Das aktuelle Wetter Düsseldorf 13°C
Drogen

Flughafen Düsseldorf Drehscheibe für Kokain-Kuriere

08.09.2013 | 15:42 Uhr
Zoll am Flughafen Düsseldorf. Bei Verdacht müssen die Gepächstücke noch mal von einem Zollbeamten an einem Röntgengerät kontrolliert werden.Foto: Lars Heidrich/WAZ FotoPool

Essen/Düsseldorf.   Es ist eine quälende Prozedur, und riskant ist sie auch. Kuriere, die Bodypacks mit Kokain schlucken, können sterben, auch wenn nur eine Packung platzt. Doch wer nichts zu verlieren hat, geht das Risiko ein. Für die, die durchkommen, ist der Zoll immer öfter Endstation – etwa in Düsseldorf.

Jeden Mittwoch, 13.40 Uhr, beginnt die Stoßzeit für die Zollfahnder am Düsseldorfer Flughafen. Dann landet Flug 7409 der Air Berlin aus Curacao, dem niederländischen Außenposten in Südamerika. An Bord, ahnen die Zöllner, sind nicht nur Touristen, sondern auch die Bodypacker. Drogenkuriere, die abgepacktes Kokain schlucken. Es wird in Westeuropa unter die Junkies gebracht.

Düsseldorf ist zum bevorzugten deutschen, vielleicht sogar europäischen Handelsposten der südamerikanischen Kokain-Mafia und ihrer Boten geworden. „Wir beobachten eine steigende Tendenz“, heißt es offiziell beim Zoll. Die Statistik der Festnahmen und Sicherstellungszahlen sprechen aber Klartext. 2012 gingen hier 85 der bundesweit 130 ertappten Bodypacker ins Netz. 2011 wurden dabei 24,5 Kilo Kokain beschlagnahmt. Im letzten Jahr waren es schon 68 Kilo. Die 2013er Daten bestätigen bisher den Trend. Düsseldorf hat Frankfurt als Einfallstor für die Bodypacker abgelöst.

Stärkere Kontrollen am Flughafen Schiphol

Der Zoll hat eine Vermutung, warum das so ist, sagt Sylke Zabel vom zuständigen Fahndungsamt Essen: Nach der Einführung von Vollkontrollen sämtlicher Koffer auf dem Amsterdamer Flughafen Schiphol gelte Düsseldorf eben als die sicherere Drehscheibe. Geht dem Düsseldorfer Zoll also eine Lieferung durch, verschwindet sie oft bei Emmerich oder Venlo über die niederländische Grenze.

Drogen
Zollfahnder entdecken Kokain im Push-up-BH einer 62-Jährigen

Als kreativ erwiesen sich Rauschgiftkuriere aus Curacao: Sie versteckten mehrere Kilogramm Kokain nicht nur im Reisegepäck, sondern auch im Push-up-BH einer 62-Jährigen. Doch das Versteck fiel den Zollfahndern am Flughafen Düsseldorf auf - weil sich die gepushten Brüste "verselbstständigten".

Diese Nummer des Kokainschmuggels ist ein Geschäft mit dem Tod. Nicht nur für die Konsumenten. Eher noch für die Kuriere. Wer das weiße Pulver im Magen befördert, das in cocktailwürstchengroße, aus abgeschnitten Gummihandschuhen geschneiderte Schläuche gepresst wird, der vergiftet sich, wenn nur ein Behälter platzt. Multiples Organversagen tritt dann ein und bald der Tod.

Dabei „sind sie vollgestopft bis oben hin“, sagt Sylke Zabel. „Manche sind zu von der Magenöffnung bis zum Enddarm“. 20 bis 120 Packungen haben die jeweils von einem Richter anzuordnenden Röntgenaufnahmen schon erfasst. Die Beamten fragen die Richter, wenn ihnen mal wieder ein sperriger Gang durch die Checks aufgefallen ist. Oder ein hektischer Blick. Oder der Schweiß auf der Stirn. An einem Mittwoch Mitte Juli haben sie sieben auf einen Streich ertappt.

