Fortuna-Finanzchef Jäger attackiert Ultras und Fanszene

Paul Jäger, Finanzvorstand von Fortuna Düsseldorf, wird von der Fanszene für sein Abstimmungsverhalten beim DFL-Gipfel zum Konzept "Sicheres Stadionerlebnis" kritisiert. Er antwortete nun leidenschaftlich.
Paul Jäger, Finanzvorstand von Fortuna Düsseldorf, wird von der Fanszene für sein Abstimmungsverhalten beim DFL-Gipfel zum Konzept "Sicheres Stadionerlebnis" kritisiert. Er antwortete nun leidenschaftlich.
Foto: Lars Heidrich
Was wir bereits wissen
Nach der Pokalpleite in Offenbach soll Paul Jäger, Finanzvorstand von Fortuna Düsseldorf, über Ultras geschimpft haben. Die Fanszene hatte ihren Boykott fortgesetzt, Funktionäre als "Verräter" angeprangert. Jäger reagierte mit einem "Wutposting" auf Facebook, Vorwürfen und einem Gesprächsangebot.

Düsseldorf.. Der Konflikt zwischen der aktiven Fanszene von Fortuna Düsseldorf und den Funktionären des Bundesligisten nach dem Beschluss des DFL-Konzeptes "Sicheres Stadionerlebnis" hat sich nach der Pokalniederlage der 95er in Offenbach am Dienstagabend weiter verschärft. Vorläufiger Höhepunkt der Auseinandersetzung ist eine hochemotionale Stellungnahme des heftig attackierten Finanzvorstandes Paul Jäger, der nach dem Spiel über die Ultras Düsseldorf geschimpft haben soll. Jäger gesteht in dem offenen Brief, "ausgeflippt" zu sein und bezeichnet die Anfeindungen als "absoluten Tiefpunkt" seiner fast fünf Jahrzehnte als Fortuna-Fan und -Funktionär. Den Stimmungsboykott während der Pokalniederlage und die Sprechchöre nach Spielende nennt er "einen Schlag ins Gesicht" (die komplette Stellungnahmen finden Sie unten). Zugleich aber bietet Jäger den Protestlern, zu denen neben den Ultras Düsseldorf auch ältere Fanclubs und der Dachverband Supporters Club Düsseldorf (SCD) zählen, an, sich kurzfristig zum Gespräch zu treffen.

Aber der Reihe nach: Am Montagabend hatten die Vertreter von 25 unterschiedlichen Gruppen der Szene beschlossen, ihren Stimmungsboykott auch während des Pokalspiels ihrer Mannschaft auf dem Bieberer Berg fortzusetzen. Etwa 1500 Anhänger aus 25 Gruppen schwiegen, ließen Fahnen und Banner zu Hause. Stattdessen brachten sie Transparente mit scharfer Kritik an DFL und vor allem am Fortuna-Vorstand an: "Verräter" war da in großen Lettern vor dem Gästeblock zu lesen, so dass sich sogar viele der OFC-Fans angegriffen fühlten. Wie schon am Samstag, als etwa 1500 Fans den Block 42 während des Heimspiels gegen Hannover 96 nach 12 Spielminuten verließen, skandierten hunderte Fortuna-Anhänger: "Wir sind die Fans, die ihr nicht wollt" – diesmal allerdings nach Spielende, nach 90-minütigem Schweigen.

Jägers Wutausbruch auf dem Parkplatz

Als sich unter den mitgereisten Düsseldorfern auch noch herumsprach, dass Fortunas Finanzchef nach dem Spiel, auf einem Parkplatz, die Contenance verloren und unter anderem wild über die Ultras geschimpft haben soll, musste sich der in der Szene einstmals beliebte Jäger zum Beispiel auf Facebook so einiges anhören, besser: durchlesen. Er habe mit dem Erfolg der 95er das Funkeln in den Augen verloren, kritisierte der bekannte und in der Szene geschätzte Autor des Bilk-Blogs. Zu Jägers angeblicher Beschimpfung der Ultras schrieb er: "Sollte das wirklich stimmen – wenn ein Mensch, der Fortuna jahrelang die Treue gehalten hat, sich zu einer solchen Aussage hinreißen lässt, der hat in meinen Augen leider nicht mehr als Verachtung verdient. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen. Sie treten das Herz von Fortuna mit Fäusten und Füßen." Das gefiel bis Mittwochabend etwa 180 Facebook-Nutzern. Der "Chefredakteur" des Blogs Rainersche Post appellierte in der Überschrift seiner Abrechnung mit der Chefetage des Bundesliga-Aufsteigers gar: "Wenn Funktionäre jede Bodenhaftung verloren haben, müssen sie gehen."

