Fortunas Pinto sieht Düsseldorf bei Fiftyfifty-Stadtführung von ganz unten

Die Fiftyfifty-Verkäuferinnen Sandra (l.) und Mirjam zeigen Sérgio da Silva Pinto „ihre“ Stadt
Die Fiftyfifty-Verkäuferinnen Sandra (l.) und Mirjam zeigen Sérgio da Silva Pinto „ihre“ Stadt
Foto: Hans-Juergen Bauer
Was wir bereits wissen
Fortunas Sérgio da Silva Pinto war mit Verkäuferinnen von Fiftyfifty in der Stadt unterwegs. Ein schonungsloser Blick auf den Rand der Gesellschaft. Der Fußballer war beeindruckt.

Düsseldorf.. Als Sérgio da Silva Pinto den Raum betritt, den Treffpunkt, wird er bereits erwartet. Der Mittelfeldspieler des Fußballzweitligisten Fortuna Düsseldorf grüßt freundlich und setzt sich abseits an einen Tisch. Denn jetzt ist er nicht die Hauptperson, das sind die beiden wohnungslosen Mirjam (38) und Sandra (48). Sie sind Straßenverkäuferinnen bei Fiftyfifty und heute Pintos Stadtführerinnen durch Düsseldorf.

Doch sie zeigen ihm nicht das Düsseldorf aus den Hochglanzbroschüren. Natürlich nicht. Mirjam und Sandra zeigen dem portugiesischen Kicker ihre Geburtsstadt genauso, wie die beiden sie sehen.

Zusammen mit Fortunas Finanzchef durchs arme Düsseldorf

Ihr Blick ist ehrlich, schonungslos, sogar brutal, ihn teilen Obdachlose, Alkoholiker, Rauschgiftsüchtige und Prostituierte; es ist ein Blick von ganz unten. Für Pinto eine neue Erfahrung, ebenso für die Handvoll Fortunamitglieder und den Vereinsfinanzchef Paul Jäger, die sich auf die Führung von der Höhenstraße in Oberbilk bis an die Altstadt begeben.

Straßenmagazin „Ihr habt Glück, wir sind das einzige Frauenteam bei den Stadtführern“, versucht Sandra sofort, eine lockere Atmosphäre zu schaffen. Sie ist erst seit wenigen Wochen dabei, freut sich aber schon lange auf diesen Termin. Sogar zu dem ihr verhassten Arzt ist sie gegangen, um jetzt dabei sein zu können; wegen einer allergischen Reaktion auf einen Mückenstich ist ihr Fuß geschwollen, entzündet und bandagiert. Doch das hält sie nicht auf. „Ich plaudere gerne aus dem Nähkästchen“, räumt sie ein und ist gespannt, wie Pinto und die restliche Gruppe sind, welche Fragen sie stellen. „Ich bin Verkäufer und kein Bettler“, stellt sie jedoch vorab klar, mit unverhohlenem Stolz.

Wie ist es überhaupt, in Düsseldorf obdachlos zu sein? "Es geht"

Mirjam, die ebenfalls vor vielen Jahren obdachlos wurde (sie hatte ihren Job und dann die Wohnung verloren) legt nach: „Ich habe nie auf der Parkbank geschlafen, hatte immer ein Dach überm Kopf. Auch wenn es ein Zelt war.“ Aber erstmal geht’s los, zum Lessingplatz.

Der ist für die Menschen am Rande der Gesellschaft deshalb wichtig, weil es um die Ecke eine Frauennotschlafstelle gibt. „Man wird alt wie eine Kuh, aber man lernt immer was dazu“, reimt Mirjam, als sie erkennt, dass ihre besondere Reisegruppe das mit der Frauenschlafstelle nicht wusste. Schnell entwickelt sich ein Gespräch. Wie ist es überhaupt, in Düsseldorf obdachlos zu sein? Offenbar nicht schön, Mirjam zögert. „Es geht“, sagt sie schließlich, „es gibt viele Einrichtungen, aber mit Hund kommt man fast nirgends rein“.

Ohnehin gebe es zu wenig bezahlbaren Wohnraum und in Einrichtungen seien die Mitbewohner oft „drogensüchtig, psychopathisch, schizophren oder alles zusammen“. Für Obdachlose seien aber auch Asylbewerber ein „kritisches Thema“, weil sie um die gleichen billigen Wohnungen konkurrieren.

