Das Ende einer Legende
06.12.2007 | 21:07 Uhr 2007-12-06T21:07:05+0100HISTORIE. Er ist geschätzte 200 Jahre alt, wird Goethe angedichtet - und nun gefällt: Rückblende für einen Ginkgo.
Es ist das Ende einer Legende. Wobei niemand zu finden ist, der sich wahrhaft erinnern kann, wer die Geschichte so nachhaltig um den Baum drapierte, um den es derzeit in der Verwaltung geht: Den grob geschätzte 200 Jahre alten Ginkgo, der eingepfercht zwischen Blumenstraße und Kö sein Leben fristet. Den soll Goethe bei einem seiner Besuche in Düsseldorf gesehen haben - erzählt sich alle Welt seit Ewigkeiten. Und weil der Blick eines Genies auch den von ihm betrachteten Gegenstand adelt, hängt dem Baum die Nähe zur Dichtergröße an. Goethe hat seine Zeit überlebt. Dem Ginko blüht ein vorzeitiges Ende: Er wird - obwohl laut Gartenamtsleiter Manfred Krick "kerngesund" - gefällt.
Was den Wissenden erbaut...
Auch der Gartenamtschef kennt die Mär' . Noch bevor er zwecks beantragter Fällung die Baumschutzsatzung bemühte, übte er sich als knallharter Rechercheur. Der Grünexperte stachelte den städtischen Goetheprofi im gleichnamigen Museum an. Aus Professor Volkmar Hansen sprudelte es auch, als er in die Ginkgo-Legende abtauchte: "Ach ja, ich hab' schon versucht, das herauszufinden. Das scheint mir eine wunderschöne Sage zu sein. Es gibt keinen Beleg für diesen Goethe-Baum - obwohl: der Mann hat 6000 Gedichte geschrieben."
Eins trägt den Titel "Ginkgo Biloba": "Dieses Baums Blatt, der von Osten/Meinem Garten anvertraut,/Gibt geheimen Sinn zu kosten,/Wie's den Wissenden erbaut." Viel geheimer Sinn, wenig Wissen. Aber das: Der Besitzer des Hauses Blumenstraße 7 hat seine Verbundenheit mit dem sagenhaften Gewächs offenbar überwunden, er schweigt, plant aber laut Bauaufsicht im Innenhof eine Überdachung. Genau da, wo der Ginkgo arg gestutzt und beim Abriss des einstigen "Heinemann-Hauses" an der Ecke Kö/Schadowstraße für kurze Zeit für alle sichtbar nach Luft ringt.
Vor Jahrzehnten noch, als die Schrobsdorff'sche Buchhandlung an der Kö umbaute, ließ der Großunternehmer aus Ahlen dem Baum das Leben, um ihn herum wurde eine gläserne Wand gezogen. Obwohl, so Gartenamtschef Krick, "der Baum schon damals hätte gefällt werden können."
Stattdessen wurde er vielfach bewundert. Eine ehemalige Mitarbeiterin der Buchhandlung erinnert sich: "Es gab eine richtige Völkerwanderung bei uns. Bei den VHS-Stadtführungen wurde der Baum besichtigt. Die Leute sammelten die Blätter, um sie zu pressen. Und der Juwelier nebenan verkaufte Schmuck in der Blattform." Und, so rätselt sie: "Gab es da nicht auch eine Grünen-Initiative zur Rettung?" Bei einigen Urgesteinen, wie Werner Goertz, nachgehakt, heißt es "Ja, da war mal was!" Aber was? Wolf Jenkner, Ex-Ratsherr: "Eine spontane Initiative und riesiger Bürgerprotest mit Unterschriftensammlung. Und sogar der damalige Planungsamtschef zog mit."
Aber der Bezug zu Goethe? Wenn schon, dann war's wohl eher ein Werbegag der einstigen Buchhandlung - einer, dessen Nachhaltigkeit das Gewächs im 21. Jahrhundert nicht mehr retten kann. Manfred Krick bemüht die Baumschutzsatzung. Die bietet keinen Überlebensschutz. Paragraf 4, Absatz 2, erlaubt die Ausnahme, wenn "eine nach baurechtlichen Vorschriften statthafte Nutzung" vorliegt. Das tut sie. Krick stöhnt: "Solch ein Baum mit solch einer Geschichte! Der tut einem leid. Der könnte noch weiter leben."
Und mit ihm die Legende. Eine winzige Chance für den Baum gibt es womöglich noch. Der Hausmeister, der schon viele Leute in den Innenhof ließ - "Der Ginkgo wurde doch so oft fotografiert!" - weiß von nichts: "Und ich", sagt er, "müsste das doch wissen!" Aber vielleicht ist er ja auch nur diskret.
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