Düsseldorfs einziger Rastplatz

Nichts ist gut, außer vielleicht der Tscheche. Als alles verloren scheint, der Hals schmerzt und die Nase läuft, tritt er aus der Dunkelheit ins Neonlicht. Er trägt ein graues Hemd, eine schwarze Weste und eine Brille, die an einem Band um seinen Hals hängt. Er spricht kaum Deutsch. Der Tscheche sagt: „Bisschen Deutsch.“ Er spricht kein Englisch. Der Tscheche schüttelt den Kopf. Die Frage nach seinem Namen pariert er lächelnd. Er nickt, zeigt mit dem Finger auf seine Brust und sagt: „Ich – Tschechei.“ Aber immerhin spricht er.

Schon von der Autobahn 46 ist das Schild zu sehen, Messer und Gabel, die sich kreuzen, der Rastplatz Reisholz liegt an der Ausfahrt 25, Düsseldorf-Holthausen, im Dunkeln. Der Tag ist scheußlich, es regnet und regnet und regnet und wenn nicht, sieht es so aus, als finge es gleich wieder an. Es ist nicht einmal vier Uhr nachmittags und bald wieder Nacht.

Wer hier vorbeifährt, möchte zu Ikea, das x-te Regal oder einen Pressholz-Schrank kaufen, der dann nicht ins Auto passt. Falls doch, hält man auf dem Weg nach Hause noch mal kurz an der Oerschbachstraße und tankt voll. Der Liter Super kostet heute 1,35 Euro, Diesel 20 Cent weniger. An der Preisanzeige steht in Großbuchstaben „Autohof Düsseldorf“, was ja nicht falsch ist, aber schon ein bisschen protzig.

Links halten die Möbelhaus-Kunden, rechts die Lkw-Fahrer. In Sichtweite gibt es Parkplätze für die einen und die anderen, aber eigentlich halten hier nur die Trucker. Die Fahrer müssen einen Parkschein ziehen, die Gebühr für Lkw beträgt pro Tag zehn Euro. Wer im Restaurant isst, parkt umsonst. Aber gerade isst niemand im Restaurant.

Lkw aus Polen und Luxemburg und einer ganz ohne Kennzeichen stehen auf dem Parkplatz, aber von den Fahrern fehlt jede Spur. Die Bäume ringsum sind kahl, eine Mülltonne ist vom Sturm umgefallen. Die LED-Laternen werfen Lichtkegel auf den Asphalt, das lässt die Ecken noch dunkler erscheinen. Wenn doch mal jemand kommt, möchte er nicht reden oder kann nicht. Als er von woher auch immer heranschleicht, zuckt der Fahrer des polnischen Lkw bloß mit den Schultern und fährt.

Alles, was der Trucker braucht

Man muss es also anders versuchen: sich ranpirschen, sehen, was das Leben hier draußen zu bieten hat.

Im Tankstellen-Shop gibt es alles, was der Trucker braucht – denkt man, und schämt sich gleich im allernächsten Moment für diesen extrem dummen Gedanken. Wer weiß schon, was ein Trucker braucht. Es gibt grellgelbe Arbeitsjacken, NRW-Straßenkarten „Rhénanie-du-Nord-Westphalie“, Frostschutzmittel und „Ich vermisse dich“-Kuschelherzen. Hinten gibt es T-Shirts und Blechschilder, die man in den 1990ern mit dem Substantiv „Fun“ zusammengesetzt hätte. Auf einem Schild steht „Mir kann man nicht kündigen, Sklaven werden verkauft“ – was gar nicht mal so witzig ist.

Was gut ist: Die Toilette ist umsonst. Kein Drehkreuz, kein Gutschein-System, kein 50-Cent-Wertbon, den man später verfallen lässt oder in weiße Plüschwürfel für den Rückspiegel investiert, die im Sortiment dieser Tankstelle unter „Deko“ geführt werden. Im Shop steht nun ein Lkw-Fahrer an der Kasse, sagt „full“ und meint den Tank. Er zahlt dafür knapp 800 Euro.

Sicher hätte der Kassierer viel zu erzählen, das allerdings müsse erst der Chef erlauben, sagt er, und der Chef sagt am Telefon, darüber müsse der Vorstand entscheiden und der tage erst wieder nächste Woche.

Im Restaurant nebenan ist nun eine Kellnerin zugegen, man fragt, woher die Fahrer denn so kämen und sie sagt: „Von überall her.“ Auf der Mittagskarte stehen heute Chili und Backfisch, also fragt man, was die Fahrer denn häufig bestellen und die Dame sagt: „Essen.“

Man ist nun endgültig bedient, bereit abzuhauen, es reicht, es nervt und es regnet natürlich wieder. Der französische Denker Marc Augé kommt einem in den Sinn, der einmal den Ort vom Nicht-Ort unterschied. Der Ort sei durch Beziehungen und Verständnis gekennzeichnet, der Nicht-Ort durchs genaue Gegenteil, der Rasthof Reisholz ist einer.

Es gibt hier keinen Theo gegen den Rest der Welt, niemanden, der nach dem Blick auf die Landkarte jauchzt: „Noch zwei Zentimeter bis Genua!“ Die Männer hier haben Navigationsgeräte. Sie wollen bloß ihre Ruhe und Schaschlikspieße mit Pommes.

Man tritt vor die Tür, man hatte sich diese Welt anders vorgestellt, es ist auch die eigene Schuld. Gefühlt liegt die soziale Kälte jetzt unterm Gefrierpunkt. Trotzdem trägt der Tscheche bloß sein Hemd und die Weste.

Nachtlager wird aufgeschlagen

Er tritt aus dem Schatten und grüßt gleich sehr freundlich, man wittert eine Chance und fragt alles und der Tscheche antwortet so gut er kann. In Düsseldorf sei er am Ziel, sagt er, gleich wird er sein Nachtlager aufschlagen und morgen ginge es gen Heimat. Eigentlich sagt der Tscheche bloß „Abladen“, „Hotel“ und „Tábor morgen“, aber immerhin.

Man wünscht dem Lkw-Fahrer noch eine „Gute Fahrt“, er nickt, sucht nach den richtigen Worten und entscheidet sich für „Gute Nacht“.

Der Tscheche geht ins Restaurant. Essen.