Kleine Wunder in der Tonhalle

Wer ein Ticket für das zehnte Abokonzert in der Tonhalle kauft, der wird ein kleines Wunder erleben. Denn die Symphoniker mutieren unter dem Taktstock von Aziz Shokhakimov zu einem exquisiten Klangkörper, der sich plötzlich nicht mehr vor namhaften Orchestern zu verstecken braucht. Besonders in Brahms’ dritter Symphonie schweben Akkorde von Klarinette, Horn, Fagott und Oboe in so lupenreiner Intonation wie nur selten über den Abonnenten. Und Violinen, Celli und Blechbläser überzeugen durch harmonisches Spiel und hüllen den Hörer in wunderbar wohligen Sound.

Was ist geschehen? Der knapp 27-jährige Maestro aus Usbekistan tut den Symphonikern gut. Vermutlich hat Aziz Shokhakimov zahlreiche Tonhallen-Proben hinter, aber auch noch vor sich. Denn der dynamische Usbeke mit wallender schwarzer Mähne und strahlendem Hollywood-Lächeln, der schon mit 17 Chefdirigent des usbekischen Nationalorchesters war, leitet unser städtisches Orchester Ende des Monats auf seiner Japan-Tournee.

Die beiden harmonieren exzellent, obwohl einige „Düsys“ im Alter seiner Eltern sind. Der Respekt vor der Musikalität, Engagement und Souveränität dieses erwachsen gewordenen Wunderkinds führt dazu, dass die Symphoniker an allen Pulten den unangestrengten, aber präzisen Taktschlägen folgen.

Überraschung durch Alban Gerhardt

In den vier Brahms-Sätzen entlockt Aziz den Musikern einen speziellen Sound. Mal leuchtend oder klassisch zarte Steigerungen, dann wieder Seufzer voller romantischer Melancholie oder im Finale zündende Tempi. Dass er sich auch auf geheimnisvolle Moderne eines Skrjabin versteht, beweist er zu Beginn mit dessen „Symphonischen Poème“.

Für eine weitere Überraschung sorgt Alban Gerhardt. Der Berliner Cellist spielt nicht nur die bizarren Folgen des Dutilleux-Konzerts in elektrisierender Dynamik, sondern spielt danach noch die Brahms-Symphonie mit - in der dritten Orchesterreihe. Brillierte er eben noch mit aufgeregtem Pizzicato oder virtuosen Doppelgriffen dieses kapriziösen neutönenden Werks und wurde dafür bejubelt, so reiht sich dieser Ausnahme-Musiker nach der Pause selbstverständlich in die Orchesterdisziplin ein. Cool ist Gerhardt, der auch mit musikalischen Jugend- und Sozialprojekten Furore machte, und hatte vermutlich keine Lust, in der Garderobe auf das Konzertende zu warten. Jetzt spielt er nicht mehr auswendig, sondern guckt konzentriert in die Noten.

Am Ende wurden alle gefeiert: Gerhardt, die Symphoniker und der junge Dirigent aus Taschkent.