Düsseldorfer lernen Thaiboxen im Slum

Knallhartes Pratzentraining gehört zu den wichtigsten Übungen im Muay Thai. Victor übt die thailändische Tritttechnik.
Knallhartes Pratzentraining gehört zu den wichtigsten Übungen im Muay Thai. Victor übt die thailändische Tritttechnik.
Foto: André Allerdisse
Was wir bereits wissen
Die Sportschule Kaminari will die Kampfkunst auf ihren Trainingsreisen möglichst authentisch vermitteln.

Düsseldorf..  Der Weg zu einem der besten Thaibox-Camps des Landes führt vorbei an einer Müllhalde. Dass hier, direkt unter der vierspurigen Stadtautobahn Bangkoks, ein ehemaliger Champion und mehrfach ausgezeichneter Profi-Trainer arbeitet, mag man kaum glauben. Und doch tut Kaisuwit Suan Kela Nongkhi genau das: Er bringt Kindern und Jugendlichen Muay Thai bei, wie Thai Boxen eigentlich richtig heißt. Und nicht nur ihnen. Seit vier Jahren besuchen auch die Düsseldorfer André Allerdisse und Thomas Merz von der Sportschule Kaminari das „96 Penang Gym“ im Bangkoker Slum mit ihren Schülern.

„Der perfekte Ort, um Muay Thai zu begreifen und an der Wurzel zu packen“, sagt Sportschulen-Inhaber Allerdisse, der das Camp mit Hilfe eines Dolmetschers ausfindig gemacht hat: „Hier kann man sich auf nichts anderes als den Sport konzentrieren und erfährt hautnah, was das Thai Boxen eigentlich bedeutet.“

Muay Thai gilt als härtester Kampfsport der Welt. Im Boxkampf, der wie beim westlichen Boxen in einem Ring ausgetragen wird, werden neben den Fäusten auch Fußtritte, Knie- und Ellbogenstöße mit vollem Krafteinsatz eingesetzt. Nicht selten enden die Kämpfe mit einem K.O.

„In Deutschland geht leider viel von der Tradition verloren“, meint Allerdisse, der sich seit 1986 mit Muay Thai befasst und damals einer der ersten und jüngsten Trainer Deutschlands war. „In Düsseldorf gab es bis vor fünf Jahren gerade eine Hand voll Sportschulen, die das original Muay Thai gelehrt haben. Heute sind es schon fast doppelt so viele. „Die meisten konzentrieren sich leider nur auf die Fitness-Aspekte. Nur wenige vermitteln den unglaublich wichtigen kulturellen Hintergrund dieses Kampfsports, ohne den man nie wirklich begreift, was man da eigentlich tut.“

Seien es früher ausschließlich Kampfsportler gewesen, die sich für den härtesten Boxsport der Welt interessierten, so kämen heute immer mehr Freizeitsportler auf den Geschmack, sich mit Thai- und Kickboxen bis zur Erschöpfung auspowern. „Viele kennen nicht einmal den Unterschied zwischen Thai- und Kickboxen. Den meisten geht es um die Fitness und darum, dass es gerade total angesagt ist, Kickboxen zu machen“, so Allerdisse.

Selbst in Thailand sei zur Zeit eine kuriose Entwicklung zu beobachten. Immer mehr Muay Thai Schulen, insbesondere in der Touristenhochburg Phuket, würden nur eröffnen, damit ambitionierte Touristen dort ihren Sporturlaub mit Muay Thai buchen könnten. Übernachtungsmöglichkeiten im Camp würden gleich mit angeboten. Muay-Thai zum Pauschalpreis im exotisch-paradiesischem Umfeld. Zwei Trainingseinheiten täglich. Eine frühmorgens und eine am Nachmittag. Dann, wenn die Tropenhitze einigermaßen erträglich wird.

Abseits der Touristenzentren

Doch wer Muay Thai begreifen wolle, müsse zurück zu dessen Wurzel, findet Allerdisse. Und die liege nicht in Touristenzentren, wo türkisfarbenes Meer, thailändische Küche und Wellness-Massagen für Exotik sorgen. Die finde man eben im Penang Gym, einem Muay-Thai-Camp ohne Anschrift, weil es nicht an einer offiziellen Straße liegt. Hier riecht es nicht nach exotischen Gewürzen. Die Luft ist schwer und getränkt vom süßlich-sauren Geruch der offenen Müllhalde, die sich direkt vorm Eingang des Camps befindet und vom Ruß der vielen Millionen Autos, Mopeds und Tuk-Tuks. Schlafmöglichkeit für Touristen sucht man vergebens. Hinter den blauen Türen der spärlichen Baracken liegen Matratzen für obdachlose Jugendliche, denen Cheftrainer Nongkhi eine Perspektive bieten will.

Hierhin verirrt sich niemand, der außerhalb der Slums wohnt. Bis auf die Düsseldorfer Sportschüler. „Das ist schlimmer als alles, was ich erwartet habe“, sagt Nik, Kämpfer und Co-Trainer bei Kaminari. „André und Tom haben uns im Vorfeld gut darauf vorbereitet, aber das hier kann man kaum begreifen. So ein Elend einerseits und so eine Freundlichkeit und nette Stimmung andererseits! Ich bin froh, das erleben zu dürfen.“

Allerdisse und Merz unterstützen das Camp seit vier Jahren mit Geld- und Sachspenden. „Die soziale Arbeit, die in diesem Camp geleistet wird ist enorm. Wir wollen denen, deren Lebensinhalt Muay Thai ist, etwas zurückgeben.“