"Ich hab´ die Hölle gesehen"
20.01.2009 | 18:59 Uhr 2009-01-20T18:59:11+0100GERICHT. Obdachloser kassierte von der Arge über 10 000 Euro an Miete für eine Wohnung, die er gar nicht mehr hatte.
Zwei Jahre lang bezog er Miete und Heizkosten von der Arge. Dabei lebte er auf der Straße und kassierte zu Unrecht insgesamt 10 220 Euro. Gestern musste sich ein 49-Jähriger wegen Betrugs vor dem Amtsgericht verantworten.
Der ehemalige Verkäufer räumte gleich alles ein, versuchte zu erklären, wie er da hineingeschlittert ist: 2005 war er arbeitslos geworden, erhielt Hartz IV. Damals lebte er in einer Wohnung an der Kölner Landstraße, bekam dafür Miete und Heizkosten von der Arge. Er trank viel, wie er selbst betonte.
Ein neues Leben anfangen
"In einem Black-out-Moment" habe er eines Tages die Wohnung gekündigt: "Ich wollte ein neues Leben anfangen, war mit der alten Wohnung nicht mehr zufrieden." Danach meldete er sich in einer Obdachloseneinrichtung an der Harkortstraße. Doch dort wollte man ihn nicht aufnehmen, riet ihm dringend, die Kündigung wieder rückgängig zu machen.
Er versuchte es, doch der Vermieter reagierte nicht auf seine Kontaktversuche. Mehrmals pendelte er zwischen der Obdachloseneinrichtung und seinem Vermieter hin und her - ohne Erfolg.
Danach lebte der Mann auf der Straße, teilweise auch im Hotel - vom Geld der Arge. Der wollte er nämlich den Wohnungsverlust nicht melden - aus Angst, dann eben gar kein Geld mehr zu bekommen. "Ich habe zwei Jahre lang die Hölle gesehen", beschrieb der Angeklagte die harte Zeit.
Vier Monate auf Bewährung
2007 begegnete er einem Sozialarbeiter: "Der hat mich schließlich gerettet." Er besorgte ihm eine neue kleine Wohnung. Als er die bei der Arge melden wollte, flog auf, dass er zwei Jahre zu Unrecht Miete und Heizkosten erhalten hatte. Der 49-Jährige will nun die Schulden abzahlen - mit 30 Euro pro Monat.
Der Staatsanwalt forderte eine Geldstrafe, doch der Richter entschied sich, den Angeklagten zu vier Monaten auf Bewährung zu verurteilen. Er muss sich von einem Bewährungshelfer betreuen lassen und nachweisen, dass er sich um eine Alkoholtherapie bemüht.
11:39
...nicht jeder verfügt über einen starken sozialen Rückhalt in der Familie. Menschen, die einem mit Rat und Wärme zur Seite stehen. Verliert man seinen Job fallen viele Menschen in ein tiefes Loch. Depressionen, mangelndes Selbstwertgefühl, antriebslosigkeit, orientierungslosigkeit. Alkohol und Drogen sind für viele dann ein scheinbarer Ausweg. Einmal in diesem Sog gefangen kommen diese Menschen auf die irrationalsten Ideen. Soziale Anlaufstellen sind oftmals überlaufen und stoßen an Ihre Grenzen. Außerdem muß ein Hilfebedürftigen den Weg selber dorthin finden. Wie soll das gehen, wenn er völlig orientierungslos und entkräftet durch den Großstadtdschungel irrt.