Eine wahnsinnige Fassade

Die Künstler Micky Damm (links) und Christian Odzuck - hier in den Räumen der Kunstakademie – wollen die Horten-Kacheln in etwas Zeitgenössisches transferieren.
Die Künstler Micky Damm (links) und Christian Odzuck - hier in den Räumen der Kunstakademie – wollen die Horten-Kacheln in etwas Zeitgenössisches transferieren.
Foto: Christoph Reichwein
Was wir bereits wissen
Die alte Architektur des Kaufhofes an der Berliner Allee wollen Christian Odzuck und Micky Dammin die Moderne holen. Sie retteten die Horten-Kacheln vor dem Abriss in die Kunstakademie

Düsseldorf. Staub haftet Micky Damm am T-Shirt und an den Haaren. Christian Odzuck hält eine halbleere Colaflasche in der Hand. Beide sehen etwa so aus, als wollten sie ihr Badezimmer renovieren. Auf dem Tisch reihen sich Wasserflaschen aneinander. Zwei Rennräder stehen lässig an die Wand gelehnt. Und der Club Mate ist leer. Der Raum ist riesig: hohe Decken, weite Sicht, weiße Mauern. Reichlich nüchtern aber für die Kunstakademie. Wären da nicht diese etwa 55 mal 55 Zentimeter großen weißen Quadrate mit einer Art V-Ausschnitt, um die sich Damm und Odzuck versammeln. Die so genannten Horten-Kacheln.

Fläche mit Quadraten

Eines dieser Quadrate haben sie neben das andere gelegt, so dass eine ganze Fläche aus ihnen entsteht. Irgendwo taucht ein hoher Turm auf. Doch Micky Damm ist es am liebsten, dass das noch gar niemand so richtig sieht. Das ist nämlich die Abschlussarbeit für sein Studium der Bildhauerei an der Kunstakademie. Und vor allem ist die Abschlussarbeit noch nicht fertig. Also ermahnt der 31-jährige Künstler, um Nachsicht bittend, die Fläche nicht zu sehr ins Bild zu rücken.

Der Kaufhof an der Berliner Allee ist Geschichte. Kaufhäuser haben mit düsteren Prognosen zu kämpfen, wie es wohl nur Druckerzeugnisse oder CDs tun. Das Internet ist schuld, glaubt man. Architektonisch bedeutet das eine Menge Altlasten. Für den Kaufhof an der Berliner Allee hieß dies: Abriss. Übrig blieben aber vor allem diese Horten-Kacheln, die in den 60er Jahren die gleichnamigen „Vollsortiment-Warenhäuser“ zierten und später eben auch den Kaufhof in Düsseldorf.

Für Architekten, Künstler und Nostalgiker sind diese Kacheln von unwahrscheinlicher Bedeutung. Christian Odzuck, 36 Jahre alt, Absolvent der Kunstakademie und jetzt freier Künstler in Düsseldorf, unternahm alles, um die Kacheln von der Berliner Allee zu bekommen. „Das war eine relativ lange Telefon-Odysee“, sagt Odzuck, der zum Gespräch lieber vor die Tür geht, um dem Staub zu entfliehen. Erst rief er im Kulturamt an, das ihn weiterverwies, bis er später den „Sub-Sub-Unternehmer“ fand, der zuständig war. Odzuck und Damm bekamen die Kacheln, holten sie ab und lagern nun etwa 600 in Bilk und 200 in der Kunstakademie.

Sie fasziniert die Arbeit mit den Kacheln, an denen der Dreck von über 50 Jahren klebt. Eine ganze Serie an Kunstwerken wollen die beiden noch erschaffen, neben Damms Abschlussarbeit, die man nicht sehen soll. „Das ist ein ganz strukturiertes Arbeiten“, erklärt Micky Damm für den Fall, dass der Laie nur Chaos entdeckt. Ihr beider Anspruch: die Horten-Kacheln aufnehmen und in etwas Zeitgenössisches transferieren.

Gebäude mit „Radikalität“ gebaut

Micky Damm sagt: „Dieses Gebäude ist mit einer Radikalität und Härte gebaut worden, das ist eine fast wahnsinnige Fassade.“ Er bewundert, wie man in den 60ern den Mut hatte, solche Kacheln zu verwenden, auf eine solche Architektur zu setzen. Und sein Kompagnon Odzuck sagt: „Bauen ist das einzige, was noch Rendite abwirft. Deswegen wird so viel abgerissen und neugebaut. Das ist unser Steinbruch.“ Der Steinbruch der Künstler.

Odzuck hat während des Studiums schon eine Fotoarbeit zu den Kacheln gemacht. Deswegen hat er sie nie aus dem Auge verloren. Er hat noch so einige andere Projekte auf dem Schirm. Alte Bausubstanzen, für die wieder die ein oder andere Telefonodysee fällig wird.