Hogwarts liegt an der Düsseldorfer Kö

Stadtmitte..  Der Aufzug funktioniert gerade nicht, aber irgendwie muss das ja auch so sein. Die Lehrerbibliothek des Görres-Gymnasiums muss man sich halt erarbeiten. Hoch oben im Turm über der Bastionstraße sind die Bücher eingelagert, doch was heißt das schon.

Sie stehen dort, weitestgehend zumindest, denn bei den Planungen der Räume und beim Platz in den Regalen, hat man sich ein wenig verrechnet. Nicht alle Bücher haben Platz gefunden, und so lagert ein großer Teil des Schularchivs, der neueren Bücher, der Mediensammlung, irgendwo unterm Dach. Herr über dieses scheinbare Chaos ist Herbert Gromig, der gleichzeitig Lehrer für Latein und Geschichte an der Schule ist.

Chinesisches Matthäus-Evangelium

„Wenn ich mit jüngeren Schülern hier hoch komme, rufen die gleich nach Hogwarts.“ Er schließt nach den vielen Treppenstufen mit dem klassischen, etwa vier Pfund schweren Schlüsselbund eines Lehrers auf: Regale aus Stahl, Leitern, mehrere Etagen, zehn Meter Höhe, gleichbleibende Luftfeuchtigkeit bei konstanter Temperatur, die das Tragen einer Strickjacke nötig macht, Bücher. In allen Größen, aus allen Zeiten, in vielen Sprachen, zu unendlich vielen Themen. Von antiker Geografie über neuzeitliche Sprache und Literatur bis hin zu einem chinesischen Matthäus-Evangelium, Drucke aller Epochen zu allen denkbaren Themen. Wer Bücher mag, liebt diese Bibliothek, doch es ist wie immer im Leben: Liebe muss gelernt werden.

Deshalb kommt Gromig auch immer wieder mit seinen Schülern hierher, lässt sie Bände sortieren, Listen erstellen oder einfach lesen, wobei das wiederum nicht so einfach ist.

Viele Bücher sind auf Latein, andere haben eine heute nicht mehr geläufige Schrift, und allen ist gemein, dass sie nicht mehr dem Wissenstand der heutigen Zeit entsprechen. Aber darum geht es hier nur sekundär. Es geht darum, den Umgang mit Büchern zu lernen. Man muss sie mit Respekt behandeln, gerade in Zeiten von elektronischen Readern.

Das 1545 gegründete Düsseldorfer Görres-Gymnasium wurde 150 Jahre von Jesuiten geleitet, doch aus deren Bibliothek stammt nur noch ein kleiner Teil des Bestandes. Die Masse wurde im 19. Jahrhundert erworben, darunter auch einzelne Bände aus säkularisierten Klosterbibliotheken. Den damaligen Hauptfächern entsprechend sind Geschichte, klassische Philologie und die deutsche Literatur am häufigsten vertreten, aber auch die Naturwissenschaften und die Geografie verfügen über bemerkenswerte Bestände. Als besonders wertvoll gelten aber die Bibliothek und der Nachlass des Altphilologen Abraham Voß, mit dem auch Manuskripte seines Vaters, des Dichters und Übersetzers Johann Heinrich Voß, in die Bibliothek gelangten. Die „Bibliotheca Vossiana“ zieht aber weniger Schüler und Lehrer als immer wieder Literaturwissenschaftler aus aller Welt an.

Preußische Gründlichkeit

Doch es sind auch unscheinbare Akten, handschriftliche Vermerke, die für Gromig einen nicht unerheblichen Teil des Schatzes im Turm bilden. Er führt in einen anderen Raum unter dem Dach. Hier lagern die Lehrpläne von Gymnasien aus dem ganzen Rheinland, lückenlos aus den Jahren 1815 bis 1915. Als die Preußen kamen wurde eben mit preußischer Gründlichkeit Buch geführt. „Vorher machte eigentlich jede Schule, was sie wollte.“ Der Lehrplan ist eine Erfindung Berlins.

Historiker erforschen zurzeit die Standards in Preußen und nutzen dazu den Bestand im Görres-Gymnasium. In einer Arbeitsgemeinschaft helfen einige Schüler bei der Erfassung. Sie schreiben etwa Briefe von Schulleitern ab, die in deutscher Kurrentschrift verfasst wurden oder später in Sütterlin. „Das ist aber ein Projekt der Hochbegabtenförderung “, sagt Gromig.