Flug 4U9525 - Für Flughafen-Seelsorger ist weiter Ausnahmezustand

Detlev Toonen ist evangelischer Flughafenseelsorger in Düsseldorf.
Detlev Toonen ist evangelischer Flughafenseelsorger in Düsseldorf.
Foto: Dirk Neubauer
Was wir bereits wissen
Nach dem Absturz von Flug 4U9525 begann für die Seelsorger am Flughafen Düsseldorf eine Woche im Ausnahmezustand. Ihre Arbeit ist noch lange nicht beendet. Ein Gespräch mit Detlev Toonen.

Düsseldorf.. Weiße Rosen und weiße Lilien liegen auf weiß-grau marmoriertem Steinfußboden. Dutzende Kerzen und Grablichter flackern in der Zugluft der Abflughalle. Auf mehr als 100 Blättern steht Beileid in Deutsch, Arabisch, Englisch, Französisch und weiteren Sprachen. Ein Kind hat seine orangene TV-Maus zwischen die Kerzen gesetzt. Irgendjemand muss doch den Sinn hinter all dem erklären können.

Manchmal richtet jedes Reden viel Schaden an

„Manchmal kann jedes Reden viel Schaden anrichten“, sagt Detlev Toonen und schaut auf die improvisierte Gedenkstätte am Düsseldorfer Flughafen, die jeden Tag wächst. Er hat in den vergangenen Tagen Menschen verstummen sehen – vor Trauer. Hat erlebt, wie andere ihren Schmerz und ihren Verlust so hinaus schrien, dass ein Arzt gerufen werden musste.

Flugzeug-Absturz Und dann hat derselbe Detlev Toonen in St. Lambertus am Freitagabend eine Fürbitte gesprochen für den Mann, dem all dieses Leid zur Last gelegt wird: den Co-Piloten. Toonen ist evangelischer Flughafenseelsorger in Düsseldorf.

Rückblick auf Dienstag, 24. März: Um 10.53 Uhr verschwindet ein Leuchtpunkt von den Bildschirmen der französischen Flugüberwachung. Germanwings Flug 4U9525 wird vermisst. Kurz nach 11 Uhr bekommt der Flughafen die Mitteilung: Der Airbus A 320 ist in den französischen Alpen abgestürzt. Parallel treffen in der Ankunftsebene die ersten Angehörigen ein. Die Maschine sollte um 11.35 Uhr in Düsseldorf landen.

Seelsorger haben keine Patentrezepte parat

„Wir haben für solche Notfälle einen Plan“, sagt Toonen. Mit „wir“ meint er seinen katholischen Seelsorge-Kollegen Christoph Dörpinghaus sowie Dr. Sabine Rau vom psychologischen Dienst der Stadt, Notfallseelsorgeteams aus Düsseldorf, dem Kreis Mettmann und Solingen. Dazu ehrenamtliche Helfer und Mitarbeiter des Airports, die sich blaue Westen mit der Aufschrift „Care Team“ überziehen. Die erste Aufgabe: Angehörige und Abholer zu finden und in einen geschützten Bereich zu bringen.

Viele Menschen tendierten dazu, in Katastrophen etwas tun zu müssen, etwas sagen zu müssen. Wer Angehörige betreut, die noch zwischen Bangen und Hoffen sind, muss diesen Drang ablegen. „Es gibt keine Patentrezepte für solche Situationen“, sagt Toonen. Man müsse achtsam sein und den Angehörigen signalisieren, wir sind da, wir kümmern uns um Euch.

Trauer Die Betroffenen seien froh um jeden Ansprechpartner. Eine von Toonens Mitarbeiterinnen kümmert sich um ein Ehepaar, das sich darauf freute, bald Oma und Opa zu werden. Ihre schwangere Tochter saß in der Maschine. Während er koordiniert und weitere Helfer alarmiert, während die Zahl der Angehörigen von zunächst vier auf über 100 anwächst, während es beinahe gleichzeitig Journalistenanrufe aus Schweden bis Australien gibt, muss Detlev Toonen funktionieren. Organisieren. Kritisch beobachten und auch mal Helfer in eine Auszeit, in einen separaten Raum schicken. Mitten hinein in diese Flut an Anforderungen kam ein Anruf von Flughafenbediensteten: „Bitte kommen Sie schnell!“

Eine Mitarbeiterin saß weinend am Schalter. Sie hatte vor einer Woche eine fröhliche Schülergruppe aus Haltern auf dem Weg nach Barcelona abgefertigt. Ihnen Tickets für den Hinflug ausgestellt. „Plötzlich war der Tod im Leben dieser Frau“, sagt Flughafenseelsorger Toonen. Er habe 20, 25 Minuten lang mit ihr gesprochen.

Flughafen-Seelsorger las auch für den Co-Piloten eine Fürbitte

In den Tagen nach dem Absturz nahmen die Aufgaben nicht ab. „Ich habe drei, vier Stunden pro Tag schlafen können“, sagt Toonen. Keine Klage – seine Aufgabe. Er meldet sich freiwillig, um eine Fürbitte für den Co-Piloten in St. Lambertus zu lesen. Man wisse nichts über den Mann, der für manche Zeitungen nur der „Amokpilot“ oder der „Todespilot“ ist. Toonen sagt: „Er ist ein Geschöpf Gottes. Er verdient Achtung und Respekt – trotz allem.“

Zu den nächsten Aufgaben des Flughafenseelsorgers gehört es, die Hilfe für die Helfer zu organisieren. Auch sie müssten erst einmal verarbeiten, was sie gehört, gesehen, erlebt haben. Zugleich will er den Angehörigen eine Gruppe anbieten, in der man sich zumindest im nächsten Jahr treffen kann, wenn man das will. „Irgendwann Anfang Mai werde ich mich mal rausziehen“, plant Toonen. Er laufe sich meist alles von der Seele. Doch bis es soweit ist, bleibe noch viel zu tun. „Für uns ist die Sache noch lange nicht zu Ende.“