nichts gehabt hatte und dieses erst durch die Verletzung entstanden war. Naja.

Einen Tag später wollte mein Vater sofort meine Mutter besuchen. Es fuhr aber keine Bahn, weil die Nazis alle Brücken – also nicht nur die großen, die ja noch Sinn hatten, sondern auch die kleinsten – gesprengt hatten. Es dauerte lange, bis die Bahn wieder fahren konnte. Und noch Jahre danach mussten wir, wenn wir aus dem Theater oder Konzert kamen, ab Freiligrathplatz zu Fuß laufen. Autos gab es nicht und derjenige, der ein Fahrrad hatte, wurde schon beneidet.

Nun ging er also zu Fuß den weiten Weg zum Krankenhaus. Dabei konnte er seine Frau ja nur von weitem sehen, da sie isoliert war. Aber das war ihm wichtig. Und diesen Weg ging er auch dann wieder zurück. Er brachte an Briefchen an mich mit, den meine Mutter geschrieben hatte.

Mit der Zeit regulierte sich das Alltagsleben. Im Sommer stand plötzlich mein Bruder vor der Tür, braun wie ein Araber. Auch sie waren in Begleitung einiger Mütter, die gerade bei der Befreiung dort zu Besuch waren, den größten Teil des Weges zu Fuß gekommen. Endlich war die Familie wieder vereint. Aber meine Mutter war nach dem Scharlach sehr schwach. Da es ja nichts zuzusetzen gab und sie einen Teil ihrer Ration meinem Bruder gab.

Es war eigentlich eine traurige Geschichte: Ich war so glücklich und dankbar über die Befreiung. Und obwohl wir hungern mussten, war ich doch froh, dass man keine Angst mehr vor den Nazis und den Bombenangriffen, oder um geliebte Menschen zu haben brauchte. Und dennoch war ich auch wütend, dass die Besetzer uns auf täglich 1000 Kalorien gesetzt hatten. Da wir nicht zuzusetzen hatten und zum Organisieren zu ungeschickt waren, hungerten wir über Jahre. Ich wog am Ende bei 1,68 Metern Größe nur noch 46 Kilogramm und meiner Mutter ging es noch schlechter. Im Sommer oder Herbst öffneten auch die Schulen wieder. Dort gab es dann wenigstes die Schulspeisung.

Mir fällt noch ein: da zunächst die Kohlelieferung stockte, ging mein Vater täglich an den Rhein, um angeschwemmte Balken zu holen, die wir dann zu Hause zersägten. Später bekamen wir auch die Erlaubnis, im Wald Reisig zu sammeln. Einmal begegnete meinem Vater auf seinem Heimweg von der Arbeit ein Bauernwagen, von dem eine Runkelrübe herabfiel. Er hob sie auf und brachte sie nach Hause, wo wir sie teilten. Da kam ihn die Idee, zur nahegelegenden Mitte zu gehen und uns da etwas zu Essen zu holen. Wohlgemerkt: Es ging nicht um Zuckerrüben, sondern um Viehrüben, die ca. ein Prozent Zucker enthielt. Mein Vater ging also am nächsten Abend mit mir dorthin. Ich sollte Schmiere stehen. Mir war das unangenehm. Und kaum war mein Vater an der Mitte, um ein paar Rüben einzupacken, kam ein MP (military police) vorbei, stoppte, einer stieg aus und kam auf mich zu: „What are you doing there!“ Ich erklärte auf Englisch, dass mein Vater sich dort ein paar Rüben holen wolle.

Doch schon war mein Vater da, um mir zu helfen. Er erklärte es ihnen nun auch. Darauf meinte der Polizist: „Fürs Kaninchen?“ Mein Vater erwiderte: „ No, for my wife and my children...“