Düsseldorf trauert um Opfer der abgestürzten Germanwings

Schweigeminute im Rathaus
Schweigeminute im Rathaus
Foto: Stadt Düsseldorf
Was wir bereits wissen
Eine Stadt in Trauer: Neun Passagiere der verunglückten Germanwings-Maschine sollen Düsseldorfer sein. Auch der Pilot kommt wohl aus Gerresheim.

Düsseldorf.. In manchen Momenten meint man, vor lauter Stille die Luft sirren zu hören. Um Punkt zwölf Uhr versammelten sich gestern die Bürgermeister, Dezernenten, Fraktionschefs, Verwaltungsangestellte und viele weitere Düsseldorfer im Foyer des Rathauses um OB Thomas Geisel. Schweigeminute für die Opfer des Flugzeugabsturzes. Für 60 Sekunden steht alles still. Dann setzt sich Geisel an einen Tisch mit schwarzer Samtdecke, Kerze, Kranz und Kondolenzbuch. Er schreibt lange Sätze auf das Papier, hält kurz inne, atmet tief durch und schreibt weiter. Schließlich steht er auf, und die anderen sind an der Reihe. Die Schlange ist lang.

Später beantwortet der Oberbürgermeister Fragen auf dem Rathausvorplatz. Es regnet, und dem Mann fallen dicke Tropfen auf die Nase. Doch Geisel merkt das gar nicht, spricht wie durch Watte. „Die Stadt ist wie gelähmt, denn jeder fühlt sich durch dieses Unglück angefasst“, sagt er. Als er von den Begegnungen mit den Angehörigen der Opfer vom Vortag berichtet, droht die Stimme komplett zu kippen: „Manchmal hilft es, die Menschen einfach nur in den Arm zu nehmen und mitzuleiden.“

Stadt sagte fast alle Termine ab

Neun Düsseldorfer sollen in der verunglückten Germanwings-Maschine gesessen haben, hieß es am Mittwoch hinter vorgehaltener Hand. Unter ihnen Maria Radner, weltbekannte Altistin, die schon in der Metropolitan Oper in New York gesungen hat. Ihr Mann und Kind waren ebenfalls an Bord. Oder auch das langjährige Ensemblemitglied der Rheinoper, Oleg Bryjak. Dazu eine Awo-Mitarbeiterin aus Düsseldorf und eine Frau aus der Henkel-Belegschaft. Am Mittwoch verdichteten sich zudem die Gerüchte, dass der Pilot der Unglücksmaschine aus Gerresheim kommt.

Oleg Bryjak Die Stadt hat so gut wie alle Termine abgesagt, die Sitzung des Sportausschusses wurde gestrichen, im Planungsausschuss wurden nur die wesentlichsten Dinge besprochen. Die Dienstreise des OB nach Israel wurde verschoben. „Bei einer solchen Katastrophe kann man nicht zum normalen Programm übergehen“, sagte Geisel. Ob es – in Absprache mit Land – eine große Trauerfeier für die Opfer gibt, konnte der Rathauschef am Mittwoch noch nicht sagen. Fakt ist: Geisel will schnelle und unbürokratische Hilfe für die Hinterbliebenen. „Ich stehe für persönliche Gespräche bereit“, sagt er. „Wobei jede Familie mit einem solchen Unglück anders umgeht, das müssen wir von Fall zu Fall sehen.“

Andere müssen indes schnell zur Tagesordnung übergehen. „So eine Tragödie schärft das Bewusstsein dafür, dass es für uns ein ganz geringes Restrisiko gibt“, sagte gestern etwa ein langjähriger Lufthansa-Pilot aus Düsseldorf unserer Redaktion, der aber aus persönlichen Gründen seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. Er selbst habe die Maschine des Typs 320 über Jahre geflogen. „Ich kann mir nicht vorstellen, was da passiert ist“, sagt er. Dass es Germanwings-Mitarbeiter gab, die gestern nicht imstande waren, ihren Dienst anzutreten, kann er verstehen. „Düsseldorf ist eine überschaubare Station, da kennt man sich, das muss erst sacken.“

Unglück Der Düsseldorfer Airport meldete am Mittwoch, der Flugbetrieb laufe wieder planmäßig. Nach dem tragischen Flugunfall wollten vereinzelt Crews der Germanwings nicht fliegen. 24 Flugbewegungen wurden daher der von der Fluggesellschaft gestrichen, unter anderem eine Verbindung nach Barcelona, teilte die Flughafen-Pressestelle mit. Auch am Mittwoch wurden noch Angehörige der Opfer von Seelsorgern und geschulten Spezialkräften des Airports, der Airline und der Stadt betreut – abgeschirmt von der Öffentlichkeit.

Gedenkgottesdienst am Freitag

Für Freitag laden katholische und evangelische Kirche zu einem gemeinsamen Gedenkgottesdienst für die Opfer der Flugzeugkatastrophe ein. Der ökumenische Gottesdienst beginnt um 18.30 Uhr in der Basilika St. Lambertus, Stiftsplatz, und wird von Superintendentin Henrike Tetz und Stadtdechant, Msgr. Rolf Steinhäuser geleitet. Die ökumenische Notfallseelsorge und die evangelische Flughafenseelsorge werden den Gottesdienst mitgestalten.

Das Kondolenzbuch liegt im Rathaus, Marktplatz 2, Erdgeschoss, indes für alle Bürger aus. Auch in den kommenden Tagen können Menschen dort von acht bis 18 Uhr ihr Beileid bekunden.

Gibt es keine Grenzen mehr? Ein Kommentar von Stephan Wappner

Menschliche Tragödien offenbaren oft menschliche Abgründe. Ein NRZ-Mitarbeiter schaute in einen solchen Abgrund, als er am Dienstagmittag – also kurz nach der Katastrophe – als Berichterstatter am Flughafen war.

Irgendwann kam er zurück in die Redaktion. Bedrückt, weil er viele aufgelöste Menschen getroffen hatte. Aber auch wütend: Er war einem Fotografen eines Boulevardmediums begegnet. Der hatte sich als Angehöriger ausgegeben – nur um in den geschützten Bereich zu kommen, in dem Menschen von Seelsorgern betreut wurden. Sie können selbst entscheiden, wie unmoralisch und niederträchtig das ist.

Die Frage ist: Gibt es keine Grenzen mehr? Wir schämen uns für diesen „Kollegen“!