Auftritt für Midge Ure

Was wir bereits wissen
Ultravox-Gitarrist Ure Midge kommt nach Düsseldorf – in die Stadt, deren Künstler ihn zu Hits inspirierten. Wir sprachen mit ihm.

Düsseldorf. Mit seinen Bands Visage und Ultravox hat er Musikgeschichte geschrieben und für unvergessliche Musikkracher der 1980er Jahre gesorgt, seine Soloalben erreichten Platinstatus und sein Engagement für das Benefizkonzert Live Aid im Jahr 1985 gegen die damals akute Hungersnot in Äthiopien wurde Kult. Am 9. November gibt Midge Ure ein Gastspiel in Düsseldorf. Die NRZ traf den Komponisten und Musiker vorab zum Interview.

Die Zeit ist knapp bemessen. Nach dem Soundcheck in der Zeche Bochum zu seiner aktuellen Tournee gibt es noch ein Meet & Greet mit ausgesuchten Fans, bevor das Konzert beginnt. Ure signiert Schallplatten und CDs, Bücher und T-Shirts. Und für jeden Fan nimmt er sich Zeit für einen kleinen Plausch. Es geht um die großen musikalischen Erfolge der 1980er Jahre und um seine Bands Visage und Ultravox. Es geht um seine Soloalben und auch um sein Heimatland Schottland.

Sympathisch und authentisch scherzt Ure mit den Fans, unterdrückt seinen ausgeprägten schottischen Akzent, sonst würden ihn seine Fans wohl nicht verstehen. Es wird viel gelacht, Schulterknuffen inklusive. Während und nach dem Signieren steht Midge Ure für Fotos zur Verfügung und lächelt verschmitzt in die Kleinbildkameras und Handyobjektive. Die Frauen machen Fotos ihrer Männer, die stolz neben Midge stehen, nicht umgekehrt. Ob die Herren die größeren Fans sind oder einfach nur die niedrigere Hemmschwelle haben, wage ich an dieser Stelle nicht zu beurteilen.

Keine Angst vor Fannähe

Erst nachdem der Musiker seine Fans zufriedengestellt hat und alle glückselig Richtung Konzerthalle wandeln, ist unter dem kritischen Blick auf die Armbanduhr des Tourmanagers Zeit für ein Interview. Der Weg aus dem kleinen Raum im Gebäude zum Backstage-Bereich, also hinter die Bühne, führt durch den bereits menschengefluteten Publikumsraum. Sein Tourmanager wird bei dem Gedanken daran nervös. „Kein Problem“, sagt Ure lachend, „gehen wir halt durchs Publikum. Ich treffe eh gleich alle wieder.“ Ure legt mir die Hand auf die Schulter und zieht mich hinter sich her. Ob es schwieriger war damals, in den 70er und 80er Jahren zu komponieren, will ich wissen, oder ob es ihm heute schwerer falle. Ure muss nicht lange überlegen und blickt mich unverwandt an. Um seine Augen spielen tiefe Lachfalten. Überhaupt blickt er jedem direkt in die Augen. „Heute“, sagt er mit Nachdruck. Er vergleiche seine aktuellen Kompositionen ständig mit älteren Stücken, versuche sich einerseits nicht zu wiederholen, andererseits stets besser zu werden. „Das ist richtig harte Arbeit.“

Egal ob Stücke wie „Dancing with tears in my eyes“, „Vienna“ oder „Fade to grey“ mit der unverkennbaren Textzeile „Devenir gris“, die auf jeder 80er-Jahre-Party umgehend hemmungsloses Seufzen auslöst – was Ure Midge in den 1980er-Jahren komponierte, wurde zum Hit. Nach seiner musikalischen Inspiration befragt, gerät der 1953 geborene Komponist ins Schwärmen: „Hätte ich damals die Platten der Düsseldorfer Bands ‘Neu!’, ‘La Düsseldorf’ und ‘Kraftwerk’ nicht gehört, hätte ich diese Stücke nie komponiert, nie meine musikalische Basis gefunden. In Großbritannien gab es zu dieser Zeit nichts Vergleichbares.“

Durch die Zusammenarbeit mit dem deutschen Kultproduzenten Conny Plank wurde das Ultravox-Album „Vienna“ im Sommer 1980 auch kommerziell zum Erfolg. Der deutsche Plank, der bereits sehr früh mit elektronischen Instrumenten und Synthesizern experimentierte, führte auch Ure zum kompositorischen Gebrauch elektronischer Klangerzeuger und schuf die Basis für spätere Arbeiten. Befragt nach der Zusammenarbeit mit Conny Plank in seinem kleinen Tonstudio im ländlichen Neunkirchen-Seelscheid, etwa 35 Kilometer südöstlich von Köln, muss Midge Ure lächeln: „Wir hatten damals, als wir bei Conny ankamen, überhaupt keine Idee, was wir machen wollten. Conny riet uns dazu, erst einmal im nahegelegenen Freibad schwimmen zu gehen.“ Und dennoch, Plank verhalf Ultravox wie auch den Bands Kraftwerk, den Scorpions, Grobschnitt, Michael Rother, DAF, den Bläck Fööss, Eurythmics und Heinz Rudolf Kunze, um nur wenige zu nennen, mit seinem musikalischen Gespür und Motivationstalent zum Durchbruch.

Engagement für Notleidende

Doch selbst während der ganz großen, auch kommerziellen Erfolge vergaß der Komponist nie die Notleidenden um ihn. So gründete er zusammen mit Bob Geldof 1984 zum Beispiel das Hilfsprojekt Band Aid und organisierte die Benefizkonzerte Live Aid und Live 8 gegen die damals akute Hungersnot in Äthiopien. Seine Komposition „Do They Know It’s Christmas?“ mit Band Aid unter Beteiligung unter anderem der Musiker Bono von U2, David Bowie, Sting, Phil Collins und den Bands Status Quo, Queen, Duran Duran und Spandau Ballet wird bis heute zur Weihnachtszeit im Radio gespielt.

Es ist kurz vor acht, der Tourmanager blickt mit in Falten gelegter Stirn auf seine Uhr. Das Publikum in der Halle der Zeche Bochum wird lauter, applaudiert rhythmisch, skandiert den Konzertbeginn. Die Fans fordern die alten Hits. Und die neuen Stücke. Die, die immer besser sein müssen, als alles andere davor. Midge Ure tritt unprätentiös zu seiner Band auf die Bühne und spielt lächelnd die ersten Akkorde eines neuen Stückes. Später dann Musikgeschichte.