Der Nebelkerzenwerfer
09.02.2012 | 19:46 Uhr 2012-02-09T19:46:00+0100
Düsseldorf.Ein Mann - viele Identitäten. Die Ausstellung im Heine-Institut über den Autor B. Traven enträtselt den Mythos.
Nichts verkauft sich besser als ein Mythos, weiß Jan-Christoph Hauschild. „Vor 40 Jahren“, vermutet der Literaturwissenschaftler, „wäre die Weltpresse angereist“, um Neues über B. Traven (1882 - 1969) zu erfahren.
„Das Totenschiff“
Der Autor, dessen sozialkritische Abenteuerromane (u. a. „Das Totenschiff“, „Der Schatz der Sierra Madre“) mehr als 30 Millionen verkaufte Exemplare erreichten, übersetzt in 20 Sprachen und Stoff für Hollywood-Filme boten, war ein Meister im Nebelkerzenwerfen. Der Nebel hat sich gelegt, das Heine-Institut bietet geordneten Durchblick.
Niemand, so wollte es der überzeugte Individualist, sollte seine biografischen Wege nachvollziehen können. Wie ein Haken schlagender Hase wechselte der als Otto Feige im polnischen Schwiebus geborene „Mystery Man“ Pseudonyme und Identitäten, nutzte Deckadressen und Postschließfächer. Dass Otto Feige, Ret Marut aus San Francisco, B.Traven, Traven Torsvan und Hal Croves - der Maschinenschlosser, der Gewerkschaftssekretär, der Schriftsteller, der revolutionäre Journalist und der Mime ein und dieselbe Person sind, ist die Ausbeute jahrzehntelanger Recherche von Journalisten wie Wissenschaftlern.
Dass der geschickte Selbstvermarkter mit der vexierhaften Persönlichkeit noch heute faszinierende Seiten hat, eröffnen Heine-Institut und Theatermuseum in gemeinsamer Ausstellungsaktion. Mit mehr als 200 Leihgaben - Bild- und Tondokumenten wie Handschriften, Erstausgaben und Reportagen - enträtseln die beiden Kuratoren Jan-Christoph Hauschild und Michael Matzigkeit an der Bilker Straße seine wechselvollen Spuren. Vom Säuglingsfoto bis zum Tod in Mexico. Wobei die deutschen Jahre im Mittelpunkt stehen.
Bluff und kritischer Geist
Hauschilds Erkenntnisse aus seinem frisch erschienenen Buch „B. Traven - Die unbekannten Jahre“ flossen freilich in die gleichnamige Schau ein. Er entdeckte etwa die Rolle des kulturell ambitionierten Sekretärs der Gelsenkirchener Metallergewerkschaft, der Opern- und Liederabende organisierte. Ein weiteres Verdienst der Kuratoren: „Über den Schauspieler Ret Marut weiß man jetzt so viel wie noch nie.“ Vor genau 100 Jahren baten übrigens Louise Dumont und Gustav Lindemann Ret Marut zum Vorstellungsgespräch. In den drei Jahren am Düsseldorfer Schauspielhaus kam er aber über Chargenrollen nicht hinaus.
Bluff, Betrug, Spekulationen, Fiktion Fantasie sind eng mit dem sphinxhaften Autor verknüpfte Vokabeln. Gleichzeitig war er getrieben von sozialkritischem Geist und aufklärerischen Ambitionen. In München gab er 1917 die Zeitschrift„Der Ziegelbrenner“ heraus. Wie moderne Konsumkritik klingt da: „Ihr braucht kein Plüsch-Sofa in Eurer Wohnung. Das Plüschsofa, das Ihr habt, ist das Zeichen Eurer Knechtschaft.“
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