Was aber ist der Kern des Konfliktes, in dem seit dem letzten Hinrunden-Heimspiel zunehmend auch (mitunter uninformierte) neutrale Fortuna-Anhänger und Zuschauer Partei ergriffen? (Als die sonst so Fanatischen am Samstag die Arena vorzeitig verließen, wurden sie ausgepfiffen und mit Bechern beworfen. Zehntausende sangen danach demonstrativ laut all jene Gesänge, die um Anfang der 00er-Jahre Ultras erfunden beziehungsweise eingeführt hatten.) Die Szene fühlt sich hintergangen, weil Jäger und Vereinsboss Peter Frymuth in Frankfurt allen 16 Anträgen des DFL-Papieres zugestimmt hatten – auch den Anträgen 8 (verschärfte Eingangskontrollen) und 14 (Gastgebende Vereine können das Gästekarten-Kontingent nach eigenem Ermessen begrenzen). Über diese Streitpunkte nämlich hatten Vereinsvertreter im Vorfeld mit den Fans diskutiert und eine, zumindest gefühlte Einigung darüber erzielt, den beiden Anträgen nicht zuzustimmen. Darum das "Schämt euch!" und das "Verräter!"-Transparent.

Jägers offener Brief gefällt Tausenden

Auf die leidenschaftlichen Diskussion um Ehrlichkeit und Offenheit und den Vorwurf wüster Ultra-Beschimpfung reagierte Paul Jäger am Mittwochmittag mit einer Stellungnahme, die er über Fortunas Facebook-Profil verbreiten ließ. Sein von Trauer und Unverständnis geprägtes "Wutposting" wurde binnen weniger Stunden hundertfach geteilt und mehr als 3000-mal mit "Gefällt mir" bewertet. Einerseits wirft er der Fanszene um die Intensivfans vor, sich selbst zu überhöhen. Nie sei ein "protest so fehl am Platze" gewesen. Andererseits reichte er den Fangruppen mit der Bitte um ein schnelles Treffen die Hand. Unsere Redaktion hat sich dazu entschieden, Jägers offen Brief eins zu eins wiederzugeben. (pw)

Zum offenen Brief von Paul Jäger:

Die gesamte Stellungnahme von Fortuna-Finanzvorstand Paul Jäger

"Liebe Freunde des Vereins,ja, ich bin gestern ausgeflippt! Und ich habe gut daran getan, den Weg zu den Bussen durch den romantischen Wald alleine zu gehen. Hat aber nicht viel geholfen und auch nach kurzer Nacht bin ich noch in einem ähnlichen Zustand wie unmittelbar nach dem Spiel.

Was ist passiert? Peter Frymuth und ich haben letzte Woche in Frankfurt im Rahmen der Mitgliederversammlung zu allen 16 Anträgen mit "Ja" abgestimmt. Dies war die klare und deutliche Vorgabe der Euch bekannten Arbeitsgruppe. Was Peter Frymuth und ich alleine und ohne Rücksprache abgestimmt haben, war der Ergänzungsantrag von Eintracht Frankfurt, der aufgrund der Vorkommnisse der Frankfurter bei den Bayern gestellt wurde. Weil dies eine Verbesserung der Einlasskontrollen zu Gunsten der Fans war, haben wir dem zugestimmt. Peter Frymuth und ich saßen in der Sitzung und waren zufrieden mit den hinter uns liegenden Wochen, in denen über die gesamten vorliegenden Konzeptpapiere und am Ende über die Anträge von Eurer Seite diskutiert wurde und auch unter Heranführung Eurer Stellungnahmen Verbesserung erzielt werden konnten. Somit konnte im Ergebnis von den Beteiligten der Arbeitsgruppe grünes Licht für die Annahme der Anträge über den für diesen Bereich zuständigen Vorstand signalisiert werden.

