„Er ist wie ein stummer Buddha“

Foto: Endermann, Andreas (end)

Bei der ersten Begegnung mit Karl S. kann man es kaum glauben. Dieser Mann, der so lebendig und charmant plaudert, soll an Alzheimer erkrankt sein? Erst nach einer Weile fällt auf, dass er im Gespräch nur um ein Thema kreist, die geliebte Oper, dass er seine Sätze wortwörtlich wiederholt, wie aus einem Satzbaukasten. Dieses erste Treffen liegt zwei Jahre zurück. Heute weiß Karl S., der früher ein eigenes Unternehmen leitete, nicht mehr, wie man sich die Zähne putzt oder die Schuhe zubindet. Aber wenn er die ersten Takte von „Aida“ hört, kann es sein, dass für einen Moment ein Lächeln über sein Gesicht huscht. „An manchen Tagen passiert das, an anderen Tagen erreicht ihn die Musik nicht“, sagt seine Frau.

Annette S. teilt das Leben mit ihrem Mann seit fast 40 Jahren, das Paar ist viel gereist, sie hat mit ihm in der Firma gearbeitet. Sein Temperament habe sie immer geliebt, seine vielen Interessen, die Gabe auf Menschen zuzugehen. „Heute sitzt er wie ein stummer Buddha nehmen mir, meistens unerreichbar.“ Die ersten Anzeichen der Krankheit bemerkte sie schon vor etlichen Jahren.

Als Karl S. immer wieder mal vergaß, einen wichtigen Kunden anzurufen oder bei der Einführung einer neuen Software große Mühe hatte zu verstehen, um was es da eigentlich ging. Annette S. wurde bald klar, dass dies keine normale Vergesslichkeit war.

Mehr als nur Vergesslichkeit

Zu diesem Zeitpunkt blätterte sie im Wartezimmer ihres Hausarztes in einer Broschüre der Alzheimer Forschungsinitiative „Mehr als nur Vergesslichkeit!“ Darin wurde exakt beschrieben, wie das frühe Stadium der Alzheimer Krankheit verläuft, dass zunächst Gedächtnislücken und Stimmungsschwankungen auffallen und dass sich Sprechen und Denken verlangsamen. „Das stimmte alles eins zu eins“, sagt Annette S. Außerdem konzentrierte er sich immer stärker auf seine vertrauten Themen, verschloss sich gegenüber neuen Dingen.

Bis sie ihren Mann dazu überreden konnte, sich untersuchen zu lassen, hatte sie noch viele Broschüren der Düsseldorfer Forschungsinitiative zu Rate gezogen, deren Fördermitglied sie inzwischen ist. Dieser gemeinnützige Verein in Düsseldorf wurde vor exakt 20 Jahren gegründet – mit dem zentralen Ziel, Spenden zu sammeln für Aufklärung und Forschung. Bis heute wurden unzählige Broschüren und Bücher gedruckt und insgesamt sieben Millionen Euro in rund 160 Forschungsaktivitäten investiert. „Der ganz große Durchbruch steht zwar noch aus“, sagt Christian Leibinnes, Sprecher der Initiative, „aber es gibt doch eine Fülle interessanter Projekte, die viel versprechend sind.“

Wie die Forschung von Professorin Christa E. Müller, die untersucht, ob Koffein vor Alzheimer schützen kann. Kaffee gegen das Vergessen? Es gibt seit längerem schon Hinweise, dass Kaffe- und Teetrinker im Alter bessere Gedächtnisleistungen zeigen. Im Tierversuch konnte die Wissenschaftlerin diese Wirkung nachweisen, sie produzierte dazu einen Stoff mit Koffein in hoher Konzentration, aber ohne schädliche Nebenwirkungen. Nun besteht die Hoffnung, dass auf der Basis dieser Ergebnisse in Zukunft eine neuartige Therapie entwickelt werden kann.

Aber bis dahin werden noch etliche Jahre vergehen, Karl S. werden solche Medikamente sicherlich nicht mehr helfen können. Er lebt nun seit einigen Wochen in einem Düsseldorfer Pflegeheim. Am zweiten Tag verkündete er dort: „Ich essen freitags immer geräucherten Lachs.“ Noch erkennt er seine Frau, wenn sie ihn besucht. „Neulich hat er sie gefragt: „Wie hast du mich bloß gefunden?“ Aber als sie die „Aida“ auflegte, reagierte er nicht.