Martyrium mit Stillsitzen im Flieger

Das Wachstum des Flughafens Düsseldorf...

Es gibt Bodypacker, die sind erleichtert, die verbotene Ladung auf speziellen Toiletten auszuscheiden. Nicht nur der Flug, zwölf Stunden von den Flugplätzen der Karibik, ist ein einziges Martyrium mit Stillsitzen und mit Milch als einzig möglicher Nahrung. Auch das Training zuvor, das Schluckenlernen in illegalen Schulen irgendwo in Lateinamerika, ist Folter. Dort wird mit harten Möhren- und wohl auch kleinen Holzstückchen gepaukt, wie der Kaureflex zu unterdrücken ist.

Wer gibt sich dafür her? Häufig „die Ärmsten unter der Sonne“, sagt Zabel. Vom Bauern bis zum Studenten. Vom Latino bis zum Osteuropäer. Vom Jugendlichen bis zur Frau Ende 50. Sie haben ein Motiv gemeinsam: Geldnot. Ein Transport von einem Kilo Kokain im eigenen Körper bringt ihnen zwischen 1000 bis 5000 Euro je nach Herkunft, Menge und Risiko. Das ist in Südamerika gegebenenfalls ein Jahreseinkommen. Die Mafia, die hinter allem steht, kassiert für das Kilo am Ende 70 000 Euro auf dem Markt und gestreckt vielleicht das Dreifache.

Das Zollfahndungsamt Essen geht nach Landungen der Jets aus Südamerika inzwischen gezielt vor, „anders als bei Flügen aus Europa“, sagt Sylke Zabel. Auch Vollkontrollen wie in Amsterdam schließt sie nicht aus: „Bedarfsgerecht“ und „risikoorientiert“.

Dietmar Seher



Kommentare
Aus dem Ressort
Die Qualität von Natur und Architektur
Kunstgeschichte
Kunsthistoriker und Studenten der Düsseldorfer Heinrich-Heine-Universität veröffentlichten den Band „CampusKunst“. Die Idee entwickelte sich aus dem Projektseminar.
Immer mehr Düsseldorfer stolpern mit Karacho in die Miesen
Soziales
Immer mehr Menschen in Düsseldorf tappen in die Schuldenfalle, immer mehr Haushalte haben Probleme, ihren Verpflichtungen nachzukommen. Dies geht aus einem Bericht hervor, der gestern vom Amt für soziale Sicherung und Integration veröffentlicht wurde.
Geständnis nach Banküberfall mit Sprengsatz in Düsseldorf
Gericht
Ein 36-jähriger Automechaniker hat Mittwoch den Richtern gestanden, im März eine Sparkassenfiliale in Düsseldorf-Hellerhof mit einem Molotow-Cocktail überfallen und dabei 500 Euro erbeutet zu haben. Kurz nach dem Überfall wurde er festgenommen. Ein Gutachter soll noch zur Schuldfähigkeit aussagen.
21-Jähriger aus Essen wird seit Sonntag vermisst
Vermisstenfall
Die Polizei Essen hat auf der Suche nach einem geistig zurückgebliebenen Mann ein Foto des Vermissten veröffentlicht: Am Sonntagabend verschwand Duy Linh VU aus seiner Wohnung in Altenessen. Der 21-Jährige hält sich häufiger in der City auf, könnte aber auch nach Düsseldorf gefahren sein.
Enkeltrick: 86-Jährige witterte den Betrug
Kriminalität
Am Dienstagmorgen versuchte eine bislang unbekannte Person, eineSeniorin aus Düsseldorf-Gerresheim mit einem Trickanruf um ihr Vermögen zubringen. Der Versuch scheiterte.
Fotos und Videos
Rockerkrieg in NRW
Bildgalerie
Bilderchronik
Saisoneröffnung
Bildgalerie
Fortuna
NRZ Leser auf der Kirmes
Bildgalerie
Hinter den Kulissen
St. Sebastianus feiert
Bildgalerie
Schützen