Die Orientierungshilfe

Gerresheim..  Zentimetergenau geleitet die Stimme im Ohr den Nutzer durch Gerresheim. Ausgehend von der Haltestelle am Rathaus wird auf dem Weg zur Kirche St. Margareta jeder Bordstein und Laternenpfahl, jede Außenmauer von Gebäuden und vor allem die Boden- und Pflasterstruktur beschrieben. So finden auch Personen, die blind oder stark sehbehindert sind, ihr Ziel, das sie ansteuern wollen. Gerd Kozyk hat die Orientierungstexte für den Blinden- und Sehbehindertenverein Düsseldorf von seinem Stadtteil Gerresheim verfasst, die ein Sprecher des Dachverbandes dann aufgenommen hat. Es gibt ganz verschiedene so genannte Tracks, wie allgemeine Informationen zu Gerresheim oder bekannten Persönlichkeiten aus dem Ort, die auf dem MP3-Player abgespielt werden können.

Es sind aber vor allem penibel genau ausformulierte Wegbeschreibungen zu unterschiedlichen Zielen, die für Menschen, die nicht sehen können, überlebenswichtig sind. Die abgelegeneren Gegenden um die Glashütte oder das Krankenhaus sind zwar nicht enthalten, im Gerresheimer Ortskern kommt man zwischen Benderstraße und Rathaus mit der Navigation aber gut zurecht. Sämtliche Bus- und Bahnverbindungen sind zum Beispiel ebenso Bestandteil der Aufnahmen wie auch die Wegbeschreibungen zu Bürgerhaus oder Zentrum Plus, zur Polizeistation oder Fußgängerzone.

Allerdings: „Es wissen noch viel zu wenige von der Möglichkeit, sich bei unserem Verein diese Audio-Stadtpläne kostenlos besorgen zu können“, sagt Kozyk.

Das gilt ebenfalls für den taktilen Stadtplan. Das Modell mit seiner plastischen Topographie dient Sehbehinderten als ertastbare Groborientierung für Zuhause. „Auch ohne Kenntnisse in Brailleschrift ist der Plan für Blinde hilfreich. Der Nutzer erhält das Gefühl für Dimensionen und räumliche Gegebenheiten. Der taktile Stadtplan mit seiner ausklappbaren Legende ist aber nicht dafür geeignet, ihn mit sich zu tragen, um von A nach B zu kommen“, erläutert der 65-Jährige. 100 Pläne für Gerresheim wurden angefertigt, „doch nur drei sind wir bisher losgeworden“, erzählt Kozyk. Dabei gebe es allein in Düsseldorf schätzungsweise 1200 Menschen, die als blind gelten, also über weniger als zwei Prozent Sehvermögen verfügen. „Die Dunkelziffer der stark Sehbehinderten ist natürlich sehr viel größer und dürfte bei mehr als 3000 liegen.“ Die taktilen Stadtpläne wurden jetzt für Gerresheim, Benrath und Kaiserswerth erstmals gestaltet. Für andere Stadtteile gibt es zwar Mappen mit ähnlich konzipierten Plänen, die aber zum Teil 20 Jahre alt sind. „Und bei den vielen Baustellen in Düsseldorf kann man sich ungefähr ausmalen, was die jetzt noch wert sind“, sagt Kozyk.

Das gelte vor der Hintergrund, dass auch die Benderstraße bald eine große Baustelle wird, mit Abstrichen natürlich auch für den Gerresheimer Plan. „Das ist bei den Audio-Tracks etwas einfacher, da werden die betreffenden Stellen später herausgeschnitten und neu aufgesprochen“, so Kozyk. Der 65-Jährige konnte bis zu seinem 21. Lebensjahr „noch sehen wie ein Adler, dann wurde es langsam dunkel. Jetzt habe ich noch ein Restsehvermögen von weniger als zwei Prozent, erkenne lediglich Schatten, Konturen, Bewegungen“. Auf der Straße weicht Führhund Lenny, ein Schweizer Schäferhund, nicht von seiner Seite. „Notfalls käme ich aber auch wohl so klar, ich kenne in Gerresheim ja jede Ecke.“