Die Kriegskinder in Düsseldorf

Am kommenden Freitag, dem 17. April, ist es genau 70 Jahre her, das Düsseldorf vom Nationalsozialismus befreit wurde und die Stadt an die US-Truppen übergeben wurde. Mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges an Rhein und Ruhr nimmt ein neues Buch des Düsseldorfer Stadtarchivs und der Mahn- und Gedenkstätte das Erleben des Krieges durch Kinder und Jugendliche sowie die ganz unterschiedlichen Erinnerungen an diese Zeit in den Blick.

Wie erlebten Düsseldorfer Kinder den Zweiten Weltkrieg? Welche Erfahrungen machten sie zwischen Bombennächten und Großalarm? Und wie erinnern sie sich an diese dramatische Zeit? Diesen Fragen geht der von Benedikt Mauer Bastian Fleermann im Auftrag des Stadtarchivs und der Mahn- und Gedenkstätte nach.

Anhand ausführlicher Berichte liefert das 240 Seiten umfassende Werk alle Grundlagen zum Verständnis, was eigentlich eine Kriegskindheit oder eine Kriegsjugend im Europa des 20. Jahrhunderts bedeutete.

„Die klassische Jugend gab es nicht“

Ein lokalspezifischer Blick auf Düsseldorf im Zweiten Weltkrieg wird vor allem in den Berichten zur „Kinderlandverschickung“ (KLV) deutlich. In diesem Kapitel stellt Benedikt Mauer, Leiter des Stadtarchivs Düsseldorf, auf Zeitzeugenberichten basierend, die Erfahrungen der Düsseldorfer Kinder und Jugendlichen bei ihren Aufenthalten fern der Heimat dar. Wie die Kinder diese Aufenhalte in weniger „bombengefähdeten Gebieten“ erlebten, was sie den Eltern - teils um die Briefzensur wissend - mitteilten und in welcher Art und Weise der totalitäre Staat die Zugriffsmöglichkeiten auf die Heranwachsenden nutzte, erfahren die Leser.

Doch nicht nur jene Kinder und Jugendliche sind Teil des Buches. Im dritten Teil stellt Hildegard Jakobs die verfolgten, ausgegrenzten, jüdischen Kinder und Jugendlichen Düsseldorfs vor, die ihre Stadt während des Zweiten Weltkriegs als doppelten Gewaltraum erfuhren: Ausgrenzungspolitik und Rassismus waren ihnen bereits seit frühester Kindheit bekannt. Sie und ihre Familien hatten schon mit den verheerenden Novemberprogromen 1938 Erfahrungen gemacht. Deportationen, Flucht, Versteck, Bombennächte, Chaos, Verlust und Mord gehörten zu den alltäglichen Erfahrungen der jungen jüdischen Menschen in Düsseldorf.

Ein Beitrag von Peter Henkel spürt schließlich den großen Unterschieden nach, die sich dort bemerkbar machten, wo Kinder und Jugendliche aus anderen verfolgten Gruppen die Kriegszeit in Düsseldorf erlebten. Anhand von Beispielen aus dem kommunistischen oder dem katholischen Milieu sowie aus der bedrückenden Lebenswelt der Düsseldorfer Sinti zeigt er, wie differenziert das Thema betrachtet werden muss.

Wichtig ist, das stellt Dr. Bastian Fleermann fest: „Die klassische Jugend während der Zeit des NS-Regimes in Düsseldorf hat es nicht gegeben.“

„Kriegskinder. Kriegskindheiten in Düsseldorf 1939 bis 1945“ dient zudem als ideale Begleitlektüre für die bald startende Dauerausstellung zu Kindheit und Jugend während des Krieges in Düsseldorf. „So eine dauerhafte Auseinandersetzung mit dem Themengebiet Kindheit und Jugend ist, abgesehen vom Anne Frank Haus in Amsterdam, schon etwas einzigartiges“, zeigt sich Bastian Fleermann begeistert und fügt hinzu: „Das ist wirklich ein Düsseldorfer Spezifikum.“