Das Salz in der Suppe
27.03.2008 | 20:03 Uhr 2008-03-27T20:03:22+0100HISTORIE. Architekt Niklaus Fritschi stellte den "Industriepfad Gerresheim" mit seinen 20 Stationen vor.
GERRESHEIM. Für Niklaus Fritschi war es eine ungewohnte Rolle, als er gestern im Casino der ehemaligen Glashütte den "Industriepfad Gerresheim" mit seinen 20 Stationen vorstellte. Der Stadtplaner, Architekt und Hochschullehrer, von dem die Rheinuferpromenade und der Neubau Stadtmuseum stammen, ist Vorsitzender eines neu gegründeten Förderkreises und macht sich für das historische Erbe in der Stadt stark.
Der "planvoll zerfallene" Ringofen an der Bergischen Landstraße gehört ebenso dazu wie historische Bauten der Glashütten. "Die ererbte Bausubstanz ist das Salz in der Suppe jeder Planung", weiß Fritschi. Überzeugter Gerresheimer ist er seit elf Jahren übrigens auch.
Strecke von vier Kilometern
Wichtigste Aufgabe des Förderkreises ist es, am Beispiel Gerresheims 150 Jahre Industriegeschichte sichtbar zu machen. Konkret führt der Weg über eine Strecke von vier Kilometern zwischen Ziegelei und Gerresheimer Glashütte. Denkmäler sollen erhalten, Spuren gesichert, Fotos und Texte gestaltet werden. Hand in Hand mit Fritschi entwickelten Historiker, Denkmalschützer, Künstler und Heimatfreunde ihre Ideen. Dabei geht es nicht nur um Firmen, sondern vor allem um die Arbeiter, die mit der einst blühenden Industrie aus dem Baltikum, aus der Eifel und schließlich aus Italien zugewandert sind. Sie haben den Stadtteil geprägt, neue Lebensgewohnheiten mitgebracht, politische Veränderungen bewirkt.
Erste Station ist der Ringofen der Firma Sassen an der Bergischen Landstraße. Das arg verfallene Denkmal, seit neuestem im Besitz von Hochtief, ist das einzige Überbleibsel von 40 Ziegeleien, die in Düsseldorf zu einem wahren Backstein-Expressionismus geführt haben. Ehrenhof und Wilhelm-Marx-Haus sind Zeugen dieser Zeit.
Von dort geht es bis zu den Drahtstiftefabriken des Heinrich Frieding, Emil von Gahlen und Ignaz Dreher und die Nagelfabrik Künne.
Vom vornehmen Wohnen der Fabrikherren erzählen stattliche Häuser wie die Villa Poggfred an der Heyestraße. Aber auch für kinderreiche Familien wurde früh gesorgt, wie die Siedlung Zollhaus von 1925 zeigt.
Evangelische Kirche, Schule und Ferdinandheim sind Gründungen der Glashütte. Ebenso das Heyebad, das nur anfangs der Hygiene diente. Unter den Nazis wurden hier Kommunisten und Sozialdemokraten zusammengetrieben.
Einst die größte Flaschenfabrik
Gerresheimer Glas, 2005 geschlossen, war einst die größte Flaschenfabrik der Welt. Schaltzentrale, Kesselhaus und Werkswasserturm sollen mit Zustimmung der amerikanischen Eigentümer erhalten bleiben. Sehr lebendig ist es in der alten Glashüttensiedlung, die verkauft und neu bewohnt wird. Die Werkswohnungen hatten fensterlose Schlafräume, damit sich die Augen der Glasbläser von der Arbeit am Feuer erholen konnten. Ein Schattendasein fristet bislang der Bahnhof mit dem ältesten Stationsgebäude Westdeutschlands.
"Wir wollen keine rückwärts gewandte Nostalgie. Aber wir wollen das Unverwechselbare für die Nachwelt erhalten", betonte Fritschi. Wo solche Symbole fehlen, würden sie heute neu geschaffen - wie die nachgebauten Industriehallen in Derendorf: "Das sollte uns zu denken geben."
Einzelne Stationen erläuterte der Historiker Peter Henkel. Sein Buch wird 2009 zum Jubiläum der Eingemeindung Gerresheims vor 100 Jahren erscheinen.
21:03
Sehr guter Beitrag! Allerdings fehlt der Hinweis auf die Homepage des Vereins unter www.industriepfad-gerresheim.de!