Die Route der Flüchtlingsschicksale

Oberbilk..  „Flüchtlinge liegen auf allen Treppen, und man hat den Eindruck, sie würden nicht aufschauen, wenn mitten auf dem Platz ein Wunder geschähe; so sicher wissen sie, dass keines geschieht.“ – Drastische Worte des Schriftstellers Max Frisch schmettern die Schauspieler den Zuschauern entgegen, wenn diese den kleinen Platz an der Sonnenstraße erreichen. Mitten in Oberbilk hängen hier Zettel mit guten Wünschen an den „unbekannten Flüchtling“ in den Bäumen – der für viele eben genau das bleiben wird: Unbekannt, eine weitere anonyme Zahl.

Nur eine von vielen Stationen, die die Zuschauer von „Dorthin wo Milch und Honig fließen“ auf ihrem Weg rund um die Ellerstraße besuchen werden. Das Theaterprojekt der Dramaturginnen Charlott Dahmen und Karin Frommhagen will Flucht und Migration ein Gesicht geben und eine Alternative sein zu anonymisierten Meldungen in den Nachrichten. Daher auch das ungewöhnliche Format: Die Zuschauer werden aktiv in das Geschehen integriert und folgen, ausgestattet mit einem Audio-Guide, einer von vier inszenierten Fußreisen quer durch Oberbilk.

Hier, im zweitgrößten arabisch geprägten Stadtteil Deutschlands, wird klar, was Migration bedeutet: Es herrscht ein Kommen und Gehen, nichts bleibt, wie es war, verschiedene Kulturen müssen sich miteinander arrangieren – Alltag für viele Immigranten.

Erzählt werden anhand der vier verschiedenen Routen die realen Schicksale von vier Flüchtlingen, die heute in Düsseldorf leben. Einer von ihnen ist Burhan, 20 Jahre alt, der nach einer waghalsigen Flucht vor den Taliban vor vier Jahren aus Afghanistan nach Deutschland kam. Vom Islamischen Bestattungsinstitut auf der Ellerstraße, wo Burhan über die schwierige Beziehung zu seinem Vater und dessen Tod berichtet, über einen arabischen Supermarkt bis hin zur Flüchtlingsberatungsstelle „Stay!“, wo die Zuschauer Hintergrundwissen und rechtliches Know-How zum Thema Immigration erhalten, sollen charakteristische Orte Einblicke in den Alltag von Immigranten und Asylbewerbern in Deutschland geben. Mal erwartet die Besucher eine schauspielerische Darbietung oder Aktion wie die für den „unbekannten Flüchtling“, mal eine Begegnung mit einem Ladenbesitzer oder Mitwirkenden der Produktion, mal gibt es auch nur einen Denkanstoß von der Stimme auf dem Audio-Guide. Alle vier Routen enden nach rund zwei Stunden im Café Salam auf der Querstraße, wo die Möglichkeit zum Austausch mit anderen Zuschauern besteht.

Der Kontext des Stückes könnte nicht aktueller sein. Erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg sind weltweit wieder mehr als 50 Millionen Menschen auf der Flucht, allein in den ersten vier Monaten des Jahres 2015 ertranken im Mittelmeer fast 2000 Flüchtlinge – Meldungen, die wir nur aus den Nachrichten kennen. „Dorthin wo Milch und Honig fließen“ gibt den Flüchtlingen ein Gesicht und macht bewusst, dass hinter jeder Flucht auch immer eine persönliche Geschichte steckt. Die Einnahmen aus dem Projekt fließen direkt als Spende an die Flüchtlingsinitiative „Stay!“ auf der Hüttenstraße, die Flüchtlingen in Düsseldorf praktische Hilfe in rechtlichen und alltäglichen Fragen bietet.