Noch am gleichen Tag haben wir dann fassungslos Eure Kommentare zu der Abstimmung in Frankfurt zur Kenntnis nehmen müssen. Unser Spiel gegen Hannover war für den Verein bezüglich des möglichen Klassenerhalts von existentieller Bedeutung. Viele von Euch verlassen dieses Spiel nach 12 Minuten und stärken der Mannschaft nicht den Rücken. Hat sich eigentlich rund um unser Heimspiel gegen Hannover irgendetwas geändert? Für Euch oder für die Gästefans?

Es wird gesungen "wir sind die Fans, die Ihr nicht wollt". Sorry, aber wir wollen Euch und dies haben wir Euch immer wieder spüren lassen. Wem die Fortuna am Herzen liegt, für den ist Platz im Stadion! Und ich denke, für den einen oder anderen von Euch haben oder hatten andere Fortunen und ich immer ein offenes Ohr.

An dieser Stelle sei übrigens auch gesagt, dass wir jene, die einige von Euch beim Verlassen des Stadions beworfen haben, auf Schärfste verurteilen. Dies war eine Reaktion, die schlichtweg "zum Kotzen" war!

Gegen Offenbach geht der Spuk weiter. Schweigen bei einem so wichtigen Pokalspiel! Nach Ewigkeiten hat die Fortuna wieder eine riesen Chance, einmal wieder unter die letzten acht im DFB-Pokal zu kommen und ein Großteil der eigenen Fans kriegt die Klappe nicht auf. Gut, die Mannschaft hat schlecht gespielt und verdient verloren. Aber als nach dem Spiel und in einem Moment, in dem viele andere und ich am Boden waren und tiefe Enttäuschung empfunden haben, gesungen wird, "wir sind die Fans, die Ihr nicht wollt", das war der Gipfel.

Das war in meinen 23 Jahren Job bei der Fortuna und weiteren 25 Jahren ohne Job und "lediglich" als aktiver Fan des Vereins der absolute Tiefpunkt.

Ein Schlag ins Gesicht! Noch nie war ein Protest so fehl am Platze! Niemals hat jemand so deutlich dokumentiert, was für ihn wichtig ist. Man selbst ist wichtig, es wird sich überhöht. Jemand von Euch hat geschrieben, dass das Funkeln aus meinen Augen verschwunden sei. Ich sei im freien Fall!

Auch hierzu sage ich, in bin der alte geblieben, ich werde immer mit beiden Beinen auf der Erde stehen, ich habe nicht all das Elend in der Vergangenheit vergessen, ich habe nicht jene vergessen, die bei uns ganz unten eingestiegen sind und den fast unheimlichen Aufstieg des Vereins begleitet haben, bei Siegen habe ich immer noch feuchte Augen, und bei Niederlagen sollte man mich besser meiden. Ich bin, wie ich bin, häufig zu emotional, aber in der Maloche rational, und ich ändere mich auch nicht mehr! Mit mir kannst Du immer kräftig streiten, aber dann muss auch gut sein, die Sache ist vergessen und wir raufen uns zusammen! So war es bei mir zumindest bis gestern!

Der Verein ist wichtig, nichts Anderes! Nicht Frymuth, nicht Jäger, nicht Meier, nicht Ihr. Wir sind alle sterblich, der Verein wird uns alle überleben! In mir ist gestern durch Euer Verhalten nach Spielende etwas zerstört worden, was Stand jetzt irreparabel zu sein scheint. Ich würde aber gerne verstehen und biete allen Interessenten ein Gespräch mit mir an! Gerne noch in dieser Woche oder am kommenden Samstag! Ich habe immer gesagt, dass ich den Job hier mache, weil er mir Freude bereitet, weil ich mein Hobby zum Beruf gemacht habe, weil Fußball schauen egal in welchen Ligen mir Lebensqualität bedeutet. Weil mein Verein mir Freude macht, weil die Fortuna viele andere Fans glücklich macht! Ich bin mir nicht sicher, ob ich das Alles noch so empfinden kann! Bitte habt Verständnis, dass ich jetzt aus zeitlichen Gründen nicht auf weitere Kommentare von Euch eingehen kann. Ich würde mich freuen, wenn wir uns kurzfristig treffen könnten. Viele Grüße, Paul Jäger"