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Artenschutz

Fast jede zweite Tier- und Pflanzenart in NRW ist bedroht

20.03.2016 | 10:00 Uhr
Fast jede zweite Tier- und Pflanzenart in NRW ist bedroht
Der Feldhamster ist in NRW vom Aussterben bedroht.Foto: DPA

Düsseldorf.   Die Artenvielfalt in NRW ist seit Jahrzehnten in Gefahr. Auf einer interaktiven Karte stellen wir ausgewählte Beispiele bedrohter und geschützter Arten vor.

Ziegenmelker, Große Moosjungfer, Echte Mondraute: Es gibt Tiere und Pflanzen in Nordrhein-Westfalen, von denen die meisten Menschen wohl noch nie gehört haben. Rund 45.000 verschiedene Tierarten leben in NRW –  und nur 12.000 davon sind wissenschaftlich umfangreich untersucht.

Der Mensch hat großen Teil am Artensterben

Doch diese Vielfalt ist seit Jahrzehnten in Gefahr: Heute steht beinahe jede zweite untersuchte Art auf der Roten Listen - diese Tiere und Pflanzen sind gefährdet, vom Aussterben bedroht oder bereits ausgestorben. "Wir sind dabei, die Festplatte unserer Natur unwiederbringlich zu löschen. Wir müssen handeln bevor es zu spät ist", sagte NRW-Umweltminister Johannes Remmel (Grüne) Anfang März anlässlich des internationalen Tages des Artenschutzes.

Bedrohte und geschützte Arten in NRW
Die Angaben basieren auf der 2011 veröffentlichen Roten Liste.

 

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Häufig ist der Mensch Schuld daran, dass Arten sterben und in Gefahr geraten - das betont das Umweltministerium genauso wie die großen Umweltschutzverbände BUND oder NABU. Schuld sind vor allem der hohe Flächenverbrauch, die intensive Landwirtschaft, die Belastung durch Schadstoffe oder die Begradigung von Flüssen.

Beispiel Landwirtschaft: "Der starke Einsatz von Pestiziden und Düngemitteln tötet Insekten, dadurch finden andere Tiere weniger Nahrung und sind gefährdet", sagt der BUND-Landesvorsitzende Holger Sticht. Zudem würden Wiesen heute öfters gemäht und Felder viel intensiver bearbeitet, etwa indem sie direkt nach der Ernte umgebrochen werden. Darunter leiden Vögel, die in Wiesen nisten oder Arten, die in Ackerlandschaften leben - wie der Feldhamster. Nachdem er bis in die 1970er-Jahre in Nordrhein-Westfalen sehr weit verbreitet war, ist der kleine Nager hier mittlerweile so gut wie ausgestorben.

Kaum noch große zusammenhängende Naturräume

Auch der hohe Flächenverbrauch in NRW macht vielen Tier- und Pflanzenarten zu schaffen. "Jeden Tag werden 10 Hektar Natur- oder Landwirtsfläche zu Bauland umgewandelt", sagt Sticht. 10 Hektar - das sind ungefähr 14 Fußballfelder.

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Eng verbunden mit dem Verbrauch ist die Flächenzerschneidung durch Siedlungen oder Verkehrswege. Große, zusammenhängende Naturräume mit guten Versteckmöglichkeiten sind gerade für größere Säugetiere wie Hirsche, Marder oder Wildkatzen unverzichtbar. Laut Umweltministerium gibt es in NRW aber nur noch sechs unzerschnittene und verkehrsarme Gebiete mit mehr als 100 Quadratkilometern: Jeweils eins im Rothaargebirge, der Eifel und im Teutoburger Wald sowie drei im Sauerland. Insgesamt seien 77 Prozent der Lebensräume im Tiefland in keinem guten Zustand.

