Die Tafeln stoßen an ihre Grenzen
13.05.2009 | 20:00 Uhr 2009-05-13T20:00:00+0200Rund 5000 Menschen werden pro Woche von Freiwilligen versorgt. Neue Lebensmittelabgabe bei der Diakonie in Flingern.
Heike Vongehr muss ihre Worte nicht extra betonen, um deren Dramatik zu steigern: „Die Tafeln stoßen an ihre Grenzen. Allein in Düsseldorf werden rund 5000 Menschen in der Woche von uns versorgt. Die Telefone stehen nicht still, es rufen mehr Betroffene als Spender an. Was die Menschen erwarten, können wir nicht erfüllen. Irgendwann ist die Spendenfreudigkeit erschöpft. Es ist ein Infarkt, der hier stattfindet”, sagt die Vorsitzende der Düsseldorfer Tafel mit eindringlicher Stimme. Und doch hob sie gestern am Platz der Diakonie an der Gerresheimer Straße 173 eine neue Lebensmittelausgabe mit aus der Taufe.
Neben frischem Obst und Gemüse, Milchprodukten und Brot unterfüttert die Diakonie das Hilfsangebot mit kompetenter Beratung. „Wir wollen den Menschen Wege aufzeigen, wie sie ihre oft vielfältigen Probleme in den Griff kriegen können”, umreißt Sozialberaterin Barbara Dully das Konzept der seit dreieinhalb Jahren bewährten Zusammenarbeit von Diakonie und Tafel.
Noch zeigt die Wirtschaftskrise in Düsseldorf keine messbaren Folgen. „Das kommt erst im Herbst auf uns zu”, hieß es gestern bei der Diakonie. Doch schon jetzt leben hier rund 70 000 Menschen als sogenannte „Bedarfsgemeinschaften”, sind von Hartz IV oder einer Grundsicherung abhängig. 15 000 davon sind Kinder. 4.26 Euro billigt der Staat einem erwachsenen Menschen pro Tag zur Deckung seines Lebensunterhalts zu. Drum müssen inzwischen an sechs Standorten in der Stadt Bedürftige von ehrenamtlichen Helfern mit dem Nötigsten versorgt werden.
Wersten, Oberbilk und Rath sind eingebunden ins Hilfsangebot freiwilliger Organisationen, in Garath und in der Altstadt an der Berger Kirche kooperieren Tafel und Diakonie. Vor allem an der Berger Kirche wurde der Andrang oft so groß, dass die Lebensmittelvorräte nicht ausreichten. Drum nun auch die neue Anlaufstelle in Flingern. „Flingern Süd ist mit 17 Prozent Arbeitslosigkeit der ärmste Stadtteil”, untermauert Diakonie-Mitarbeiterin Antonia Frey die Entscheidung.
Gestern kamen die ersten Besucher, ließen sich aufnehmen in die Listen zur Registrierung, legten ihren Düsselpass oder ihren Hartz-IV-Nachweis vor - und ihre Scham ab, die viele von ihnen wie ein Offenbarungseid plagt.
Die Familien zuerst, dann die Behinderten, die Alleinstehenden müssen am längsten warten - so lauten die Gesetze, die die Not kategorisieren. Grüppchen für Grüppchen stiegen Männer und Frauen die Stufen hinab in die frühere Waschküche der Diakonie, um sich ihre Taschen und Einkaufswagen zu füllen mit Lebensmitteln, die das eigene Budget ihnen versagt.
Auch Barbara Dully empfing dort die Besucher. „Schon unsere beiden anderen Projekte in Garath und an der Berger Kirche haben gezeigt, dass der Bedarf an Informationen sehr groß ist”, sagt die gelernte Sozialarbeiterin, die sich als Navigator durch den Dschungel von Gesetzen, Vorschriften und bürokratischen Floskeln versteht, die aber auch alle Hilfsangebote kennt, die das Leben ein wenig leichter machen. „Viele haben große Probleme mit der Arge”, erzählt Dully. „Sie erreichen niemanden, verstehen die Sprache auf den Formularen nicht. Andere haben Probleme mit ihren Kindern, oder sie wissen nicht, was sie tun sollen, wenn ihnen der Strom abgestellt wurde oder sie wieder mal kein Geld bekommen haben. In solchen Situationen versuchen wir zu helfen und die notwendigen Abläufe zu koordinieren.” Wer nächsten Mittwoch wieder zur Lebenmittelausgabe zum Platz der Diakonie kommt, wird wieder Barbara Dully antreffen: „Vielleicht hat sich dann schon das eine oder andere Problem gelöst”, macht sie Hoffnung. „Der Kontakt ist so jedenfalls enger als in einer offenen Beratung.”