In Düsseldorf leben 25.000 Analphabeten
12.10.2010 | 18:10 Uhr 2010-10-12T18:10:00+0200
Düsseldorf.„Schraip doch mahl!“ Drei Wörter auf einem Plakat, das manche zum Schmunzeln finden. Ein Kommentar: „Das hat ja wohl ein Analphabet geschrieben.“ Stimmt. Aber Analphabeten in Düsseldorf, gibt es die überhaupt?
Wir haben doch Schulpflicht! Rainer Hartmann, Studienleiter der Volkshochschule, kennt solche reflexartigen Sätze: „Viele können kaum glauben, dass man als Erwachsener nicht lesen und schreiben kann.“ Die Realität: In Düsseldorf leben mindestens 25.000 Analphabeten. Aber wie kommt man klar in einer Welt, die ohne Schrift eigentlich nicht denkbar ist. Wenn man Formulare, Fahrpläne, Straßenschilder, Beipackzettel, aber auch SMS und Mails nicht lesen kann?
„Man wurschtelt sich so durch.“ Darin ist Ulrike S. Expertin. Wie alle Analphabeten. Manche verbinden sich die rechte Hand, wenn sie im Amt ein Formular ausfüllen sollen, oder bitten im Supermarkt um Hilfe, „weil ich meine Brille vergessen habe.“ Ulrike S. hat die Etiketten von Lebensmitteln abgeknibbelt und mit denen im Laden verglichen. Ein Satz hat ihr Leben begleitet: „Dazu bist Du viel zu dumm.“
„Analphabetismus hat nichts mit mangelnder Intelligenz zu tun“, sagt Rainer Hartmann. Eher schon mit mangelnder Förderung in der Schule. Und mit einem Elternhaus, in dem nie vorgelesen wird, in dem es keine Zeitungen, keine Bücher gibt. Eine Welt ohne Buchstaben.
Als Ulrike S. in die Schule ging, wurden ihre Probleme mit der Rechtschreibung, mit dem Lesen nicht weiter beachtet, sie kannte die Buchstaben, einzelne Wörter, ansonsten galt sie als schlechte Schülerin. Und bei Diktaten? „Da hab’ ich abgeschrieben.“ Ihre Mutter war eh’ der Meinung, sie brauche keine Lehre, also ist sie irgendwann abgegangen und hat zu Hause gearbeitet: putzen, bügeln, kochen.
Zu glauben, eine solche Schullaufbahn sei heute nicht mehr möglich, ist Illusion? Rainer Hartmann hat die neuesten Zahlen: In Nordrhein-Westfalen kann jeder vierte Jugendliche einen schwierigeren Text nicht korrekt lesen oder verstehen. Im letzten Jahr verließen 13 000 Jugendliche (6 Prozent) die Schule ohne einen Abschluss. Und ohne Perspektive, denn die Zahl der Hilfsarbeiterjobs schrumpft gleichzeitig. Zurzeit sind nur noch zehn Prozent aller Stellen sogenannte Einfacharbeitsplätze. Außerdem: Ein Formular lesen, das muss heute auch ein Lagerist können.
Ulrike S. fand schließlich einen Job: als Hilfskraft in einem Altenheim. Aber nur so lange, bis sie bei der Ausgabe des Mittagessens zwei Bewohnern das falsche Tablett servierte. Sie fiel auf, weil sie die Namen nicht lesen konnte.
„Die meisten Analphabeten haben jemanden, dem sie vertrauen und der ihnen in brenzligen Situationen hilft.“ Manchmal ist das der Ehepartner, manchmal ein Kollege. Bei einem selbstständigen Fliesenleger übernahm dessen Frau den gesamten „Schriftkram“ und die Buchhaltung. Er pflegte den Kontakt zu Kunden und erledigte die praktischen Arbeiten. Ein perfektes Team. Erst als er im Rentenalter war, entschloss er sich zu einem Abenteuer: Er wollte lesen und schreiben lernen.
Seit über 30 Jahren bietet die VHS Erwachsenen Alphabetisierungskurse. Kleine Gruppen, angenehmes Lernklima. „Wer zu uns kommt, hat lange mit sich gerungen“; weiß die Dozentin Elisabeth Caspari. Und fast alle hatten ihre Defizite lange geheim gehalten, oft auch vor den eigenen Kindern. „Ein Vater hat sich genau zu dem Zeitpunkt zum Kurs entschieden, als seine kleine Tochter eingeschult wurde.“
Seit zwei Jahren kooperiert die VHS mit der Arge. Gemeinsames Ziel: auch Langzeitarbeitslose, die nicht lesen und schreiben können, sollen fit gemacht werden für den Arbeitsmarkt. Darauf hofft auch Ulrike S. Sie hat sich vor einem Jahr „ein Herz gefasst“ und ist in den Kurs eingestiegen. Am liebsten würde sie in einer Gärtnerei arbeiten, auch auf dem Friedhof: „Hauptsache draußen.“ In der Welt der Buchstaben fühlt sie sich mittlerweile nicht mehr fremd: „Ich kann jetzt Fahrpläne lesen“, und im Supermarkt erkennt sie jetzt ohne ihre Etiketten, ob Erbsen „mittelfein“ sind. Dann greift sie zum Stift und unterschreibt ein Formular, um den nächsten Kurs zu buchen - flüssig und ohne abzusetzen.
10:21
Einfach nur UNGLAUBLICH !! Wie man auch darüber nachdenkt... Wie kann es sein dass jemand nicht die mindesten Standards des Schreibens und Lesens erlernen kann (wenn er denn schon auch nur irgendeine Schule besucht) ??? Das ist ja für ALLE Beteiligten einfach nur sowas von peinlich... Unfassbar...
09:34
Wenn einer nach 8 Jahren die Schule als Analphabet verlässt,dann muß doch die Frage erlaubt sein : wo waren da die Lehrer ? Es wird Zeit,da mal etwas näher hinzuschauen.
09:18
Dieser Kommentar wurde von einem Moderator blockiert.
09:01
99,9 Prozent sitzen im Landtag...die können das Minus Zeichen und das Wort Verschuldung nicht lesen....
08:53
Was, nur 25.000? Das glaube ich nicht.
08:19
Dieser Kommentar wurde von einem Moderator blockiert.