„Früher war ich jung und aggressiv“

Martin Schläpfer sorgt mit seinen Produktionen für internationales Aufsehen.  Am Wochenende ist er für den Prix Benois de la Danse“ nominiert.
Martin Schläpfer sorgt mit seinen Produktionen für internationales Aufsehen. Am Wochenende ist er für den Prix Benois de la Danse“ nominiert.
Foto: dpa
Martin Schläpfer, Choreograph und Ballettdirektor der Deutschen Oper am Rhein, spricht im Interview über seine Arbeit in Düsseldorf und Chancen auf den „Prix Benois de la Danse“, für den seine Choreographie von „Deep field“ nominiert ist.

Düsseldorf..  Er kann mehr als zufrieden sein: Martin Schläpfer, dessen sechste Spielzeit als Direktor seines ‚Balletts am Rhein’ sich am Freitag schließt mit der Übernahme-Premiere des dreiteiligen Ballettabends b.22, in dem zwei seiner Kreationen gezeigt werden. Und am Samstag fliegt er nach Moskau, um an der Verleihung des berühmten Tanzpreises „Prix Benois de la Danse“ teilzunehmen; denn der renommierte Schweizer, der bereits 2006 den Preis gewann, wurde erneut nominiert – diesmal für seine avantgardistische, anspruchsvolle Choreographie „Deep field“, die bei der Uraufführung vor einem Jahr im Opernhaus Publikum und Kritiker polarisierte. Vor seiner Abreise sprach Schläpfer mit der NRZ.

NRZ: Wie sehen Sie Ihre Chancen in Moskau?

Martin Schläpfer: Ich weiß nicht, ich glaube nicht, dass „Deep field“ gewinnen wird. Aber es ist eine große Ehre, wieder nach Moskau eingeladen zu sein.


Es war 2014 Ihre erste Zusammenarbeit mit der Komponistin Adriana Hölszky. Werden Sie in Zukunft noch einmal mit Ihr arbeiten?

Ja, wenn möglich. Zumindest für einen musikalisch kleiner besetzten Kompositionsauftrag. Sie ist unbestritten die wichtigste lebende deutsche Komponistin, lebt aber zurückgezogen.


In der kommenden Spielzeit choreographieren Sie nur ein neues Stück. Wollen Sie sich schonen?

Nein (er lacht), der Job als Chef-Choreograph und Ballettdirektor ist ein Kraftakt, da ich mit der Compagnie probe und trainiere. Früher ging alles Schlag auf Schlag. Da war ich jung und aggressiv, habe in einer Saison sechs neue Stücke herausgebracht. Aber (er lächelt): Man wird älter und milder.
Und in Zukunft?

Wird das Ballett am Rhein mehr gastieren, auch um für die Stadt zu werben. Daran arbeite ich; denn die Compagnie braucht das, um international zu wachsen. Bisher mussten wir 50 Prozent der Anfragen aus dem Ausland absagen. Aber Gastspiele kosten viel Geld.


Eine weitere Baustelle: das neue Probenhaus in Bilk. das im August eingeweiht wird.

Ja, ich freue mich auf Bilk, es ist ein lebendiges Viertel mit jungen Menschen aus verschiedenen Kulturkreisen. Der Bau war dringend nötig und Bedingung für meine Vertragsverlängerung. Wegen dieser Zusage, u.a., habe ich vor zwei Jahren das Angebot, nach Berlin zu gehen, nicht angenommen.


Und nach 2019?

Ob ich danach noch bleiben werde? Weiß ich noch nicht. Viel hängt von der Finanzierung des Balletts ab. Das Balletthaus ist ein Statement der Stadt in Richtung Zukunft. Aber sparen, weiter runter, das geht nicht.


Mussten Sie sich um den Bau mit fünf Ballettsälen und Ruheräumen kümmern?

Ich habe mich sehr mit jedem Detail auseinandergesetzt, mit der großen Hilfe von Betriebsdirektor Oliver Königsfeld. Aber das Architekturbüro, der Investor, die Stadt und wir mussten darauf achten, dass der Etat von zehn Millionen Euro nicht überschritten wird.


Darf die Öffentlichkeit da hineinschauen?

Natürlich. Aber wegen Versicherungsschutz etc. wird es kompliziert, einen Tag der offenen Tür zu organisieren. Was machen wir, wenn da plötzlich 4000 Menschen vor der Tür stehen? Wir arbeiten aber an einem Plan dafür.


Thema öffentliche Gelder und Auslastung.

Kunst ist ein Markt geworden ist. Das weiß ich. Sicher - unsere Ballettabende sind gefragt und sehr gut besucht. Aber darstellende Kunst lässt sich nicht mit Zahlen messen, Theater muss sich nicht rentieren. Deshalb erhalten wir ja Zuschüsse.


Thema Spielplan und Repertoire. Sie meiden weiterhin Klassiker wie Schwanensee oder Giselle.

Ich weiß, wie wichtig es ist, Tradition zu pflegen, aber Klassiker muss man heute neu fühlen. Die Zeit von Genies wie Mats Ek (er stellte Giselle psychoanalytisch auf den Kopf) ist vorüber. Ich würde gerne selber (neben neuen Stücken) „Nussknacker“ oder „Dornröschen“ herausbringen. Aber dann müsste ich mindestens 40 Prozent der Compagnie umbauen. Meine Tänzer sind extrem individuelle Darsteller, keine uniformierten, gleichgroßen Wesen, die man für einen Schwanensee benötigt. Sie würden krepieren, wenn ich sie durch diese Stücke jagen würde. Auch ich habe stets gegen Uniformität rebelliert.