Geschenkebude „Givebox“ - eine Idee macht viele glücklich

Ist heute was für mich dabei? Die Givebox im Düsseldorfer Stadtteil Flinger war die erste in der Region. Inzwischen hat Düsseldorf vier Giveboxen - und viele glückliche Schenker und Beschenkte. Foto: Monika Idems
Ist heute was für mich dabei? Die Givebox im Düsseldorfer Stadtteil Flinger war die erste in der Region. Inzwischen hat Düsseldorf vier Giveboxen - und viele glückliche Schenker und Beschenkte. Foto: Monika Idems
Foto: Monika Idems / WNM
Was wir bereits wissen
Was nicht mehr gebraucht wird, aber noch gut ist, kommt in die Givebox - und von dort in neue Hände: Das Konzept stammt aus Berlin und findet auch im Rest der Republik immer mehr Freunde. Zum Beispiel in Düsseldorf und Siegen: Dort machen Gaben von Fremden Schenker und Beschenkte glücklich.

Düsseldorf/Siegen.. Ein paar Spanplatten, ein paar Balken und Latten, ein bisschen Plastik und eine Idee: Eigentlich kann man sich nur schwer vorstellen, dass diese Zutaten so viele Menschen inspirieren. Dass eine Bretterbude, kaum größer als eine Telefonzelle, Menschen zusammenbringt. Sie animiert, sich gegenseitig eine Freude zu machen, einander zu helfen und nebenbei noch Müll zu vermeiden. Aber genau das kann eine Givebox, das ist in vier Vierteln in Düsseldorf und in der Siegener Innenstadt so unübersehbar wie in sechs weiteren Städten. Und in einigen im Ruhrgebiet ist die Wunderkiste, mit der sich Fremde gegenseitig Geschenke machen, auch längst geplant.

Rund 200 Euro und ein bisschen Engagement kostet es, eine Givebox aufzustellen. Berliner haben sie sich ausgedacht und das Konzept über das Soziale Netzwerk Facebook bekannt gemacht. Es ist so einfach wie genial: Da steht ein kleine Bude mitten in der Stadt und jeder kann Dinge, die er übrig hat, hineinlegen. Jeder kann aber auch das, was ihm gefällt, herausnehmen. Jeder habe Dinge, die nicht mehr gebraucht würden, aber zu schade zum Wegwerfen seien, heißt es auf der Facebook-Seite: „Ebay ist kompliziert, Kleinanzeigen dauern, Flohmärkte sind nicht immer und weit weg, was mit Kleiderspenden passiert ist nicht immer klar, Recycling braucht auch Energie… die Givebox ist lokal, trivial und eine tolle Erweiterung zu anderen Optionen.“

Spielsachen, Kleidung, DVDs und Bücher, Bücher, Bücher

Silke Roggermann ist bei Facebook über die Seite der Berliner Givebox gestolpert – und wollte das Konzept sofort nach Düsseldorf importieren. Hat eine Seite für eine Givebox in ihrem Viertel Flingern bei Facebook aufgeschlagen – und über Nacht 100 Fans für die Idee gefunden. Nach drei Tagen waren es schon 500 Fans, Mitte September gab’s das erste Treffen mit Menschen, die mitmachen wollten, und über die Online-Spendenplattform betterplace.org war innerhalb von drei Tagen das Geld fürs Baumaterial gesammelt. Mitte Oktober stand die erste Düsseldorfer Givebox am Hermann-Platz in Flingern.

Bücher, Spielzeug, Jacken, Hemden, Handschuhe, Bücher, Schallplatten, DVDs, CDs, Deko-Ente mit Strohhut, ein Gemälde, Bücher, Taschen, Teelichthalter: Eine Wunderkiste steht da neben dem Spielplatz vor einer bunt bemalten Mauer und erteilt denen, die den vor Regen schützenden Duschvorhang zur Seite schieben und hineinsehen, Lektionen. Zum Beispiel darüber, dass verschiedene Menschen verschiedene Vorstellungen davon haben, was man noch gebrauchen kann und was nicht – sowohl bei denjenigen, die geben, als auch die, die nehmen. Etwas speckige Handschuhe sind eben besser als gar keine – keine unwichtige Lektion. Oder diese: Beiläufiges Nettsein bringt in der Regel sehr viel mehr Freude in die Welt als es an Anstrengung kostet.

