Der Wald ruft

Knittkuhl..  Regenwürmer können riechen, das weiß Lisa jetzt ganz genau: „Er hat sich zurückgezogen, als ich ihm Essig vor die Nase gehalten habe“, platzt es aus der Schülerin heraus. Im Rahmen der Projektwoche Natur an der Gemeinschaftsgrundschule in Knittkuhl hat sich Lisas Gruppe intensiv mit dem Dasein der Regenwürmer beschäftigt. Henrietta hat den kleinen Lebewesen sogar Namen gegeben: „Herr Schmidt, Herr Stitt und Herr Lange – weil der letzte so unglaublich lang ist.“

Entsprechend rücksichtsvoll behandeln die Grundschüler die Regenwürmer auch. Dass sie sogar „zweigeteilt“ regenerieren und weiterleben können, wenn genügend Segmente verbleiben, haben sie lediglich aus einem Lehrfilm erfahren. „Wir machen hier nur tierfreundliche Versuche“, betont Lehrerin Saskia Frank lächelnd und muss sich des kleinen Timo erwehren, der an ihrem Rockzipfel zerrt, weil er unbedingt sein Forschertagebuch präsentieren will.

Die altersgemischte Projektgruppe von Saskia Frank war in der vergangenen Woche nur eine von vielen, die ihre Naturverbundenheit unter Beweis stellte. Die Grundschüler beschäftigten sich mit Insekten und Greifvögeln, führten eine Waldolympiade durch oder tauchten ein in die Welt der heimischen Pflanzen. Gestern war die große Abschlusspräsentation, bei der die stolzen Eltern die Ergebnisse ihrer Sprösslinge begutachten konnten.

Wir nutzen hier unsere einmalige Lage direkt am Wald und in unmittelbarer Nähe von Feldern und Bauernhöfen, um die Kinder praxisnah mit dem vertraut zu machen, was die Natur hervorbringt“, sagt Schulleiterin Antje Grüneklee. Dieses Leitbild beschränke sich keineswegs auf die eine Projektwoche, sondern ziehe sich durch das gesamte Schuljahr. „Wir haben immer wieder vergleichbare Aktionen, legen Kräuterschnecken oder einen Barfußpfad auf dem Schulhof an, organisieren einen Gartentag. Wir wollen, dass die Kinder mit offenen Augen durch die Natur gehen und diese als wichtig und schützenswert erfahren“, erklärt Grüneklee. Dabei würden die kleinen Forscher aus Knittkuhl, Hubbelrath oder Ludenberg aufgrund ihrer ohnehin ländlich geprägten Wohnorte stets eine Menge an Vorkenntnissen mitbringen. „Darauf können die Lehrer aufbauen und mit weiterführenden Projekten das Wissen vervollständigen“, erklärt die Schulleiterin.

Diese Erfahrung hat auch Antje Dittkuhn gemacht. Ihre Gruppe malt mit Naturmaterialien. „Die erste Aufgabe lautete, von zu Hause Dinge mitzubringen, die sich für unsere Farbenküche eignen. Es war erstaunlich, was die Kinder alles angeschleppt haben – von Rote Beete über Kartoffelmehl bis Kurkuma, einer Ingwerpflanze, aus der ein Gewürz gewonnen wird“, erzählt die Pädagogin. Aber auch im Wald gesammelte Materialien wurden ausgekocht, um so die Farben zu extrahieren, die wiederum Basis für die kindlichen Kunstwerke waren. Und wenn dann mal bei der Aufregung ein Glas mit Graswasser am Boden zerschellt, ist das auch nicht weiter schlimm. „Da konnte man eh nicht so gut mit malen“, sagt der Verursacher achselzuckend.

Doch nicht nur ein breites Naturverständnis wird an der Grundschule in Knittkuhl gelehrt, auch eine ausgewogene Sozialkompetenz soll vermittelt werden. Beim jährlichen „Hungermarsch“ durch den Grafenberger Wald legen die 260 Kinder nicht nur tapfer eine zwölf Kilometer lange Strecke zurück, sie sammeln dafür auch jedes Mal bis zu 7000 Euro im Familienkreis. Das Geld wird dann an verschiedene Institutionen gespendet – Hilfsprojekten in Afrika oder Brasilien oder auch dem Ambulanten Kinderhospizdienst. „Wir legen bei der Verteilung der Spenden dann großen Wert darauf, dass die Kinder persönlich den Scheck übergeben oder zumindest etwas über die Hintergründe des jeweiligen Projekts erfahren und sehen, wo ihr Geld landet“, erläutert Antje Grüneklee. Und wenn dann zum Beispiel via Skype Kinder in Ruanda freudestrahlend „Danke Knittkuhl!“ in die Kamera rufen, bekommen auch die Schüler in Deutschland ein Gespür dafür, warum man durchaus mal müde Beine in Kauf nehmen kann.