Hasstiraden zurück an die Verfasser

Kuddelmuddel auf der Bühne.
Kuddelmuddel auf der Bühne.
„Hate Poetry“: Journalisten mit Migrationshintergrund bekämpfen Alltagsrassismus. Das alles vor vielen Zuschauern auf der Bühne des Zakk.

Düsseldorf..  „Hate Poetry“ ist das, was dabei herum kommt, wenn Journalisten mit Migrationshintergrund beschließen, den Alltagsrassismus mit Humor bekämpfen und dabei hunderte von Zuschauer begeistern, sowie vergangenen Sonntag im Zakk in Düsseldorf.

Wenn Özlem Gezer, Spiegel-Redakteurin, Briefe von ihren Lesern bekommt, dann wird sie selten für die Qualität ihrer journalistischen Beiträge gelobt. Vielmehr wird ihr mitgeteilt, sie solle sich, „statt Ihre Klappe so aufzureißen“, glücklich schätzen, dass man ihre Großeltern vor Jahren in Deutschland reingelassen habe. Auch Taz-Volontär Mohamed Amjahid dürfte sich glücklich schätzen, wenn ihn eine Leserin wegen seiner Deutschkenntnisse lobt, im selben Atemzug allerdings auch verkündet, dass dies nicht ausreiche, um weiterhin in Deutschland leben zu dürfen. Schließlich ist Amjahid kein Deutscher, dies verrate ja schon der Name. Für den mehrfach preisgekrönten Zeit-Redakteur Yassin Musarbash sieht es nicht besser aus: Trotz einer deutschen Mutter fällt auch er, laut seiner Leser in die Kategorie „Ausländer“ und die haben in Deutschland kein Recht, Journalismus zu betreiben, teilen es ihm seine Leser mit.

Während man die drei Journalisten die Hasstiraden lesen hört, schwankt man regelrecht, ob man denn überhaupt noch darüber lachen darf, denn eine Grenze nach oben haben die Beleidigungen nicht.

Keine logischen Argumente

Stattdessen findet hier ein Wettbewerb statt. Wird Özlem Gezer in der nächsten Runde zu einer „Türkenmuschi“ deklariert, so kann dies von Musharbash überboten werden: Er solle sich als „Gehirn-amputierter, christlicher Islam-Speichel-leckender Oberdeppen der Zeit“ seine „Islam-ist-Frieden“-Parolen hinten reinstecken.

Nach logischen Argumenten in diesen Briefen sucht man ebenso vergebens, wie nach einem hervorstechenden Profil innerhalb der Leserschaft. Das Spektrum der Verfasser erstreckt sich von der Hausfrau zum Professoren, vom Studenten zum Atheisten, über den Deutschtürken zum Christen.

So sitzen die drei Journalisten mit der Moderatorin Ebru Tasdemir und vollziehen eine tragikomische Leseshow. Der Zakk-Saal ist ebenso gefüllt wie der Tisch, an dem die Protagonisten auf der Bühne sitzen. Auf und auch um den Tisch herum liegt all das, was man erwarten darf, wenn Kitsch auf Stereotypen trifft. Die türkische Flagge und die deutsche Flagge liegen ineinander umschlungen daneben die italienische, zahlreiche Nationalitäten sind auf der Bühne vertreten. Daneben liegen die Aldi-Türken-Tüten, eine Gebetsuhr zwischen alten Fotographien.

An besonders prickelnden Stellen, wird ein großer Schluck Sekt zu sich genommen, man überschüttet sich mit Konfetti, es folgt eine Luftschlange, es wird herzlich gelacht, auf der Bühne und im gesamten Saal. Die Zuschauer applaudieren, schweigen, halten inne, brechen wieder in Gelächter aus. „Es macht es für uns erträglicher, wenn wir es mit den Menschen teilen“, sagt Ebru Tasdemir. Die freie Journalistin und Publizistin hat dieses Konzept vor mehr als drei Jahren mit Doris Akrap (Taz-Redakteurin), ins Leben gerufen. Mit fortschreitender Zeit wuchs das Gründerteam rasant, unter anderen gehören Deniz Yücel, Türkei-Korrespondent der N24-Welt Gruppe und Mely Kiyak, freie Journalistin und Autorin dazu.

Ausschlaggebend war für sie der Gedanke, dass die Betroffenen diese Beleidigungen nicht für sich behalten dürfen. Stattdessen sollen diese feindseligen Inhalte zurück in die Umlaufbahn geschickt werden und zurück zu den ursprünglichen Verfassern gelangen. Auf diese Weise schließe sich der Kreis. Es sei mit einem Besuch im türkischen Hamam zu vergleichen, es werde ein wenig ungemütlich, man schwitze, aber der Dreck löse sich und man fühle sich wieder gereinigt und frei.