"Verstockte Mieter" geben Wohnungslosen keine Chance

Viel Glück hat Mirjam allerdings nicht bei der Wohnungssuche; „verstockte Mieter“ geben nunmal langjährigen Obdachlosen in Düsseldorf keine Chance. Für Fortunamitglied Markus Krahn völlig unverständlich: „Die beiden Straßenverkäuferinnen sind ausgesprochen vorzeigbar und sympathisch. Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass sie keine Wohnung finden.“

Weiter geht’s durch Oberbilk, vorbei an Obstständen, wo Händler und Kunden auf Türkisch über Melonen und Orangen feilschen. Daneben sitzen Menschen schwitzend auf ihren Haustreppen oder lehnen sich lethargisch aus den Fenstern. Es ist der Fastenmonat Ramadan, erst bei Sonnenuntergang dürfen die Muslime essen oder trinken. Aber hier in Oberbilk wird Pinto sofort erkannt, seine Fans rufen seinen Namen, ein kleiner Junge mit Irokesenschnitt schüttelt ihm euphorisch die Hand.

Plötzlich schnauzt ein Polizist den Mittelfeldspieler unfreundlich aus seinem Mannschaftswagen an; der Portugiese war bei Rot über eine Ampel gegangen. Sandra muss laut lachen und kann auch bei ihrer Warnung nicht ernst bleiben: „Vorsicht, die Polizei ist hier sehr streng.“ Die Straßenführerinnen nutzen fortan dieses kurze Zusammentreffen mit der Polizei als wiederkehrenden Witz, das lockert auch nach den ernsten Gesprächsthemen die Stimmung wieder auf.

Obdachlose Frauen sind täglich vielen Vorurteilen ausgesetzt

Ernste Themen, davon haben sie viele. Etwa die zahlreichen Vorurteile, denen sie täglich ausgesetzt sind. „Angeblich gibt es ja gar keine obdachlosen Frauen, weil sie sich flachlegen lassen können, wenn sie eine Bleibe brauchen“, ärgert sich Sandra; seit den 90ern kämpft sie gegen diesen Unsinn.

Später wird sie erzählen, dass viele Frauen auf der Straße tatsächlich oft zu Prostituierten werden, weil sie drogensüchtig sind oder die Arge das Geld verzögert überweist. „Viele sind zum Klauen zu ehrlich. Sie müssen essen, sie haben Hunger.“ Den Luxus, einen Freier abzulehnen, haben diese Frauen nicht, dafür ist die Sucht oder ihre Not zu groß. Auch Warnungen, dass ein Freier gefährlich ist, müssen sie deshalb ignorieren. Eine von Sandras Freundinnen zahlte das mit ihrem Leben.

Obdachlose Solidarität herrscht zwischen den Obdachlosen und den Prostituierten, erfahren Pinto und die kleine Gruppe. Besonders an der Charlottenstraße – wo es zum Beispiel die Notfallschlafstelle „Knackpunkt“ gibt – gehen viele junge Bulgarinnen auf den Strich, die sich nicht trauen, vor ihren Zuhältern zu flüchten. Doch für sie gibt es geheime Unterschlüpfe, die aber geheim bleiben.

Wer von den Drogen loskommen möchte, kann beim Mintropplatz einen Arzt finden, der Ersatzstoffe wie Methadon ausgibt; jeden morgen müssen seine Patienten zu ihm, um ihre tägliche Dosis zu bekommen. Danach setzen sie sich oft auf die Mauern und trinken Schnaps.

Pinto bietet sich als Unterstützer für Straßenzeitung Fiftyfifty an

Sérgio da Silva Pinto ist sichtlich beeindruckt, als die beiden Frauen so offen über ihr Leben sprechen. „Es ist schon traurig, was in Düsseldorf passiert, aber es ist gut zu erfahren, wie es anderen Menschen geht“, sagt der Fußballer. Er selbst komme zwar aus einer großen Familie, in der er das Teilen gelernt hat, aber mit sieben Jahren spielte er bereits beim FC Porto und führte ein anderes Leben als Mirjam und Sandra.

Obdachlose Pinto will jetzt helfen, bietet sich als Unterstützer für die Straßenzeitung Fiftyfifty an. Die beiden Verkäuferinnen freut das immens: „Die Leute verstehen uns nicht immer, wir können jede Stimme gebrauchen, die für uns spricht.“ Vielen sei die Zeitung nämlich zu kritisch und zu einseitig, sie zeige nicht das ganze Düsseldorf. Eine schöne, heile Welt dürfe man in einer Obdachlosenzeitung jedoch nicht erwarten, finden die beiden.

Auch Fortuna-Finanzchef Paul Jäger will seinen Teil leisten, damit Fiftyfifty und diese besonderen Stadtführungen noch lange erhalten bleiben. „Ich möchte sie bei uns am Flinger Broich im Fanshop verkaufen, damit die Zeitung eine möglichst große Nachfrage hat.“

Daher kaufen er und Pinto natürlich ihren Stadtführerinnen die aktuelle Ausgabe ab, die sich aber bei ihrer Gruppe vor allem fürs Zuhören bedanken.