Das Konzept: von allen für alle

Diese Erfahrung machen Silke Roggermann und die anderen Menschen, die sich um Giveboxen kümmern, ständig. Roggermann erinnert sich an den Mann, dem man angesehen habe, dass er nicht viel Geld zur Verfügung hat, und der voller Freude sein Hemd und seine Hose als Givebox-Errungenschaften vorführte. Oder der ältere Herr, der in der Geschenkebude genau die passende Lampe für sein betagtes Fahrrad fand. Und der etwa fünf Jahre alte Junge, der einen riesengroßen Plüsch-Snoopy entdeckte und sich sofort in den Kuschelhund verliebte. „Das klingt immer so pathetisch“, sagt Silke Roggermann ein wenig entschuldigend, „aber dieses Lächeln ist herzerwärmend.“

Das ist bestimmt ein Grund, der die Giveboxen erfolgreich macht. Einen anderen sieht Julia Dombrowski, die die Givebox Siegen mitorganisiert hat: „Weil das Konzept so unglaublich simpel ist, ohne Hürde“, würden die Menschen mitmachen, glaubt sie. Und wird nicht müde, gegen hartnäckige Missverständnisse anzugehen. Erstens: „Man muss nix rein tun, um was rauszunehmen.“ Zweitens: „Es ist von allen für alle. Viele Leute, die davon gelesen oder gehört haben, denken, das sei eine soziales Projekt.“ Etwa die Frau, die in der Siegener Givebox eine Gugelhupf-Backform aus Steingut entdeckte, ganz angetan war – und sie doch lieber für jemand anderen stehen lassen wollte. Es gebe bestimmt Menschen, die das Angebot nötiger bräuchten, erklärte die Frau ihr Zögern. Julia Dombrowski konnte sie überreden, zuzugreifen: „Es ist nicht nur für Hilfsbedürftige, es ist für alle.“ Genau dieses Konzept sei für all die schönen Erlebnisse rund um die Giveboxen verantwortlich: „Es ist wirklich ein Austausch, ein Gleichgewicht.“ Das muss man fördern, fanden die Verantwortlichen der Stadt Siegen – und halfen, die Box an einem zentralen Platz aufzustellen; damit ist die Siegener Geschenkekiste wohl die einzige, die von Behörden genehmigt ist.

Die meisten Geschenke sind nach spätestens 24 Stunden weg

Die anderen werden immerhin geduldet. In Düsseldorf sind noch drei weitere entstanden – in den Stadtteilen Oberkassel, Eller und Gerresheim. In Eller und Gerresheim hat Hildegard Düsing-Krems daran mitgearbeitet, die Giveboxen aufzustellen und sieht regelmäßig nach dem Rechten. Die „Bedienungsanleitung“ ist in der Regel an der Bude angeschlagen: Alles, was hineingelegt wird, soll noch brauchbar sein, nichts, was herausgenommen wird, soll verkauft werden, und wer etwas hinbringt möge doch nach zwei Wochen nachsehen, ob es noch da ist – und es in dem Fall bitte selbst entsorgen. Die meisten Geschenke, sagt Hildegard Düsing-Krems, hielten aber keine 24 Stunden.

Vom Röhrenfernseher übers originalverpackte Fondue-Set bis zu den Langlaufskiern: Dass davon nichts verscherbelt wird, ist bestimmt ein frommer Wunsch. Aber auch davon will sich niemand den Spaß an der Givebox verderben lassen; man geht einfach davon aus, dass die Leute, die das tun, es wirklich nötig haben. Und konzentriert sich auf all die positiven Begleiterscheinungen der Givebox, auch in der Nachbarschaft. Nicht alle, die stöbern, lassen die Angebote ordentlich zurück – dafür kommen Nachbarn, die gar nichts mitnehmen wollen, und machen Ordnung, beobachtet auch Düsing-Krems: „Mir haben schon Leute erzählt, dass sie seit Jahren nebeneinander wohnen – und sich erst an der Givebox kennengelernt haben.“