Bett, Stuhl und Bilderrauschen
07.11.2008 | 19:59 Uhr 2008-11-07T19:59:56+0100AUSSTELLUNG. Abstieg lohnt sich! Die Tunnel-Schau im KIT fragt nach Schnittstellen von Mode, Kunst und Design.
Ein Abstieg, der Gewinn bringt: Augenreize, Gedankenkitzel, Horizonterweiterung, auch körperliche Bewegung. Treppab lohnt sich ab Samstag der Weg zur Kunst im Tunnel im Restraum des Verkehrsstroms. "Vom Gehen in viele Richtungen" will die aktuelle Ausstellung im KIT berichten, den Besucher mitnehmen. Und diesmal ist die Schau der extravaganten Architektur wirklich gewachsen.
Die üblichen Orientierungshilfen wie Namen, Etiketten, Zuordnungen, Hierarchien verweigern die Objekte, Fotos und Videos der unterirdischen Raum-Erfahrung zunächst allerdings bewusst: Mode, Kunst, Design? Da sind die klar definierbaren Grenzen doch längst aufgehoben, beeinflussen sich die Diszipline gegenseitig. Mixed media eben! Oder?
Operierte Stiefelette
Zur persönlichen Überprüfung dieser Schnittstellen-Frage, zur Lockerung festgefahrener Vorstellungen laden Gabriele Orsech (langjährige Leiterin der Akademie Mode und Design AMD) und der Düsseldorfer Galerist Bernd Ruzicska ein. Finanziell ermöglicht vom Verein 701, der sich die Förderung unkonventioneller Kunst-Projekte auf die Fahne geschrieben hat. Wie ein Bühnenbildner schuf der auch mit Objekten vertretene Gregor Russ eine starke Ausstellungsarchitektur, die dem Konzept der Kuratoren den Boden bereitet.
Und das auch ganz wörtlich. Direkt nach dem faszinierten Blick auf das Video Werk surreal zerschmelzender Alltagsgegenstände (Caroline Lerch/Michiel Helbig) fängt Russ die Besucher mit einem 28 Meter langen weißen Tunnel im Tunnel ein. Eine Art Laufsteg zum Präsentieren, an dessen Seiten sich der Kunstfreund spiegeln kann. Ein erster Hinweis auf den Auftritt eines jeden Künstlers in beiden Räumen mit doppelten, abweichend wiederholten Arbeiten.
Wer nicht weiß, dass A.F. Vandevorst ein prominentes Antwerpener Modelabel ist, dem führt der ausgestellte "Fetisch" Schuh augenfällig einen Kunst-Operateur vor: Wie nach einem chirurgischen Eingriff zerlegt, von Klemmen verspannt, zeigt sich die bizarre hochhackige Stiefelette.
Auf ein bengalisches Märchen bezieht sich das Ölbild "Malanchamala" der Georgierin Thea Gvetadze. Zum tatsächlichen 'Verinnerlichen' des Motives lädt sie mit ihrer großen quadratischen Herren- Torte ein, die das Bild im Guss zitiert.
Was ist ein Stuhl? fragt Matali Crasset (in den 90ern in Starcks Design-Team) und hat strenge Metallrohrstuhl-Rohlinge als Ideenträger für vielfältige Möglichkeiten mit Gürteln namhafter Modedesigner wie Hêrmes bespannt. Platz nehmen möglich, aber nicht erlaubt! Auf Podesten sind sie zu Objekten erhoben.
Für entrückende Momente sind die schwarzen Doppelbetten von Mike Meire? gut. Wer sich hier in die Horizontale begibt, hat zum Thema Badekultur Klangräume in den Ohren und Video-Welten auf dem Betthimmel über sich. Bei soviel Perfektionismus hat das "Bilderrauschen" der ehemaligen Schwegler-Schülerin Julia Kröplin wundervoll handwerklichen Charme. Auf einer spanischen Wand wuchern fein gezeichnete Landschaftsfragmente wie apokalyptische Botschaften.
Woran arbeiten Sie gerade? Die Künstler-Frage macht Michael Hofstetter zum umgehbaren Holzkörper oder setzt einzelne kleine Wort-Gebäude in einem farbigen Stoff-Fluss aus.
Viel Licht am Ende des Tunnels. Hier zeigt sich dem Kunstwanderer der letzte Raumzipfel wie eine kleine Kathedrale. In deren durch die Raumveränderung gesteigerten Oberfensterlicht zieht das geheimnisvolle Figurenpaar aus bemaltem Lindenholz von Paloma Varga Weisz die Augepaare auf sich.
Eröffnung: Samstag, 8. November, 19 Uhr. Bis 4. Januar, Di-Sa 12-19, So 11-18 Uhr.
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