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Das Leben ist ein Gedicht

15.02.2010 | 15:24 Uhr
Das Leben ist ein Gedicht

Düsseldorf. Das Leben ist ein Gedicht. Jedenfalls für Optimisten wie Mario Tranti. Der Friseurmeister aus Friedrichstadt hat zwar Wurzeln in Italien (sein Großvater wurde im Veneto geboren), trotzdem ist er fest im Düsseldorfer Boden verankert. Und im Karneval.

Die närrische Zeit beflügelt seine Phantasie und lässt die Reime sprudeln. Mario Tranti trimmt den Frohsinn auf Versmaß.

Neulich war er als „Ziehdongläser” (Zeitungsleser) mal wieder in der Bütt. Da schwadronierte er über Abwrackprämie („Onser Autoindustrie hät Moppe nödech wie noch nie”), über Düsseldorfer Fortuna und Berliner Politik, über Kinder und Alkohol („Pänz, die sech n't Koma suffe, bes datt se op de Ähhd romkruffe”) und über Banker, „dä nix jebaut hät, außer Mist.” Seitenlang Schelte gegen den Irrsinn der Welt, aber auf Platt klingt ja alles viel netter. „Das ist meine Lieblingssprache”, meint Tranti, mit seiner Frau wird zuhause nur Platt gesprochen. „Da kann man sich auch mal die Wahrheit sagen, aber es klingt nie beleidigend.”

Mario Tranti nutzt jede Gelegenheit

Der Mann muss es wissen, er ist auch Präsident der Mundartfreunde. Egal in welcher Eigenschaft, Tranti nutzt jede Gelegenheit, dem geliebten Karneval seine Referenz zu erweisen. Auch deshalb: „Im Gegensatz zum alemannischen Mummenschanz gibt der Jeck im rheinischen Karneval seine Identität nicht auf. Bei aller Verkleidung, will man sich nicht verstecken, nicht hinter einer Maske verschwinden.” Der Narr, ein Philosoph.

In der Bütt aber stand Tranti 30 Jahre nicht. Lange Zeit ließ er andere machen, hielt sich im Hintergrund – und schrieb. Hier ein jecker Liedtext, neulich eine Büttenrede für den Wettbewerb „Pänz in de Bütt”. Der 12-jährige Chinese Zejun Zhao, der erst seit drei Jahren in Düsseldorf lebt, kam mit dem Tranti-Text als „Dr. Ping Futsch” auf den dritten Platz. Und zwei Mal, zum Auftakt der Narrenzeit 2007 und 2008, legte er dem Hoppeditz seine Spottlust in den Mund. Die Gegenrede des Oberbürgermeisters schrieb er auch gleich dazu.

Ansonsten beschränkt sich seine aktive Narretei auf zwei Sitzungen, die er in jeder Session leitet - bei den Mundartfreunden und beim Sauerländischen Gebirgsverein. Was haben die mit Karneval im Sinn? „Na ja, bei denen bin ich auch Vorsitzender.” Also bringt er bei dieser Gelegenheit seinen Tippelbrüdern (und Schwestern) gleich die närrischen Flötentöne bei. Diese Sitzung ist traditionell am „Knospenmontag, weil eine Woche vor Rosenmontag die Rose noch eine Knospe ist.” Der Mann kann halt nicht ohne Poesie.

Kostprobe
Heine auf Platt

25 Gedichte von Heinrich Heine hat Mario Tranti bereits in Düsseldorfer Platt übersetzt. Hier eine Kostprobe, aber zunächst das Original:

Anfangs wollt' ich fast verzagen,

und ich glaubt, ich trüg es nie.

Und ich hab es doch getragen

Aber fragt mich nur nicht: wie?

Und nun die Version a la Tranti:

Ehsch wollt ech de Brocke schmieße,

dacht bei mech, dat packste nie.

On ech kohm doch un d'r Krise,

äwwer frooch mech bloß nit wie!

Auch nicht nach Aschermittwoch. Dann schreibt er schon mal einen Kurzkrimi für Enkel Luca, Gedichte für die Geburtstage von Freunden (und gelegentlich sogar für Fremde). Denn ständig ruft einer an und fragt, ob er nicht schnell was dichten könnte. „Kannste-nicht-machste-nicht ist mir sehr vertraut.” Und seitdem der Frisörsalon des 69-Jährigen nur noch zwei Tagen in der Woche geöffnet ist („für die Stammkunden”) bleibt auch mehr Zeit für die Dichtkunst jenseits von Helau. Dann findet er für Heinrich Heines Verse, die er besonders liebt, neue Wörter auf Platt. Immer in strenger Form, und niemals lässt er die Sprache vom Reim verhunzen. Klare Ansage: „Bei mir hat jede Zeile vier betonte Silben.”

Düsseldorfer Platt im Kölner Dom

Manchmal verzichtet er auf seine geliebten Reime. Dann hält er beim Gottesdienst der Mundartfreunde am dritten Adventssonntag eine Predigt. Zum Beispiel darüber, wie die Kirche mit ihrem Kalender den Rhythmus des Brauchtums bestimmt. Vor elf Jahren hat er sogar bei einem Gottesdienst seiner Mundartfreunde im Kölner Dom gesprochen - auf Düsseldorfer Platt. „Und während ich redete, hab' ich gedacht: Genau an dieser Stelle, hat auch der Papst schon gestanden.” Das war für Mario Tranti, den Frisörmeister aus Friedrichstadt, den Brauchtumsmann, den Dichter aus Leidenschaft, schon ein wunderbares Gefühl.

Ute Rasch

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