Benrath schiebt sich nach vorne

Hier der Charme des Rokoko – Nacht der Museen in Schloss Benrath - dort morderne Industrie. Das macht Benrath aus.
Hier der Charme des Rokoko – Nacht der Museen in Schloss Benrath - dort morderne Industrie. Das macht Benrath aus.
Foto: WAZ FotoPool
Was wir bereits wissen
Tief im Düsseldorfer Süden rumort etwas: Ein Stadtteil pocht auf Teilhabe. Das Ringen um Großprojekte zeigt neues Selbstbewusstsein

Düsseldorf..  Tief im Süden rumort etwas. Nach vielen Jahren des Stillstands pocht Benrath darauf, im Konzert der Düsseldorfer Stadtteile nicht länger nur als eine von vielen Hintergrundstimmen mitzusingen. Benrath will seine Eissporthalle behalten, fordert einen eigenen RRX-Halt, braucht mehr als 20 Millionen Euro, um das bröckelnde Rokoko-Schloss von Grund auf zu renovieren und will das Albrecht-Dürer-Berufskolleg aus Bilk in die Paulsmühle entführen, wie die Anwohner ihr Viertel östlich von Bahndamm und Schnellstraße nennen. Benrath schiebt sich nach vorn – Grund genug, mit dieser NRZ-Ausgabe unsere neue Serie zu starten: Mein Benrath.

Damit das passiert, wollen die Bürger allerdings von einer Sache überzeugt werden. Von Beginn an haben die da im Süden von Düsseldorf um ihren Flecken kämpfen müssen. „Benrath“ leitet sich ab von „Benrode“. Das waren Ritter, die in den Anfängen ihr Land dem Urwald abtrotzen mussten. Lange hatten sich die Benrather gegen die ungeliebten Nachbarn aus Düsseldorf gewehrt. Manch einer träumte insgeheim sogar von eigenen Stadtrechten. Doch am 8. Oktober 1929 war es vorbei mit Eigensinn und Eigenständigkeit.

Benrath gehört seither zu Düsseldorf; als Zugeständnis durften die Benrath lediglich ihr 1906 erbautes Rathaus behalten – und einen eigenen Verwaltungsbeirat. Und bevor jemand das Benrather Selbstbewusstsein unterschätzt: Die eigene Bezirksvertretung, die eigene Bundesagentur für Arbeit und ein separates Standesamt hat sich der Ortsteil im Unterschied zu manchen Nachbarn bewahrt.

Kraft und Spannung schöpft Benrath aus dem Miteinander von Tradition und Moderne. Da ist auf der einen Seite die Postkarte: das Benrather Schloss. Aus kurfürstlicher Sicht ein formidables Wochenendhaus; für die Jagd und die Lust, ähem, sagen wir, die angenehmen Dinge des Lebens. 22 Jahre lang wurde an dem rosa Rokokoensemble gebaut. Düsseldorfs erste Toilette mit Wasserspülung inklusive. Den zugehörigen Schlosspark hat der Pfingstorkan Ela gezaust wie viele andere Düsseldorfer Parkanlagen. Prominentestes Opfer: die weit über die Stadt hinaus bekannte Trauerweide auf Schlossweiherinsel.

Parallel dazu war Benrath allem Neuen gegenüber aufgeschlossen. Die aus dem Bergischen herbeiströmende Itter trieb in den Anfängen so manches Mühlrad. Dann kamen Eisen und Stahl. Und Elektrizität. Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhundert gewann Benrath zahlreiche Unternehmen. Auf einer der größten Brachen – dem ehemaligen Thyssen-Krupp-Gelände, soll nun das Albrecht-Dürer-Berufskolleg mit seinen rund 4500 Schülern angesiedelt werden. Mehr als 20 Jahre dämmert die Fläche bereits ungenutzt vor sich hin. Nun will der Stahlriese verkaufen, die städtische Tochter IDR zeigt Interesse. Die Altlasten, die in der Industriefläche vermutet werden, sollen mit einem Deckel versiegelt werden.

Gegen diesen Plan stellt sich die Industrie- und Handelskammer, die Handwerksammer, die Bilker Politiker. Sie verweisen auf einen Ratsbeschluss aus dem Jahr 2013, der das Berufskolleg vom Fürstenwall an die Völklinger Straße umsiedeln will – neben die dortige Handwerkammer. Benrather Bürger ihrerseits haben eine Unterschriftenaktion zu Gunsten ihres Stadtteils gestartet. Am Freitag waren sie zu einem über einstündigen Gespräch bei Oberbürgermeister Thomas Geisel, der sie unterstützt. Auch weil das Kolleg im Süden ein starkes Argument dafür wäre, den RRX am Benrather Bahnhof zu stoppen. Was die Bahn momentan mit Händen und Füßen bekämpft.

Gleich nebenan will das finnische Unternehmen Outokumpu das traditionsreiche Nirosta-Werk Schritt für Schritt nach Krefeld verlagern. Ende 2016 soll dieser Prozess abgeschlossen sein. Noch arbeiten mehr als 530 Beschäftigte im Benrather Stahlwerk. Auch dort wird eine Fläche zurückbleiben, deren Boden durch jahrelange industrielle Nutzung verseucht ist.

Der Benrather Handel steht in Konkurrenz zu den modernen Einkaufsmalls der Innenstadt von Düsseldorf und dem beliebten Zentrum von Hilden. Der Benrather Heimatverein sichert die Quellen der Stadtteilgeschichte. Die Eissporthalle soll vorerst bis 2017 geöffnet bleiben – aber erst in dieser Woche, wenn die Eisfläche abgetaut ist, stellt sich heraus, wie hoch die Reparaturkosten aktuell sind. Dies alles sind Themen unserer großen Serie „Mein Benrath“. Täglich hier – in Ihrer NRZ.