Der zweitwichtigste Pirat der Welt kommt aus Düsseldorf

Piraten-Chef Patrick „Pakki“ Schiffer: „Wir sind keine Internet-Partei, aber wir verstehen die digitale Revolution besser als alle anderen Parteien.“  Er kennt sich mit Revolutionen aus: Als Aktivist hat er aus Deutschland den arabischen Frühling unterstützt und geholfen, Diktator Muhammad Husni Mubarak zu stürzen.
Piraten-Chef Patrick „Pakki“ Schiffer: „Wir sind keine Internet-Partei, aber wir verstehen die digitale Revolution besser als alle anderen Parteien.“ Er kennt sich mit Revolutionen aus: Als Aktivist hat er aus Deutschland den arabischen Frühling unterstützt und geholfen, Diktator Muhammad Husni Mubarak zu stürzen.
Foto: dpa
Was wir bereits wissen
Der Düsseldorfer Patrick Schiffer ist stellvertretender Vorsitzender der Pirate Parties International (PPI), dem Weltverband der Piratenparteien.

Düsseldorf.. Der Gerresheimer Patrick Schiffer ist nicht nur der Landesvorsitzende der Piratenpartei, jetzt ist er auch der Vize des Weltverbandes Pirate Parties International (PPI), der über 50 nationale Piratenparteien vertritt. Dabei hatte Schiffer sich als politischer Aktivist geschworen, nie einer Partei beizutreten. Doch als sich der Landtag 2012 auflöste, stieß der heute 42-Jährige zur Piratenpartei, wollte ihnen helfen, das politische System zu entstauben.

„Den Aktivisten gibt’s nicht mehr. Ich will gestalten, das geht nur parlamentarisch.“ Das ist eine Lektion, die er in den letzten Jahren gelernt hat. Ein Verrat an früheren Idealen? Nicht für ihn. Durch seine Aktivistenvergangenheit sieht er sich nämlich als besonderen Politiker: „Ich bin sehr viel offener für Bürgerstimmen, auch für die, die keine Lobby hinter sich haben.“

Diktatur in Ägypten erlebt

Zudem hat er als Jugendlicher schon eine Diktatur erlebt, das Ägypten unter Muhammad Husni Mubarak. „Das war eine sehr prägende Zeit.“ Sein Vater war 1981 bis 1986 als Deutsch-Lehrer in Ägypten, Schiffer wurde dort mit vielen ägyptischen Mädchen von deutschen Nonnen unterrichtet. Für ihn ist Alexandria die Wiege der europäischen Kultur und auch die orientalische Mentalität hat ihn bis heute fasziniert: „Dort herrscht große Herzlichkeit. Wer nichts hat, ist trotzdem der beste Gastgeber.“

Natürlich hat er sich, damals noch als Pakki der Politaktivist, von Deutschland aus im arabischen Frühling engagiert. Am 11. Februar 2011 war er gerade im Düsseldorfer Hauptbahnhof, als der Anruf kam. „Mubarak ist weg“, sagte ihm eine Exfreundin aus Ägypten. Er musste sich hinsetzen, und Freudentränen liefen sein Gesicht herunter.

„In Düsseldorf haben wir schon die Ratsarbeit verändert“

Parteien Solch eine Revolution hat er noch nicht mit seiner Piratenpartei ausgelöst, bislang gab’s nur kleine Erfolge. „In Düsseldorf haben wir schon die Ratsarbeit verändert“, weil nun mehr Transparenz herrsche, etwa durch die Veröffentlichungen von Protokollen. In der Landeshauptstadt sitzt der Weltvize der Piraten, der sich noch immer Pakki nennt, im Schulausschuss.

Politik vor der Haustür, im Land und auf der gesamten Welt, für Schiffer ist das kein Widerspruch. „Ich denke global und handle lokal. Politik ist auf allen Ebenen miteinander verbunden.“ Etwa beim Transatlantischen Freihandelsabkommen TTIP oder als die Europäische Union verbieten wollte, dass man Urlaubsfotos vor berühmten Gebäuden ins Internet stellt. Globale und europäische Themen gehen eben auch jeden Düsseldorfer etwas an. So setzt sich Schiffer dafür ein, dass Deutschland Flüchtlinge aufnimmt. „Wir sind eine globale Gemeinschaft. Im Zweiten Weltkrieg waren wir Deutschen die Flüchtlinge.“

Außerdem trage Europa die Verantwortung für die vielen Flüchtlingsströme: „Wir haben jahrzehntelang Diktatoren unterstützt; jetzt müssen wir den Bürgerbewegungen helfen, die ihr Land befreien wollen.“ Ohnehin findet Schiffer, die Deutschen sollten sich in Flüchtlingsfragen nicht „so anstellen“: „Wir haben viel Platz, und wir sind Organisationsprofis.“ Allerdings dürften die Kommunen nicht mit den Belastungen allein gelassen werden, Land und Bund müssten helfen und Mindeststandards für Flüchtlingsheime festlegen. „Runde Tische sind nur viel Laberei, es muss endlich etwas passieren.“

Beinahe Bezirksvertreter

Wenn sich der Piraten-Chef in seiner Freizeit (der Familienvater arbeitet als Webdesigner) gerade einmal nicht für das bedingungslose Grundeinkommen oder für den Verbleib der Griechen in der Eurozone einsetzt, kämpft er dafür, dass Düsseldorfer Schulen besser ausgestattet werden und installiert kostenloses W-Lan in Gerresheimer Pizzerien. Hätte er bei der Kommunalwahl etwa zwei Dutzend Stimmen mehr bekommen, wäre er übrigens in die Bezirksvertretung 7 eingezogen und jetzt nicht zum Vize des Neuseeländers Andrew Reitemeyer gewählt worden. Das Mandat für Gerresheim möchte er vielleicht bei der nächsten Wahl gewinnen.

Piratenpartei Bis dahin arbeit er daran, die Piratenpartei zu professionalisieren, er sieht sie nicht als Nischenpartei, die Internetnerds anspricht, sondern als moderne sozialliberale Volkspartei. „Basisdemokratie ist unsere heilige Kuh, aber wir lernen aus unseren Fehlern.“ Dass es relativ ruhig um die Piraten geworden ist, empfindet er gar nicht als schlimm, er arbeitet gerne leise, auch viel nach Innen. Dass inzwischen weder die Parteiikone Marina Weisband noch die ehemalige Bundesgeschäftsführerin Katharina Nocun Galionsfiguren für die Piraten sein wollen, findet er schade, sieht aber trotzdem großes Potenzial für seine Patei. Vor allem Jugendliche ruft er auf, sich politisch zu engagieren, gerne auch als Netzaktivisten.

Weltberühmte Cousine

Dennoch hätte er für die Piratenpartei gerne mehr Öffentlichkeit; er glaubt, dass Medien und Bürger sie kaum noch wahrnehmen. Das will Patrick „Pakki“ Schiffer ändern, wollte das schon bei der Bundestagswahl. Damals hoffte er auf die Hilfe seiner weltberühmten Cousine, doch Supermodel Claudia Schiffer zierte keine Wahlplakate. Noch ist sie Werbestar für Luxusmarken, und in ihrer Branche wird parteipolitisches Engagement nicht gerne gesehen. Dafür hat Pakki Verständnis, und seine Motivation, für Gerechtigkeit zu kämpfen, hat dieser kleine Rücklschlag nicht gedämpft.