Die toten Kinder von Eller

Eller..  Gute Spukgeschichten beginnen im Nebel, und das ist auch hier nicht anders: Es war also im Herbst des Jahres 2011, als Bauarbeiter im Garten des Heimatmuseums Eller ein paar Knochen ausgruben, immer mehr kamen im Laufe des Tages zum Vorschein, und weil das den Arbeitern ein bisschen unheimlich war, riefen sie die Polizei. Die leitete die Untersuchungen und stellte relativ schnell fest, dass die Knochen alt waren. Erst Untersuchungen in der Forensik der Düsseldorfer Uniklinik ergaben, wie alt sie denn waren: Offenbar stammten die Gebeine aus dem 18. Jahrhundert.

Es sind die Überreste von etwa 10 Menschen, die meisten von ihnen waren noch sehr jung, als sie starben, fanden die Mediziner heraus. Seitdem lagerten die Knochen dort im Bestand, kein Verbrechen, keine Handhabe – die Polizei war also raus aus dem Rätsel, und hier kommt der Historiker und Stadtteilaktivist Ulrich Brzosa ins Spiel.

In der Uniklinik nachgehakt

Er hatte von dem Knochenfund erfahren und in der Uniklinik nachgehakt. Außerdem hat er sich in diversen Archiven umgesehen, und so herausgefunden, woher die Gebeine denn stammen und warum sie gerade hier lagen, offenbar nicht einfach verscharrt, sondern nach barockem Ritus ordentlich beerdigt, wie sich anhand der Metallspuren an den Schädeln feststellen ließ.

„Die Spuren an den Schädeln wiesen auf Totenkronen hin“, sagt Brzosa. Jene Kronen aus Stahl wurden vom Ende des 16. bis zum 19. Jahrhundert bei der Bestattung von Säuglingen und Kindern oder jung verstorbenen Ledigen verwendet. Im Hauptstaatsarchiv NRW fand Brzosa schließlich den entscheidendenden Hinweis auf die Herkunft der Toten´. Tatsächlich wurde das Grundstück zwischen 1775 bis 1809 als Friedhof genutzt. „Es ist der erste Friedhof, den es in Eller gegeben hatte, da die Toten aus Eller nachweislich bis 1775 in Gerresheim bestattet werden mussten“, sagt der Historiker. Von 1809 bis 1831 diente hingegen ein Areal auf dem heutigen Sportplatz der Dieter-Forte-Gesamtschule als Kirchacker. Bisher galt dieses Gelände als erster Friedhof in Eller. Die Friedhofsgeschichte des Düsseldorfer Ostens muss nach diesen Recherchen umgeschrieben werden.

In einer alten Eller Totenliste ist sogar vermerkt, wer damals der erste Mensch war, der auf dem Friedhof bestattet wurde: Anna Catharina Spicker starb bei der Geburt ihres Kindes Wilhelmus und wurde am 28. März 1775 beerdigt, in ihre Armen hatte man den Säugling gelegt. „Der Friedhof erzählt viel über das Leben der Menschen hier“, sagt Brzosa. Wie hoch die Kindersterblichkeit war, wie gefährlich eine Geburt.

Als die Untersuchungen der Forensik abgeschlossen waren, interessierte sich niemand mehr für den Karton mit den Gebeinen. Brzosa fuhr zur Uniklinik, nahm den Karton und lagerte ihn ein. Er hatte eine Idee, die Gebeine sollten wieder dort hinkommen, wo man sie ausgegraben hatte, außerdem sollte eine Gedenktafel auf den Friedhof hinweisen.

In einem Brief wandte er sich an die Stadt, nicht ohne vorher die Rechtsmedizin um ihr Einverständnis zu bitten und mit den Kirchen zu klären, ob eine erneute Beisetzung denn von ihnen begleitet werde. Alle stimmten zu. Im Mai dieses Jahres erhielt Brzosa schließlich Antwort: Weder das Gesundheitsamt, die Untere Denkmalbehörde, sowie das Stadtplanungsamt äußerten Bedenken wegen der erneuten Beisetzung der Gebeine dort, wo sie über 200 Jahre lang gelegen hatten. Und dennoch wurde sein Antrag abgelehnt. Der Arbeitskreis Kultur in Eller legte sein Veto ein. Man könne den Garten, wo noch die Überreste einiger hundert anderer Ellerer liegen, dann nicht mehr so nutzen wie bisher. Brzosa erscheint unlogisch, dass ein Arbeitskreis, der mit öffentlichen Geldern gefördert wird, um Geschichte und Kultur im Stadtteil zu fördern, sich in dieser Sache querstellt. Klagen will er nicht, aber an den OB schreiben.

Laut höchstrichterlicher Rechtssprechung besteht für die Beisetzung von Toten die Friedhofspflicht, egal wie alt die Überreste sind. Die Ordnungsbehörde kann allerdings, laut Bestattungsgesetz NRW, im Einzelfall Bestattungen außerhalb des Friedhofes zulassen.