Auch der Zustand der Gewässer ist nicht gut. Zwar ist die Wasserqualität nach Angaben des BUND in den vergangenen Jahren beinahe überall gestiegen, dennoch verfügen nur sechs Prozent der Flüsse und Seen über ein intaktes Ökosystem. Zudem sei vor allem die Struktur der Gewässer schlecht für Tiere und Pflanzen, rund 60 Prozent seien stark von Menschen verändert oder künstlich angelegt worden. "Es zeigt sich, dass die menschlichen Eingriffe der Vergangenheit in Form von Begradigungen und die Belastung der Flüsse mit Abwässern oder anderen Substanzen diesen wertvollen Lebensraum massiv belastet haben", so Umweltminister Johannes Remmel.

Diese unterschiedlichen Belastungen für die Umwelt ziehen sich durch das gesamte Bundesland. "Grundsätzlich sind alle Naturräume in Nordrhein-Westfalen ähnlich stark betroffen", sagt BUND-Landesvorsitzender Holger Sticht.

Bieber, Wildkatze und Wanderfalke als positive Beispiele

Trotz allem gibt es auch positive Beispiele. So wurde der beinahe ausgerottete Biber in der Eifel (1981) und am Niederrhein (2002) erfolgreich wieder angesiedelt und breitet sich heute selbständig wieder aus. Der Status der Wildkatze auf der Roten Liste hat sich von "vom Aussterben bedroht" auf "gefährdet" verbessert - in der Eifel lebt mittlerweile eine der größten Populationen in Europa. Allein im nordrhein-westfälischen Teil des Mittelgebirges sind es rund 250 Tiere. Großen Anteil an der vergleichbar guten Situation der Wildkatze haben umfangreiche Artenschutzmaßnahmen - etwa die Errichtung von speziellen Brücken, über die die Tiere Autobahnen überqueren können.

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Dem Wanderfalken, der heute sogar komplett von der Roten Liste gestrichen ist, hat vor allem das Jagdverbot geholfen. "Der Erfolg beim Wanderfalken zeigt, dass auch einfache Maßnahmen eine große Wirkung entfalten können", sagt Sticht.

Was die Zukunft der bedrohten Tierarten in NRW angeht, gibt sich der BUND-Vorsitzende verhalten zuversichtlich: "Ich bin Zweckoptimist." Immerhin sei das Bewusstsein für den Artenschutz bei den Menschen gestiegen. "Biologische Vielfalt ist mittlerweile ein Begriff, mit dem viele Leute etwas anfangen können", meint Sticht. "Trotzdem müssen wir weiterhin sehr viel Überzeugungsarbeit leisten."

Ohne ehrenamtlichen Einsatz funktioniere Naturschutz nicht

Fest steht für Sticht jedenfalls: Der Staat alleine wird den Zustand der bedrohten Tier- und Pflanzenarten nicht verbessern können. "Der behördliche Naturschutz wird es nicht hinkriegen", sagt der Verbandsvertreter. "Der Schlüssel ist bürgerschaftliches Engagement." Also ehrenamtliche Umweltschützer, die sich beim BUND oder anderen Verbänden und Vereinen engagieren.

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Nur wenn genügend Menschen sich freiwillig und mit Leidenschaft für ihre Umwelt einsetzen - meint Sticht - haben Ziegenmelker, Große Moosjungfer oder Echte Mondraute eine dauerhafte Zukunft.

Hintergrund: Die Roten Listen sind Fachgutachten und zeigen den Grad der Gefährdung von Tieren und Pflanzen auf. Vereinfacht verlaufen die Abstufungen von "gefährdet" über "stark gefährdet" und "vom Aussterben bedroht" bis "ausgestorben oder verschollen". In Nordrhein-Westfalen gibt es bisher vier unterschiedliche Fassungen: 1979, 1986, 1999 und 2011.

Robin Kunte

Kommentare
29.03.2016
21:08
Fast jede zweite Tier- und Pflanzenart in NRW ist bedroht
von Falknerin | #9

Leider stimmt die Angabe, dass der Wanderfalke sich vor allem durch das Verbot der Bejagung erholt hätte, nicht.
Im Gegenteil: Zu der Zeit, als der...
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Fast jede zweite Tier- und Pflanzenart in NRW ist bedroht
Fast jede zweite Tier- und Pflanzenart in NRW ist bedroht
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2016-03-20 10:00
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