Karneval ist harte Arbeit – ein Abend mit der Tanzgarde

Entspannte Ruhe vor dem Tanz-Sturm: In improvisierten Garderoben bereiten sich die Tänzerinnen vor.
Entspannte Ruhe vor dem Tanz-Sturm: In improvisierten Garderoben bereiten sich die Tänzerinnen vor.
Foto: Lars Heidrich
Was wir bereits wissen
Vier Auftritte in nur fünf Stunden. Rund 60 Minuten vollen Einsatz zeigen die 33 Tanzmariechen auf der Bühne. Arbeitsalltag im Düsseldorfer Karneval.

Düsseldorf.. Durch den Türspalt zieht es. Damit die eisige Kälte nicht zu sehr in die Muskeln zieht, stehen die jungen Frauen auf dem Kellerabgang dicht an dicht. In dünnen Tüllröcken und Tops. Im Hintergrund dröhnt Stimmungsmusik – „Ich bin der Letzte, der heim geht“, grölt ein Sänger und der Saal kocht. Karneval in Düsseldorf. Mittendrin die Tanzgarde der Landeshauptstadt: 33 frierende Frauen auf der Kellertreppe, die gleich die Bühne stürmen und bei 500 Jecken für Spaß sorgen. Karnevalsprofis. Karnevalsarbeiter.

Vier Stunden zuvor im Stadtteil Flehe: Nach und nach trudeln die Tanzmariechen am Treffpunkt ein. Beladen mit Kleidersäcken, Schminkköfferchen und weiterem Gepäck. Der Abend wird lang. Für vier Auftritte sind die Tänzerinnen gebucht; einmal Gardetanz, dreimal Showtanz – an verschiedenen Orten. Weil der Zeitplan eng ist, sind alle geschminkt und tragen über dünnen Tanzstiefeln bunte, schützende Plastikschlappen.

Für zwei Auftritte wird eine knappvierstellige Summe fällig

Das Schützenhaus in Eller ist das erste Ziel der vier Kleinbusse. Der Verein „FortSchritt“ hat die Tänzerinnen als ersten Programmpunkt um 19 Uhr und als letzte Darbietung um 23 Uhr auf dem Plan stehen. Kein günstiges Vergnügen, denn wer die bekannteste Garde der Stadt für zwei Tänze bucht, zahlt dafür einen fast vierstelligen Betrag. Dafür kann er sich auf eine perfekte Show verlassen.

Der Schießstand wird zur Künstler-Garderobe. Nachschminken, Wimpern ankleben, Perücken aufsetzen, ein Schwätzchen halten und natürlich warm machen. Minutenlang bringt Nicole ihre Muskeln in Wallung. Seit zwölf Jahren tanzt sie in der Garde. „Franca legt sich auf eine Wärmflasche und ist warm. Andere brauchen dafür länger“, sagt die 25-Jährige.

341 Sekunden höchste Anstrengung

Franca denkt derweil tatsächlich nicht ans Warmmachen. Sie ruft in die Runde nach einer Nagelfeile. Bei 33 Schminkköfferchen ist aber auch die schnell gefunden. Erst kurz vor dem Auftritt greift die 20-Jährige – genau – zur blauen Wärmflasche und lockert die Muskeln.

Karnevalswetter Dann geht’s raus auf die Bühne. fünf Minuten und 41 Sekunden Gardetanz. 341 Sekunden höchste Anstrengung. Obwohl die Lunge pumpt, verzieht keine Mariechendie Miene. Dauerlächeln gehört dazu. Noch ein kurzer Bühnenplausch mit dem Moderator, dann Ausmarsch. Sechs Minuten später sitzen die 33 wieder in den Bussen. „Es war so warm, ich habe kaum Luft bekommen.“ Kurz ist der Auftritt noch Thema. Während die Schminke nachgebessert wird, geht’s um die alltäglichen Problemchen: Arbeit, Freunde.

Die meisten Tänzerinnen kennen sich seit Jahren und sind längst Freundinnen geworden. „Die Garde ist wie eine Familie. Da kann man sich auch mal ausweinen“, sagt Käthe. Aber nur zwischen den Auftritten. „Auf der Bühne muss man die Arschbacken zusammenkneifen, tanzen und lächeln. Alles andere darf da keine Rolle spielen.“ Sie weiß genau, wovon sie spricht. Seit 27 Jahren ist sie dabei und selbst Verletzungen konnten sie nicht dazu bringen, die Garde-Uniform an den Nagel zu hängen.

Die Rather Aapen haben den Showtanz gebucht. Knapp elf Minuten Unterhaltung bekommen sie dafür. Im Partykeller des Vereinshauses von St. Josef ist zwischen Sesseln und Bänken Zeit für einen Snack: Salzstangen, Schokozwieback und Rohkost. Nein, es fehle ihr nicht, am Wochenende mit Freunden in die Disko zu gehen, sagt Simone. Viele Freundinnen könnten das auch nicht, „die sind selbst in der Garde“.

Kurze Zeit später steht sie einander wärmend Arm in Arm mit einer dieser Freundinnen auf der eisigen Kellertreppe und wartet auf das Startsignal. Auf der Bühne zeigen die Tänzerinnen die Geschichte einer „zauberhaften Puppenfabrik“, inklusive spektakulärer Hebefiguren und jeder Menge Spagateinlagen. Zweimal in der Woche wird dafür trainiert. Für die Kondition ist jede Tänzerin selbst verantwortlich. Gardetanz ist Leistungssport. Und eiliger Sport. Nur Minuten später geht es mit den Bussen weiter.

In Derendorf müssen sie warten, bis die Bühne frei ist. Die Garde nutzt die Zeit, um gleich den übernächsten Auftritt zu proben. Aus dem scheinbar wilden Chaos wird wenig später eine perfekte Show. Doch die Zugabe fällt aus. Keine Zeit. Es geht wieder nach Eller. Noch einmal tanzt die zauberhafte Puppenfabrik über die Bühne. Kurz vor Mitternacht verklingt der letzte Akkord der Zugabe. Feierabend. Nach getaner Arbeit.