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Stadtgeschichte

Die vergessene Siedlung

02.09.2010 | 17:19 Uhr

Gerresheim.Sie stammt aus der Zeit größter Wohnungsnot: Die Siedlung „Am Zollhaus“, in einst luftiger Höhe über dem Torfbruch errichtet. Vor genau 80 Jahren wurden die 101 Einfamilienhäuser als „Reichsheimstättensiedlung“ auf dem noch kahlen Hang bezogen.

Heute haben sie Modellcharakter – ein Musterbeispiel für bezahlbares Wohnen auf städtischem Gelände. Am Tag des Denkmals (12. September) wird die „vergessene Siedlung“ erstmals wieder im Licht der Öffentlichkeit stehen. Eine Stele mit Informationen wird künftig an ihre Entstehung erinnern.

Einschließlich Straßenreinigung

„Meine Eltern sind mit mir 1930 von Flingern zum Zollhaus gezogen, sehr zum Leidwesen meiner Mutter, die meinte, das sei am Ende der Welt gelegen.“ So erinnert sich Günter Baumann im „Quadenhof“, der Zeitschrift des Heimatvereins. Es war Ziel städtischer Wohnungspolitik, dass die Eigenheime nicht mehr kosteten als eine Mietwohnung. So wurden monatlich 54 Reichsmark gezahlt, einschließlich Straßenreinigung und Tilgung.

„Klein-Jericho“ hieß die Siedlung im Volksmund, nicht zuletzt wegen ihres ungewöhnlichen Baustils und ihrer flachen Dächer. Schlüsselfertig wurden die Reihenhäuser an die Siedler - meist Beamte, Angestellte und Handwerker - verkauft.

„Insgesamt 60 000 Menschen wurden von der Stadt Ende der 20er Jahre mit einem Dach über dem Kopf versorgt,“ weiß der Historiker Peter Henkel. Das Motto hieß damals „Bauen für das Existenzminimum.“ Die Siedlung am Zollhaus war ein Paradebeispiel.

Architekt Heinrich de Fries hat die Pläne entwickelt: Ein langer, leicht gebogener Riegel, der der Hangkante folgt. Dazwischen ein zentraler grüner Platz als Treffpunkt. Dort wird künftig die Stele stehen.

Die Ausstattung war schlicht. „Aber die architektonische Formsprache mit den flachen Dächern und dem hellen Verputz und die Anordnung der Häuser zueinander – das alles war sehr modern“, sagt Architekt Torsten Laferi. Er wohnt seit 1987 dort, hat ein Haus im ursprünglichen Zustand für seine fünfköpfige Familie gekauft und saniert. Der rote Anstrich mit „Oxydrot“ erregte nicht nur bei den Nachbarn Aufsehen: 2004 wurde das Laferi-Wohnhaus beim städtischen Wettbewerb „Farbige Stadt“ mit dem ersten Preis ausgezeichnet.

In der Öffentlichkeit blieb die Siedlung weitgehend unbeachtet. Dabei sprechen Fachleute heute vom bedeutendsten und gelungensten Siedlungsbauprojekt der zwanziger Jahre in Düsseldorf.

Winzige Räume - aber mit Bad

Die Häuser hatten winzige Räume von 9 bis 15 qm, verfügten über eine Wohnküche mit Spülnische, WC im Erdgeschoss und separate Bäder in der ersten Etage – für die damalige Zeit ungewöhnlich fortschrittlich. Alle waren unterkellert. Zu jedem Haus gehörte ein großzügiger Garten.

Wie erfolgreich das Projekt startete, zeigte die Nachfrage: Sie war dreimal höher als das Angebot. Und daran hat sich bis heute nichts geändert. „Wenn ein Haus frei wird, stehen die Käufer sofort Schlange“, sagte ein Anwohner, der im Garten sogar Hühner hält. Er lebt seit zwanzig Jahren am Zollhaus: „Und hier will ich auch nie wieder weg“.

Ursula Posny

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