Helene Fischers Tourauftakt - "Farbenspiel" ohne Makel

Helene Fischer hat ihre "Farbenspiel"-Sommertournee in Düsseldorf  eröffnet.
Helene Fischer hat ihre "Farbenspiel"-Sommertournee in Düsseldorf eröffnet.
Foto: Ilja Höpping/Funke Foto Services
Helene Fischer präsentiert sich zum Tourauftakt ihrer "Farbenspiel"-Tournee makellos. 8500 Fans feierten die 30-jährige Sängerin in Düsseldorf.

Düsseldorf.. Normalerweise hören Konzerte so auf. Mit Luftschlangen, Konfettiregen und Feuerwerk. Helene Fischers Konzert Dienstagabend im Düsseldorfer ISS Dome fängt so an. Zum Auftakt der „Farbenspiel – Stadion Sommertournee 2015“ hat das Signalwirkung: Hier setzt eine deutsche Künstlerin neue Maßstäbe. Ab 2. Juni gibt Helene Fischer innerhalb von gut vier Wochen 24 Konzerte in allen großen Stadien der Republik.

Darunter ist auch die Veltins Arena in Gelsenkirchen, die gleich an zwei Tagen hintereinander bespielt wird. Karten gibt es keine mehr. Was, bis auf wenige Restkarten, für alle Stationen gilt. Düsseldorf ist für diesen Mega-Marathon so eine Art Generalprobe.

Helene Fischer liefert eine Show auf US-Niveau

Zur Aufführung kommt eine Show, die nach dem Prädikat „Superlative“ schreit. Würde man der, die da, im vergleichsweise intimen Rahmen („nur“ 8500 Fans) Stücke wie „Unser Tag“, „Mitten im Paradies“ oder „Wunder dich nicht“ singt, den Ton abdrehen, könnte man glauben, in einer fürs Globale geplanten US-Produktion gelandet zu sein.

Mit opulenter Light- und Lasershow, aufwändig gestalteten, phänomenal-emotionalen Videoprojektionen, einer Bühne, die sich weit in den Innenraum hinein erstreckt (und in den Stadien dann noch einen Tacken fetter gerät), zwölf Tänzern, einer Riesenband inklusive Bläsern und Streichern und einer Protagonistin, die eine Garderobe trägt, für die sie sich auch in Las Vegas nicht zu schämen bräuchte.

Helene-Fischer-App taucht den ISS-Dome in Farbe

Bei „Vergeben, vergessen und wieder vertrau'n“ kommt erstmals die „Helene Fischer App“ zum Einsatz. Die es im Vorfeld als Gratis-Download gab, und die nun, passend zum Tournamen, den Dome in eine riesige Palette aus iPhone-Displays verwandelt, die im Takt der Musik abwechselnd blau, grün, rot, türkis, gelb und orange aufleuchten.

Das Problem an Helene Fischer ist, dass es kein Problem gibt. Sie kann toll singen, sie kann toll tanzen, und sie sieht toll aus. Sie ist gläubig, geht gerne in den Bergen wandern, und in den Armen ihres Liebsten ist sie die glücklichste Frau der Welt. Sie ist zielstrebig, lustig und spontan, ihren Fans sehr nah und sehr natürlich. Ein Familienmensch, der später selbst Mal gerne Kinder haben möchte, und dessen Lieblingsfarbe gelb ist. Gelb wie die Sonnenblume. Und sogar, wenn sie eine Schwäche zugibt – Schokolade – dann ist das zugleich eine Stärke. Wer dauerhaft Kleidergröße 34 tragen will, darf nicht unkontrolliert Kalorien einfahren. Die Frau besitzt also auch noch Disziplin.

Einen Monat lang hat Helene Fischer geprobt

Einen Monat lang hat Fischer in Düsseldorf geprobt, um ihr regenbogenbuntes Spektakel bühnensicher zu machen: „Für diesen Moment schwitzt man und schuftet man.“ Der Jubel, der dieses Geständnis quittiert, ist gewaltig. Besonders im „Inner Circle“, im Inneren des kreisrunden Catwalks, wo alle nur Weiß tragen: „Ihr seid mein unbeschriebenes weißes Blatt im Farbenspiel.“

Zum Repertoire der 1,58 großen Blondine zählen nicht nur Schlager, Musicals und Filmmusik, sondern auch Rock-, Rap- und Popsongs. In ihr Düsseldorfer Medley packt sie Stücke von LMFAO, den White Stripes, Westernhagen, Grönemeyer, den Kings of Leon und Tina Turner. Wobei die beiden Deutschen in dieser Auflistung sonst diejenigen sind, die die ganz großen Stadien füllen. Das kann sie jetzt auch.

Helene Fischer, porentief rein, absolut jugendfrei

Helene covert, ja, aber nie würde sie sich dabei zu einem Griff in den Schritt à la Mylie Cyrus hinreißen lassen, hackebreit wie Amy Winehouse auf die Bühne stolpern oder so kompromittierende Kopulationsposen einnehmen wie Lady Gaga. Zwar nennt sie Pink ihr Vorbild, und eifert dem, in Sachen Akrobatik, auch wacker nach, aber politische Statements, wie sie die fünf Jahre ältere Kollegin so gerne unverblümt vom Stapel lässt, sind so gar nicht ihr Ding.

Der Graf in Essen Lieber schreitet sie in goldenen Hot-Pants zum kurzen gelben Zipfel-Mini auf High-Heel-Römer-Stiefelchen wie eins von Heidis Modelmädchen über den Catwalk, gibt ihren Backgroundsängerinnen Begrüßungsküsschen und lässt sich von ihren Tänzern auf Händen tragen, den wohl proportionierten Körper straff gestreckt, den blonden Kopf im Nacken, „Te Quiero“ singend. Bei all dem bleibt Helene Fischer porentief rein und absolut jugendfrei. So wie dereinst Doris Day auf der Leinwand. Nur dass Day die Sommersprossen weg retuschiert werden mussten. Beim „Mädchen aus der Taiga“ – Fischer wurde als Tochter russlanddeutscher Eltern im sibirischen Krasnojarsk geboren – kein Thema. Hier beugt sich sogar die zart gebräunte Epidermis dem Gebot der Makellosigkeit.

In Düsseldorf hat sie mal wieder alles richtig gemacht

Das Peinlichste, das dem zigmal preisgekrönten Star je auf der Bühne passiert ist, war ein BVB-Schal im Oktober 2014 in München. Aber den hatte ein Fan überreicht. Der ihr ja, eigentlich, Gutes wollte. Was, fast, schon wieder komisch war. Bis aufs Pfeifkonzert der Bayern-Anhänger im Publikum.

So was passt schlecht in die Vita von Miss Perfect. Wo Kontrolle alles ist. „Verplant und verpeilt, daneben gestylt, so komm' ich mir manchmal vor“, singt sie in ihrem Hit „Fehlerfrei“. Was zwar Sympathien weckt, aber kein Stück auf sie zutrifft. In Düsseldorf hat sie, wieder einmal, alles richtig gemacht. Und das mit dem globalen Ding wird auch noch klappen. Irgendwann. Nach der großen Sommersause.